Jim Marshall Als ein Drummer den Gitarristen das Lärmen beibrachte

Jimi Hendrix, Jimmy Page, Jeff Beck - die Gitarrenstars der sechziger Jahre hätten ohne die elektronischen Verstärker der Firma "Marshall" nur halb so mächtig, dreckig und brutal geklungen. Der Erfinder der legendären Röhren-Amps, Jim Marshall, ist heute 81 Jahre alt - und kein bisschen leise.

Von Edgar Klüsener


Klassische Gitarrenverstärker-Combo von Marshall: Mächtiger, dreckiger, krachender, brutal lauter Sound

Klassische Gitarrenverstärker-Combo von Marshall: Mächtiger, dreckiger, krachender, brutal lauter Sound

Jim Marshall ist eigentlich kein Mann für Autogramme. Im Moment allerdings gibt er gerne welche. Wegen dem Doktor vor dem Jim. "Ist schon ein Ding", sagt er, "ich bin in meinem Leben nie zur Schule gegangen, und jetzt bin ich trotzdem ein Doktor." Der Titel ist ehrenhalber, vom College Of Music einer renommierten amerikanischen Universität verliehen. Nach dem Marshall schreibt er noch OBE und deutet dann extra mit dem Finger drauf: "Einen OBE habe ich jetzt auch, Anfang des Jahres verliehen bekommen. Von der Königin!"

OBE steht für "Order of the British Empire". Das existiert zwar eigentlich gar nicht mehr, der Orden ist aber trotzdem immer noch eine der höchsten Auszeichnungen, die das Inselreich zu vergeben hat. Kein Wunder, dass Jim Marshall strahlt wie ein Lausebengel, dem das Honigkuchenpferd vom Fensterbrett der Nachbarin direkt in den Mund gefallen ist. In diesem Augenblick sieht er keinen Tag älter aus als höchstens jungenhafte 61. Aber weit gefehlt: 81 Jahre hat er mittlerweile auf dem Buckel. Und was für Jahre.

Steptänzer, Schlagzeuger, Bigband-Sänger, Elektroniker

Marshall war Steptänzer und Bigband-Sänger, Schlagzeuger und Elektroniker im Dienste ihrer Majestät, Schlagzeuglehrer, Ladenbesitzer und schließlich der Mann, der den Rock'n'Roll laut und dreckig machte, Ein Drummer, der die Gitarristen das Lärmen lehrte. So einer ist Jim Marshall. Und heute, mit 81 Jahren, läuft er immer noch jeden Morgen um punkt Sieben in seinem Büro auf, in dem in einer Ecke ein Schlagzeug steht, in einer anderen ein Plattenspieler, dann noch ein Riesen-Schreibtisch und auf diesem ein Aschenbecher, in dem sich todsicher die Überreste einer schweren Zigarre finden lassen.

Von diesem Büro aus leitet er eine Weltfirma, die Produkte baut und vertreibt, die zu manchen Zeiten fast den Status religiöser Kultgegenstände hatten - und für manche Rock'n'Roller immer noch haben. Ohne seine Marshall-Verstärker wäre der mächtige, dreckige, krachende, brutal-laute Sound der Who, von Deep Purple, Led Zeppelin oder Jimi Hendrix nie möglich gewesen, ohne sie wäre vermutlich der Rock'n'Roll nie wirklich ohrenbetäubend geworden. Der Mann ist eine lebende Legende.

Verstärker-Papst Marshall (auf dem Cover seiner im April veröffentlichten Biografie "The Father of Loud"): Lebende Legende

Verstärker-Papst Marshall (auf dem Cover seiner im April veröffentlichten Biografie "The Father of Loud"): Lebende Legende

Hätte allerdings eine Kartenlegerin Beatrice und Jim Marshall in den frühen zwanziger Jahren eine solche Zukunft für ihren Erstgeborenen vorausgesagt, hätte der frühere Seefahrer Jim Marshall sie wahrscheinlich eigenhändig aus der Stadt verjagt. Denn Jim junior wurde als Kind schwer krank.

"Ich litt an Knochentuberkulose", erinnert er sich. "Deswegen verbrachte ich meine Kindheit größtenteils von Kopf bis Fuß eingegipst. Alle paar Monate schnitten die Ärzte den Gips auf und packten mich in einen größeren, so dass ich wachsen konnte. An Schule war da natürlich nicht zu denken. Ich verbrachte die meiste Zeit im Krankenhaus. Zu der Zeit wurden Kinder im Krankenhaus noch nicht unterrichtet. Also wuchs ich ohne jede Schulbildung auf. Nur einige Pfadfinder bemühten sich, mir etwas beizubringen: Wie man Bastkörbe flechtet! Wenn du jemals einen Bastkorb brauchst", lacht er, "komm zu mir, ich flechte dir selbst heute noch einen perfekten!"

Steppen sollte der Junge lernen, das stärkt den Rücken

Er war bereits 13, als die Krankheit endlich so weit unter Kontrolle war, dass er endgültig ohne Gipskorsett leben konnte. Prompt schickten die Eltern ihn zur Schule. Ein vergebliches, weil arg verspätetes Unterfangen.

"Ich kam wegen meines Alters sofort in die Abschlussklasse. Und verstand natürlich, weil mir jede Vorbildung fehlte, kein Wort von dem, was da im Unterricht erzählt und gesprochen wurde."

Schule machte so keinen Sinn für Jim, deshalb bekniete er seinen widerstrebenden Vater, ihm den etwas vorzeitigen Einstieg ins Berufsleben zu erlauben. Am Ende ließ er sich breitschlagen und verschaffte Jim eine Stellung als Ladenjunge in dem Geschäft, dessen Manager er war.

Außerdem schickte er ihn zum Tanzunterricht. Steppen sollte der Junge lernen, das stärkt den Rücken, hatte der Vater gedacht. Steppen lernte der Junge auch, und außerdem das Singen. Mit 14 Jahren war er, da einziger Junge in der Klasse, für alle Fred-Astaire-Parts zuständig und außerdem für die eine oder andere Gesangsnummer. Die Schule gab regelmäßig Vorstellungen für die Eltern, Freunde und Verwandten ihrer hoffnungsvollen Nachwuchstalente, in denen diese ihr Können demonstrieren durften.

Jim Marshall wurde gleich bei der ersten Darbietung entdeckt, vom Großvater eines der Mädchen. Dessen Name war Charly Holmes und er war der Bandleader eines der angesagtesten Londoner Tanzorchester jener Tage, eine 16-köpfige Showband mit allem Drum und Dran und einem randvollen Auftrittskalender. Charly Holmes war von der Stimme des gerade mal vierzehnjährigen Jim Marshall angetan und verpflichtete ihn vom Fleck weg für seine Band.

Gitarren-Gott Hendrix: "Schon wieder einer von denen, die versuchen, was umsonst zu bekommen"
DPA

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"Von da an schuftete ich tagsüber als Ladenjunge und stand außerdem jede Woche fünf Nächte lang als Sänger mit der Bigband auf der Bühne. Denn trotz allem: den sicheren Tagesjob wollte ich nicht aufgeben. Und viel Arbeit hat mich noch nie gestört."

Jim Marshall ist ein Workaholic, heute noch.

Als Bigband-Sänger machte er sich im Vorkriegs-London schnell einen Namen. Bald außerdem noch als Schlagzeuger. Den Umgang mit Stöcken, Trommeln und Becken hatte er so ganz nebenbei gelernt. Der Krieg setzte dann neue Prioritäten. Wegen seiner Krankengeschichte war Jim Marshall untauglich für den aktiven Dienst. Stattdessen setzte er in einem Rüstungsbetrieb elektronische Bauteile für britische Militärflugzeuge zusammen. Und wollte mehr wissen über das, was er da routinemäßig zusammenstöpselte.

"Ich besorgte mir alle erhältlichen Fachbücher und las mich in die Materie ein. Bald wusste ich ebenso viel über die Elektronik, die wir da zusammenbauten, wie die Elektroniker der Firma." Das merkten auch seine Vorgesetzten und beförderten Jim Marshall kurzerhand zum Chefelektroniker, als die ausgebildeten Fachkräfte einer nach dem anderen mit Einberufungsbefehlen in der Tasche Richtung Schlachtfeld verschwanden.

"Ich glaube nicht an Gruppenunterricht"

Nach Kriegsende wandte sich Marshall wieder der Musik zu. Als singender Schlagzeuger brachte er es mit eigener Band zu einigem Ruhm, aber das Trommeln rückte mehr und mehr in den Vordergrund und begründete schließlich die nächste Karriere als hauptberuflicher Schlagzeuglehrer, der nur noch nebenbei selbst auf die Bühne ging. Marshall erteilte ausschließlich Einzelunterricht und hatte im Schnitt 65 Schüler pro Woche, von denen er jedem einzelnen eine volle Stunde widmete. "Ich glaube nicht an Gruppenunterricht", begründet er die zeitintensive Arbeitsweise. In den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern wollten immer mehr von seinen jungen Schülern diese neue Musik aus Amerika spielen. Also brachte ihnen Jim Marshall den Rock'n'Roll bei.

Unter seinen Schülern waren etliche, die später in großen Bands spielen sollten. Jimi Hendrix' Drummer Mitch Mitchell zum Beispiel, Little Richards Taktgeber Micky Waller oder Ritchie Blackmores Schlagzeuger Nicky Underwood.

Rockband The Who, Gitarrist Townshend (2.v.l.): "Die Idee klang gut"
AP

Rockband The Who, Gitarrist Townshend (2.v.l.): "Die Idee klang gut"

Wenig später eröffnete Marshall zudem noch einen Schlagzeugladen, hauptsächlich für die eigenen Schüler. Doch zu den Kunden gehörten bald auch jede Menge andere Drummer aus London und Umgebung. Viele seiner Schüler spielten inzwischen in eigenen Gruppen und brachten nun immer wieder mal ihre Bandkollegen mit in den Laden. Darunter war auch Pete Townshend. Der Who-Gitarrist gehörte zu jenen, die Marshall bald in den Ohren lagen, doch endlich sein Sortiment auch um Gitarren und Verstärker zu erweitern.

"Von beidem hatte ich nicht die geringste Ahnung", lacht er heute. "Aber die Idee klang gut."

1962 lief der Laden bereits so hervorragend, dass Marshall Personal einstellen musste. Doch er wäre wohl bis heute ein Musikalienhändler unter vielen geblieben, wenn es nicht diese folgenschweren Gespräche mit seinen Kunden gegeben hätte: "Ich unterhielt mich häufig mit den Gitarristen, die zu mir in den Laden kamen, vor allem mit Pete Townshend, mit dessen Vater, ein Alt-Klarinettist, ich in der Vergangenheit zusammen Musik gemacht hatte, und mit Ritchie Blackmore. Die klagten immer wieder, dass es für ihre Musik einfach keinen Amp gäbe, der den Sound produzierte, den sie sich vorstellten. Sie wollten einen mächtigen, schmutzigen, dynamischen Sound, einen echten Rock'n'Roll-Sound. Also dachte ich: Okay, versuchen wir's mal!" Jim, der hochtalentierte junge Elektroniker Dudley Craven und Marshalls Mitarbeiter Ken Bran machten sich also daran, den ersten Marshall-Verstärker zu entwerfen. Im September 1962 stand der Prototyp bereit zum Ausprobieren.

Ein junger Mann aus Seattle

Wenig später war dann das erste Modell ladenfertig. Und die Bestellungen flatterten alsbald so zahlreich rein, dass die Ladenwerkstatt mit dem Bauen nicht mehr nach kam. 1963 war dem Laden bereits eine Werkstatt angegliedert, in der Ken Bran und Dudley Craven einen Verstärker pro Woche bauten. Viel zu wenig, um den rasant steigenden Bedarf zu decken. 1964 lagerte Marshall die Produktion deshalb in eine neue Fabrik nach Hayes aus. 16 Mitarbeiter setzten dort dann schon 20 Verstärker pro Woche zusammen. Derweil sangen Gitarristen wie Jeff Beck oder Jimmy Page überschwängliche Loblieder auf die Amps. Eine Legende war geboren.

Endgültig zum Markenzeichen für lauten, gemeinen und zugleich exzellenten Rock'n'Roll wurde der Marshall-Verstärker, als der Schlagzeuger Mitch Mitchell eines Tages einen jungen Gitarristen aus dem amerikanischen Seattle mit in den Laden brachte. Der hieß ebenfalls Jim Marshall, hatte allerdings den zusätzlichen Nachnamen Hendrix und war mit dem Londoner Schlagzeuglehrer und Musiker-Guru weder verwandt noch verschwägert.

Zu Anfang wusste der Verstärker-Bauer nicht so recht, was er von James Marshall Hendrix halten sollte: "Hendrix kam dann in den Laden, und wir unterhielten uns. Er sagte, er wolle unbedingt auch über Marshall-Amps spielen und behauptete im Brustton der Überzeugung, dass er bald einer der ganz Großen im Rockzirkus sein werde. Mein erster Eindruck war: Schon wieder einer von denen, die versuchen, was umsonst zu bekommen. Aber im nächsten Atemzug sagte er schon, dass er natürlich für alles den vollen Preis bezahlen werde."

Sehr bald entwickelte sich aus den ersten Kontaktschwierigkeiten eine andauernde Freundschaft und Jimi Hendrix wurde zum besten Propagandisten für Marshall-Verstärker, den die junge Firma sich wünschen konnte. In den Siebzigern hatten Marshall-Verstärker in der Rockwelt eine absolute Sonderstellung inne: Wer als Gitarrist laut, wild und schmutzig klingen wollte, der kam um Marshall nicht herum. Und der Konstrukteur der lärmenden Röhren-Amps wurde zum lebenden Gott der Rockgitarristen.

Heute ist die Marke Marshall auf allen Kontinenten und in den meisten Ländern vertreten. Trotzdem reisen manche Gitarristen immer noch nach Milton Keynes, um sich ihren Verstärker dort persönlich abzuholen. Oder bauen zu lassen. Denn Jim Marshall hört auch weiterhin auf das, was seine Rocker ihm an Soundwünschen ins Ohr flüstern. Wenn er nicht gerade im zarten Alter von 81 Jahren selbst mit der eigenen Band irgendwo auf der Bühne steht. Von den Liveauftritten nämlich kann er bis heute so wenig lassen wie von den Zigarren.



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