Jimmy Eat World Blaupausen des Indie-Pops

Die musikalische Independent-Szene ist sich wundersamerweise einig: Das glanzvolle neue Album der US-Band Jimmy Eat World ist der jüngste Konsens in Sachen "Emo-Core" - auch wenn niemand so genau weiß, was es mit diesem Sammelbegriff eigentlich auf sich hat...

Von Jan Wigger


Es musste ja so kommen: Die breite Fraktion der Indie-Rocker und Crossover-Kids, der Skater und Snowboarder, der Berufsjugendlichen und der Trendhechler hat ein neues Lieblingskind, das just sogar locker und nebenbei völlig verdient die Media-Control-Charts geentert hat. Was aber macht der Underground? Jammert und lamentiert. Wieder mal eine und natürlich die Band schlechthin an einen Plattenfirmen-Riesen verloren, der, so viel war ohnehin klar, mehrere Jahre brauchte, um das hochtalentierte Quartett aus Mesa/Arizona überhaupt erst zu entdecken, und es dann letztendlich unter Vertrag zu nehmen. Und was, zum Teufel noch mal, hat es überhaupt mit dem leidigen Begriff "Emo-Core" auf sich, dessen musikalisches Äquivalent amerikanische Combos wie Jimmy Eat World angeblich darstellen sollen?

At The Drive-In, unlängst ebenfalls zu einem Majorlabel gewechselt, haben mit "Relationship Of Command" Ende des letzten Jahres die urwüchsigste, energetischste und intensivste Platte seit "Reign In Blood" von Slayer oder dem Debüt von Rage Against The Machine veröffentlicht. Sunny Day Real Estate aus der Grunge-Urstätte Seattle gelten gemeinhin als die Väter fast aller "Emo"-Bands und schafften mit "The Rising Tide" das Kunststück, einen Hybriden aus Rush, U2 und Pink Floyd so berührend und formvollendet klingen zu lassen, als hätte der Progressive Rock nie so viel Schaden über die Menschheit gebracht. All diese Bands wollen mit dem Kürzel "Emo" zu Recht nichts zu tun haben, denn wenn damit höchst emotionale, melodieselige und dennoch im Punk oder Hardcore verwurzelte Musik gemeint sein soll, dann ist Peter Maffay genauso "Emo" wie Sonic Youth und überhaupt fast alles, was sich Rockmusik schimpft.

Jimmy Eat World, bestehend aus Sänger und Gitarrist Jim Adkins, Gitarrist Tom Linton, Bassist Rick Burch und Schlagzeuger Zach Lind, haben ihr drittes reguläres Album "Clarity", (das in den Staaten schon rund zwei Jahre erhältlich war) nun endlich auch in Europa veröffentlichen können. Wer "Clarity" zwei, vielleicht drei Hördurchläufe schenkt, weiß bereits zu diesem Zeitpunkt, dass es sich bei den dreizehn Stücken, die zwischen euphorisierendem Power-Pop und sinister-balladeskem, aber dennoch hoffnungsvollem Material changieren, um wahre Blaupausen des Indie-Pops handelt, an denen sich alle Combos, die in Zukunft noch eine Gitarre in die Hand nehmen, um Ähnliches zu vollbringen, messen lassen müssen.

Dabei versteht es der charismatische Sänger und Songwriter Jim Adkins vortrefflich, den Zuhörer in ein stetes Wechselbad der menschlichen Regungen zu versetzen. Vom herzerweichenden Opener "Table For Glasses" über das fesselnde "Crush" bis hin zum epischen, mehrteiligen Epilog "Table For Glasses" ist "Clarity" ein wahrer Triumphzug des Sentiments und der Wahrhaftigkeit, den man in dieser Form schon sehr lange Zeit nicht mehr erleben durfte. In der hymnischen Single "Lucky Denver Mint" heißt es: "You're not bigger than this, not better / why can't you learn?" Selten waren Zurückhaltung und Understatement so ehrlich gemeint wie auf diesem brillanten Album.

Jimmy Eat World: "Clarity" (Capitol/EMI), veröffentlicht am 29. Januar 2001.



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