Amtlich

Led-Zeppelin-Star Jimmy Page "Erbärmlich. Absolut erbärmlich"

Thorsten Dörting

Ein Interview von


Jimmy Page feiert mit bisher unveröffentlichten Led-Zeppelin-Songs neue Erfolge. Im Interview spricht der Ausnahmegitarrist über Fluch und Segen der Digitalkultur. Und spottet über feige Journalisten.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Page, wie ging's Ihnen, als Sie für die neue Edition der ersten drei Led-Zeppelin-Alben all die alten Bänder mit bisher unveröffentlichten Songversionen gehört haben? Haben Sie ein paar Tränen der Wehmut vergossen?

Page: Ich habe gelächelt, und eine Ein-Mann-Party mit mir selbst gefeiert. Die schiere Verwegenheit, mit der wir damals alle gespielt haben - wundervoll. John Bonhams Drumming, ein Genuss.

SPIEGEL ONLINE: Also flossen eher Tränen der Freude.

Page: Nein, es flossen gar keine Tränen. Aber ich habe emotional sehr erhebende Momente erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Wo bewahren Sie die Tapes eigentlich auf? In Ihrem Keller, in einem Banksafe? Unter Ihrem Bett?

Page: Würde ich sie unter meinem Bett lagern, ich brauchte eine riesige Leiter, um abends hineinsteigen zu können. Nein, sie werden professionell verwahrt.

Zur Person
  • Thorsten Dörting
    Der englische Musiker Jimmy Page, Jahrgang 1944, begann seine Karriere als Studiomusiker in London, und feierte von 1966 bis 1968 als Mitglied der Yardbirds erste Erfolge mit einer Band. 1968 gründete er Led Zeppelin. Er zeichnete sich als Produzent und Songwriter der Band aus, vor allem aber als herausragender Instrumentalist. Page gilt als einer der größten und einflußreichsten Rockgitarristen überhaupt. Nach dem Tod des Led-Zeppelin-Drummers John Bonham im Jahr 1980 spielte er unter anderem in der Rock-Supergroup The Firm und arbeitete wiederholt mit Größen der Branche zusammen (Jerry Lee Lewis, Donovan, Foo Fighters etc.). Vor kurzem erschienen die ersten drei Led-Zeppelin-Alben in einer remasterten Version. Dazu ist zu jedem Album je ein Begleitalbum erschienen, das bisher unveröffentlichte, von Page ausgewählte Songversionen enthält. Absolut hörenswert, und zwar nicht nur für Fans.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Page: Den Namen des Ortes verrate ich Ihnen nicht! Aber dort lagern hauptsächlich Filme, etwa die Harry-Potter-Originale, und ich glaube auch Elton Johns Sachen. Und natürlich habe ich mein eigenes Archiv. Von den meisten Sessions habe ich damals Referenzbänder mitgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das ganze Material allein durchgehört?

Page: Ein Toningenieur war dabei, weil bei einigen Bändern Instandhaltungsarbeiten nötig waren; das sogenannte Baking, mit dem man den Zerfall der Originalbänder verhindert. Aber niemand sonst kann entscheiden, welche Version eines Songs zu nehmen ist. Das ist allein meine Verantwortung, dem Erbe Led Zeppelins gegenüber und den Menschen, die dieses Erbe wertschätzen. Eine große Aufgabe zudem, zeitweise entmutigend. Doch so bin ich: Wenn ich mich verpflichte, ziehe ich eine Sache durch. Meine Standards sind sehr hoch, ich mache keine Kompromisse.

SPIEGEL ONLINE: Und die anderen Bandmitglieder waren nicht beteiligt?

AP/ Atlantic

Page: Robert Plant hatte noch ein paar Tapes, er hat rund 30 nach London geschickt. Er hat ja auch außerhalb des Studios an seinen Gesangslinien gearbeitet. Ich wäre ohne seine Tapes klargekommen, aber ich wollte sicherstellen, dass die jetzt veröffentlichten Sachen unveröffentlicht waren, sodass ich zum Beispiel auch die Bootleg-Welt durchforstet habe.

SPIEGEL ONLINE: Klingt alles schon ein wenig pedantisch. Wann genau haben Sie eigentlich damit begonnen, Ihr Gitarrenspiel selbst aufzunehmen und, vor allem, diese Aufnahmen zu archivieren?

Page: Da lebte ich noch bei meinen Eltern. Manche reichen tatsächlich zurück in die Zeit, als ich erstmals "record" gedrückt habe als Teenager.

SPIEGEL ONLINE: Das Gefummel mit alten Aufnahmebändern, das Gewühle durch Archive und Plattenläden - Sie lieben das, oder?

Page: Absolut, ich bin da sehr leidenschaftlich. Das Baking, Kartons hin- und herschieben et cetera. Mit dem Computer bin ich nicht so gut, ich brauchte Hilfe, damit jemand meine Anmerkungen notiert.

SPIEGEL ONLINE: Als Rock-Handwerker halten Sie vermutlich ohnehin nichts von unserer Digitalkultur, oder?

Page: Na ja, das wesentliche Novum im musikalischen Digitalzeitalter ist das Total-Recall-Phänomen.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie bitte.

Page: Es geht um Vergänglichkeit. Jeder Keyboard-Sound, jede Gesangslinie ist heute identisch zurückhol- und reproduzierbar. Einerseits ist das großartig. Früher war alles Handarbeit, jeder Mix fiel ein klein wenig anders aus. Das bedeutete aber auch, dass die Herausforderung größer war, und die Arbeit war, lassen Sie mich sagen, organischer. Du musstest dich der Musik und dem Moment verpflichten. Die Performance jedes Einzelnen zählte. Die Vocals von Robert wurden als einziger Take aufgenommen. Jetzt kreieren sie die Vocals eines kompletten Songs aus einzelnen gesungenen Wörtern. Das ist keine ehrliche Performance mehr - sondern eben das, was es ist.

AP/ Atlantic

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte Ehrlichkeit überhaupt ein Qualitätskriterium für Musik sein?

Page: Ich sage ja nur: Unsere Musik war ehrlich. Aber ich werde jetzt nicht digital produzierte Musik kritisieren. Vorwürfe wie "Steht ein Typ in seinem Schlafzimmer und mixt Platten" sind lahm. Ich schätze diese Art von Musik für die zugrundeliegende Vorstellungskraft, die mindestens ebenso wichtig ist wie die pure Technik.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch dürfte Ihnen der derzeitige Retro-Trend mehr liegen; Bands nehmen wieder analog auf, Vinyl ist begehrte Ware unter Musikliebhabern, selbst in der Generation Ihres jüngsten Sohnes Ashen Josan, der…

Page: …15 Jahre alt ist, ja.

SPIEGEL ONLINE: Und kauft auch er Vinyl?

Page: Mittlerweile tut er das. Ich habe ihn damit bekannt gemacht durch meine Jukebox. Ich hatte sie aufbauen lassen…

SPIEGEL ONLINE: …und er hat sich gewundert, was das für eine komische Maschine ist…

Page: Genau, kein Witz! Er war noch klein damals und hatte keine Ahnung, dass Musik aus der Box kommen würde.

SPIEGEL ONLINE: Und haben Sie's ihm vorher verraten?

Page: Nein, ich wollte mir doch nicht den Spaß verderben! Ich habe ihn aufgefordert, einen Buchstaben und eine Nummer zu wählen. Er drückte "K" und "9", was, nebenbei gesagt, lustigerweise ausgesprochen "Canine" ergibt, den lateinischen Begriff für Hund. Na ja, und dann ging's los. Mein Sohn war schnell gefesselt von der Mechanik, von all diesen Dingen, die sich in so einer Jukebox bewegen. Und dieses Taktil-Mechanische scheinen er und seine Freunde auch heute cool zu finden. Er lebt in einem Internat, in seinem Wohnhaus stehen allein neun Plattenspieler. Und die haben nicht die Väter der Schüler gekauft - die haben sie vielleicht bezahlt, aber die Kids wollten sie von sich aus in ihrem Zimmer haben. Natürlich hören sie darauf moderne Sachen wie Daft Punk, nur eben auf Vinyl. Deshalb nehme ich meinen Sohn hin und wieder mit zu Plattenbörsen. Er liebt das, weil er dort all diese seltenen Mixes von Jay-Z und anderen bekommt und damit vor seinen Freunden angeben kann.

SPIEGEL ONLINE: Daft Punk sind ja ebenfalls retro. Gefallen die Ihnen?

Page: Ja, schon, die Referenz an Giorgio Moroder zum Beispiel. Mein Sohn hat die Platte mit nach Hause gebracht und gesagt: Dad, die würde ich echt gerne auf deiner Anlage hören. Jetzt glauben Sie bitte nicht, dass mein System ein paar Hunderttausend Dollar gekostet hat, aber es ist ziemlich gut. Und mein Sohn hat es geliebt: Er konnte so viel hören, den Raum zwischen den Tönen, Atem.

AP/ Atlantic

SPIEGEL ONLINE: Mag er auch Ihre Musik?

Page: Ich habe sie meinen Kindern nicht aufgezwungen. Sie sollten aus Neugier darauf kommen. Wer neugierig ist, der ist wissbegieriger, der will begreifen, was ich warum gemacht habe; wie ich die Gitarre gespielt habe, wie ich arrangiert habe - wer ich bin. Wenn meine Kinder meiner Musik zuhören, erfahren sie über mich genauso viel, wie sie etwas über mich durch meine Rolle als Vater erfahren. Sie lernen meinen musikalischen Charakter kennen.

SPIEGEL ONLINE: Da wir beim Thema Familie sind - man liest hier und da, dass die verbliebenen Led-Zeppelin-Mitglieder seit John Bonhams Tod ab und an bei Familienfeiern auftreten.

Page: Klingt wie ein Internetmythos, nicht wahr?

SPIEGEL ONLINE: Mag sein.

Page: Na ja, belassen wir's doch dabei: Als Jason Bonham 1990 geheiratet hat, wurden wir eingeladen, Pat Bonham lebt ja immer noch. Und damals haben wir tatsächlich eine kleine Session veranstaltet. Und wer hätte gedacht, dass wir all die Jahre später - 17, um präzise zu sein - gemeinsam in der O2-Arena in London auftreten würden? Bizarr und lustig, wie sich die Dinge manchmal entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Und heute? Wie sieht's aus mit Live-Plänen?

Page: Nun, ich habe Material zusammen - seit langer Zeit schon. Ich will rausgehen, zeigen, was ich kann, Nacht für Nacht, mich von einer Nacht auf die andere verändern - worum es eben geht. Aber erst musste ich mich um die Led-Zeppelin-Projekte kümmern, um den Live-Film "Celebration Day", um die Neu-Editionen. Und hin und wieder habe ich ja gespielt, zusammen mit Donovan etwa, ich war Gast bei Roy Harper.

  • Thorsten Dörting
    "Amtlich" - Die besten Metal-Alben des Monats. Und mehr: Thorsten Dörting, Boris Kaiser, Jan Wigger und der eine oder andere Gastautor empfehlen hörenswerte Platten, sehenswerte Bands und beweisen auch mit allen anderen Blog-Einträgen, dass das 21. Jahrhundert den Nagelarmbandträgern, Kirchenverbrennern und Bierbauchtänzern gehört.
SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Tourplänen.

Page: Dafür muss ich Musiker engagieren. Und wenn ich sie rekrutiere, muss ich sie bezahlen - und damit sind wir auf dem Weg zu einem Projekt. Und wenn ich so weit gehe, kann und will ich nichts anderes machen, sondern möchte allein davon angetrieben sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber noch mal: Das ist Ihr Plan?

Page: Die Formulierung wäre: Das ist meine Absicht. Warten wir mal ab, was im Verlauf des nächsten Jahres passieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Led Zeppelin wurden ja, gerade in der Frühphase, von Journalisten nicht gerade geliebt. Stimmt die Anekdote, dass Sie für die Begleitalben der Re-Edition einige schlechte Reviews des bekannten Musikkritikers John Mendelsohn abdrucken wollten?

Page: Er wäre mit fünf Texten vertreten gewesen - wir wollten drei Albumkritiken und zwei Konzertreviews übernehmen, erschienen Ende der Sechziger.

Led Zeppelin - "Black Dog"

Mehr Videos von Led Zeppelin gibt es hier auf tape.tv!

SPIEGEL ONLINE: Und er lehnte das ab?

Page: Der "Rolling Stone" war einverstanden, als wir fragten, ob wir die Texte reproduzieren dürfen. Aber Mendelsohn verweigerte seine Erlaubnis. Na ja, egal - man findet die Texte ja sowieso überall im Internet.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt.

Page: Aber wissen Sie was? Ich fand seine Weigerung erbärmlich. Absolut erbärmlich. Und ich sage Ihnen noch mehr: Ich stehe zu allem, was ich getan habe und übernehme dafür die Verantwortung. Im Gegensatz zu ihm. Er war ein echter Serientäter. Erstes Album verrissen, Konzert verrissen, nächstes Album verrissen… Aber in Wahrheit war ja egal, was diese Leute geschrieben haben, sie haben unsere Musik einfach nicht verstanden. Vermutlich haben sie die Konzerte eh nicht mitbekommen, sondern standen an der Bar herum mit einem Drink. War ja damals üblich…

SPIEGEL ONLINE: …ist es heute immer noch.

Page: Ja, vermutlich stehen dieselben Typen von damals immer noch an der Bar herum.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich je mit Mendelsohn darüber gesprochen?

Page: Ich habe ihn nie getroffen. Würde ich aber gerne.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht kann ich ja was arrangieren.

Page: Sieht leider danach aus, als würde er vor mir weglaufen. Er ging ja sogar diesem Kontakt aus dem Weg.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ihm selbst geschrieben?

Page: Ach, ich habe bessere Dinge zu tun. Das würde mich ja nur vom Gitarrespielen abhalten.



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81 Leserkommentare
Dengar 25.06.2014
raskolnikow1917 25.06.2014
Celestine 25.06.2014
brotherandrew 25.06.2014
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brotherandrew 25.06.2014
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