Abgehört - neue Musik Black Power und andere Ermächtigungen

Nicht nur Marvels Kinofilm "Black Panther" ist eine Wucht, auch der von Kendrick Lamar kuratierte Soundtrack. Außerdem: Synthie-Pop von MGMT und funky Feminismus von U.S. Girls und Joan As Policewoman.

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Various - "Black Panther - The Album"
(Top Dawg Entertainment/Universal, seit 9. Februar)

Beruhigend, dass zumindest irgendwo auf der Welt noch richtige Entscheidungen getroffen werden. Und umso erfreulicher, wenn ausgerechnet Marvel Studios für das bisher erfreulichste Ereignis des Jahres sorgten, indem sie Kendrick Lamar mit einem saftigen Budget ausstatteten - und dann machen ließen.

Der wichtigste Rapper der Gegenwart, die sozialkritischste Stimme in den Charts, vertonte für Marvel die Verfilmung von "Black Panther", des ersten schwarzen Comic-Superhelden. Was logisch klingt, ist leider nicht selbstverständlich. Vielmehr sagt es viel über die behäbigen Machtstrukturen in der Unterhaltungsbranche aus, dass man 2018 eine Großproduktion dazu beglückwünschen muss, schwarze Kultur ausnahmsweise nicht in einen Flickenteppich aus gut gemeinten, aber fahrlässigen Anpassungen an den Geschmack eines vorrangig weißen Publikums zu zerfasern. Doch Marvel hat Kendrick Lamar einfach mit dem Job betraut.

Der macht damit folgerichtig das einzig Sinnvolle: nämlich was er will. Und liefert mit "Black Panther - The Album" etwas ab, das als Soundtrack nicht falscher beschrieben sein könnte. Die Vorlage dient ihm als bloße Inspirationsfolie, die direkten Bezüge zum Filmgeschehen sind minimal. Stattdessen zeigt sich Lamar als Meister der Ambivalenz: "King of my city, king of my country, king of my homeland", rappt er etwa im Titelstück "Black Panther". Das passt natürlich zum Vorlagenheld König T'Challa, ist aber zweitrangig. Eigentlich geht es um eine Selbstbetrachtung von "King Kendrick".

So ähnlich geht es in "King's Dead" mit Future, Jay Rock und James Blake, an dessen Ende sich Lamar zwar mit König T'Challas brutalem Gegenspieler Erik Killmonger identifiziert, den Stoff aber als Vehikel für ein Thema nutzt, das schon auf seinem vorigen Album "DAMN." prominent vertreten war: schwarzer Nihilismus und der gesellschaftliche Zwang zur Rücksichtslosigkeit. "Fuck your moral, fuck your family, fuck your tribe/ Fuck your land, fuck your children, fuck your wives", rappt Lamar über unerbittlichen Basswalzen.

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Mit jedem Track verfestigt sich der Eindruck, dass die Auftragsarbeit für Kendrick Lamar ein willkommenes Experiment ist. Abgesehen von der 2016 erschienenen Demo-Sammlung "untitled.unmastered" ist es sein erstes Album, das sich nicht der künstlerischen Stringenz seiner regulären Veröffentlichungen fügen muss. Stattdessen ist es seine Variante von Drakes "More Life": eine Art Mixtape mit verschiedenen Stilen und Gastmusikern unter dem Dach der eigenen Marke.

Das mag für manche Fans enttäuschend sein. Ist aber smart: Lamar nutzt Marvels Mega-Budget, um sein Studio mit Stars wie Future, Vince Staples, SZA, Schoolboy Q oder The Weeknd und Newcomern wie Jorja Smith, Khalid oder Sjava zu füllen. Ihnen allen bietet er den Raum, ihre jeweiligen Einflüsse geltend zu machen. Dadurch wird das vom Film lediglich inspirierte "Black Panther"-Album nicht nur zu einer Repräsentation aktueller schwarzer Kultur, sondern auch bestechend vielseitig.

Es vereint den Tiefgang von Lamars Meisterwerk "To Pimp A Butterfly" mit Radio-tauglichem R&B, Dancehall und Klub-Bangern - alles Zutaten, die Hip-Hop aktuell zum Innovationsmotor des Pop machen. Das ist dann allerdings stellenweise schon fast ein Problem: Zum ersten Mal seit Jahren klingt Lamar nicht mehr zeitlos. Aber wer will sich beschweren? (8.7) Dennis Pohl

Joan As Policewoman - "Damned Devotion"
(Pias/Rough Trade, seit 9. Februar)

Lass mal später drüber sprechen? Nee, nicht mit Joan Wasser. "We have so much to say/ Why don't we say it", klagt die New Yorker Musikerin im Schlüsselstück ihres fünften Albums. "The Silence", heißt der Song, die verdammte Stille, die sei halt immer noch im Weg. Dazu mischt sie wütende Stimmen aus dem "Women's March" auf Washington und einen stotternden Marschrhythmus ihres Drummers Parker Kindred.

Einige irrlichternde Synthie-Sounds und ein verkantetes Piano-Motiv irgendwo zwischen Lalo Schiffrin-Soundtracks und "Life's What You Make It" von Talk Talk, das reicht, um Wassers neuen, suggestiv reduzierten musikalischen Kosmos zu umreißen. Eine Klarheit, die einige ihrer bisher stärksten Songwriter-Momente hervorbringt. Indem sie in der Musik Leerstellen zulässt, entsteht Resonanzraum für ihre Aussagen.

Nur noch selten erinnern die Songs an den immer etwas zu überladenen Indiepop-Soul, den Wassers Künstlerpersönlichkeit, benannt nach der Siebzigerjahreserie "Police Woman", zuletzt auf den Alben wie "The Deep Field" (2011) und "The Classic" (2014) etablierte. Heute gibt sie sich abgeklärter und sonorer im Tonfall, singt aber mit verletzlicherer Stimme. "I'm told that wounds are where the lights get in", zitiert sie wohl gleichermaßen den persischen Philosophen Rumi und Leonard Cohens "Anthem".

Das letztlich heilende Licht, das durch ihre Brüche und Wunden scheint, findet sie in ihrer immer auch anstrengenden Hingabe ("Damned Devotion") zur Kunst und in der Kommunikation: "Tell me, tell me, tell me", singt sie ungeduldig - und fordert auch von ihrem Lover größtmögliche Klarheit: "Sing, don't lie to me/ Run, don't walk to me/ Bring your love to me/ Trying this another way", singt sie in der Zeitlupen-Ballade "Valid Jagger", die allerdings eher an James Blakes Hauntology-R&B erinnert als an den Testosteron-Rock des Stones-Frontmanns.

Trotz der oft aufreizenden Vetracktheit der Beats, trotz der mutwilligen Verlangsamung ihrer Arrangements (jeder Moment muss ausgekostet und erspürt werden) ist "Damned Devotion" ein Statement der Dringlichkeit: eine nicht zuletzt auch an sich selbst gerichtete Aufforderung, keine Kompromisse einzugehen, nicht zu prokrastinieren oder auszuweichen. Dafür kann das Leben zu verdammt kurz sein: Wasser war Freundin und Geliebte von Jeff Buckley, als sich der Sänger 1997 ertränkte. Ihr Kumpel Elliott Smith brachte sich 2003 um, seitdem verlor sie ihren Mentor Lou Reed, ihre Mutter sowie ihren leiblichen und ihren Adoptivvater.

Aus all dem Verdruss und Verlust, den sie seit 2004 als Joan As Policewoman in Songs formuliert, geht Wasser nun als unwiderstehlich selbstgewisse Soulsängerin hervor, deren souveränste Schaffensphase gerade erst zu beginnen scheint. (8.0) Andreas Borcholte

U.S. Girls - "In A Poem Unlimited"
(4AD/Beggars, ab 16. Februar)

Ist es Zufall oder einfach Zeitgeist, dass die neuen Alben von Joan As Policewoman und U.S. Girls im Wochenabstand erscheinen? Ähnlich resolut wie Joan Wasser (siehe oben) beschäftigt sich auch die Kanadierin Meg Remy mit der Sprachlosigkeit von Frauen und der Frage, wie man aus stillen Musen wehrhafte Subjekte macht. Schon ihr voriges Album "Half Free" (2015) war ein Ereignis, eine säuerliche Horrorshow auf süßesten Sixties-Soul-Melodien. "In A Poem Unlimited", ihr zweites Album für das risikobereite britische 4AD-Label, ruft nun unverhohlen zum Rachefeldzug auf - angetrieben von muskulösen Funk- und Disco-Rhythmen.

Andreas Borcholtes Playlist KW 7
SPIEGEL ONLINE

1. Juju: Winter in Berlin

2. Joan As Policewoman: The Silence

3. Talk Talk: Life's What You Make It

4. U.S. Girls: Pearly Gates

5. Warren G. feat Nate Dogg: Regulate

6. Bhad Bhabie: Hi Bich

7. Saya feat. Kris: Paid

8. Kendrick Lamar & Travis Scott: Big Shot

9. Drangsal: Turmbau zu Babel

10. Antje Schomaker: Bis mich jemand findet

Um diesen reichhaltigen Sound zu schaffen, gab Remy ihren Einzelkämpferinnenstatus auf und ging mit dem vielköpfigen Kollektiv The Cosmic Range aus Toronto ins Studio. Das Ergebnis klingt nach dem "Hot Buttered Soul" von Isaac Hayes, dem sozial engagierten Funk von Curtis Mayfield und Donny Hathaway und Donna "She Works Hard For Her Money" Summer - aber so retrofuturistisch gewendet wie bei den Chromatics oder Cliff Martinez, hätte der die Shirelles produziert ("Poem").

"Why Do I Lose My Voice When I Have Something To Say", krächzt Remy in einem Interludium, bevor sie im süßlichen Madonna-Pop von "Rosebud" jeder Geschlechtsgenossin, die ihre Stimme findet, eine Rosenknospe verheißt - aber sie zu erlangen, wird wehtun ("it'll hurt"). "Incidental Boogie" erforscht den Zusammenhang zwischen körperlichem Missbrauch und Liebe; "Velvet 4 Sale" rät sie den von Männern zur Lustbeute degradierten Frauen beseelt zum Waffenkauf: "Instill in them the fear that comes from being prey."

Den beschwerlichen Marsch zu den "Pearly Gates", also zur Himmelspforte der Emanzipation vom Patriarchat inszeniert Remy zum Höhepunkt ihres Albums kongenial mit Chören und karibischem Flair als hitzige Reverenz vor Warren Gs Neunzigerjahreklassiker "Regulate". Und ums Regulieren der Geschlechterverhältnisse geht es natürlich. Meg Remy hat den Groove und die Hits für diese weibliche Revolution. (8.3) Andreas Borcholte

MGMT - "Little Dark Age"
(Columbia/Sony, seit 9. Februar)

Nur wenig wird so häufig beklagt wie mangelnde Veränderungsbereitschaft langjährig aktiver Musikgruppen. Besonders fair ist der Vorwurf nicht: Gewisse soundästhetische Merkmale sind durch die Kombination einer konstanten Gruppe von Musikern quasi automatisch definiert: Die Veränderungsmöglichkeiten personell unverändert agierender Ensembles sind also begrenzt.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Eine Regel, die allerdings nicht für MGMT zu gelten scheint: Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser sind offenbar in der Lage, auf Knopfdruck immer genau das Genre zu bedienen, welches ihnen gerade vorschwebt. 2007, auf "Oracular Spectacular", war das elektronisch grundierter Indie-Pop mit psychedelischem Unterbau.

Da das MGMT-Debüt mit "Kids" und "Time To Pretend" gewaltige Hits enthielt, war es wenig erstaunlich, dass die beiden dem Typus des nerdigen Bedroom-Producers zuzurechnenden Musiker danach eine etwas aufgesetzt wirkende Verweigerungshaltung einnahmen.

Mit zwei Alben, die, von gelegentlichen Pop-Anklängen abgesehen, im Wesentlichen dem Underground-Prog der Siebzigerjahre, Krautrock und Bands wie den Television Personalities huldigten, unternahmen MGMT den Versuch eines Karriereselbstmords.

Insofern überraschend, dass sich das Duo für "Little Dark Age" mit seinem Pop-Appeal arrangiert hat. MGMT zollen hier ihrer offenkundigen Begeisterung für den Synthie-Pop der Achtzigerjahre Tribut, jener Art von industrialisiertem Chart-Pop, wie ihn das Produzententeam Stock Aitken Watermann in seiner frühen Phase etwa für Dead Or Alive am Reißbrett konzipierte.

Bisweilen etwas albern beklagen MGMT in "She Works Out Too Much" die Folgen übermäßiger körperlicher Ertüchtigung für die moderne Zweierbeziehung, widmen sich in "TSLAMP" dem Problemkomplex Smartphone-Sucht und schreiben mit "Me & Michael" ihren besten Song seit "Time To Pretend". Produziert hat das Album abermals Dave Fridmann, dessen Psychedelik-Einflüsse die einzige Konstante im Wirken des Duos sind.

Stets schwingt bei MGMT eine ironische Distanz zu ihren Themen mit. Ein dringliches Anliegen scheint den Musikern ihre Musik nicht zu sein, sie verstehen sie wohl als dauerhaftes Experiment. Die sich aus diesem Umstand ergebende Coolness und Reserviertheit passen hier allerdings bestens zum Sujet, weswegen MGMT mit "Little Dark Age" das womöglich beste Synthie-Pop-Album der vergangenen 30 Jahre gelungen ist. (8.5) Torsten Groß

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
EUtopia 14.02.2018
1. Alles mal durchgehört
Und keine der Platten würde mehr als 2 von 10 Punkten bekommen. Harmloses, seichtes und schon tausend Mal gehörtes Gedudel aus der Musikkonserve. Pure Zeitverschwendung sich diese Platten anzuhören.
ancoats 14.02.2018
2.
Zitat von EUtopiaUnd keine der Platten würde mehr als 2 von 10 Punkten bekommen. Harmloses, seichtes und schon tausend Mal gehörtes Gedudel aus der Musikkonserve. Pure Zeitverschwendung sich diese Platten anzuhören.
Was das hier Vorgestellte für Sie "harmlos, seicht und schon tausendmal gehört" ist, dann hätte ich sehr gerne Einblick in Ihre aktuelle Playlist. Ich bin stets daran interessiert, meinen musikalischen Horizont zu erweitern.
freddykruger 14.02.2018
3. @EUtopia
Hast natürlich recht, daß hier ist fürchterlich harmloses und seichtes Gedudel. Diese Kolumne soll aber auch die Klientel bedienen, die dem Mainstream nicht abgeneigt ist. Was ja auch völlig OK ist. Ich persönlich bevorzuge Death/Thrash, Speed und 80er Altmetal. Muß aber gestehen das mir die Songs vom Black Panrher Soundtrack recht gut gefallen, wie auch einiges andere von Kendrick Lamar. Ich lese die Kolumne regelmäßig und hör in fast alles rein. Wenig was mir gefällt und ich in die Tonne schmeißen würde. Was solls, anderen gefällt halt Popgülle. Mein Wohlbefinden ist davon nicht abhängig.
ManeGarrincha 21.02.2018
4. Jeff Buckleys Tod
Herr Borcholte, wissen Sie mehr als sonst allgemein bekannt ist über den Tod von Jeff Buckley, oder wie erklären Sie Ihren Kommentar, "Wasser war Freundin und Geliebte von Jeff Buckley, als sich der Sänger 1997 ertränkte"? Nach meinem Kenntnisstand sind die Todesumstände nach wie vor ungeklärt und es kann sich ja sehr wohl um einen Unfall gehandelt haben, siehe auch: http://www.spiegel.de/einestages/zum-tod-von-jeff-buckley-a-947586.html. Über darüber hinausgehende Informationen wäre ich sehr dankbar.
japhyryderson, 06.03.2018
5. Jeff Buckley erlitt einen tragischen Unfall
Am Rande von Probeaufnahmen war er mit einem Freund am Flussufer, hatte herumgealbert, Musik aus einem Kassettenrekorder gehört, dazu gesungen und sich dann spontan mit Klamotten und Schuhen leichtsinnigerweise zum schwimmen ins Wasser begeben. Möglicherweise wurde er von dem Sog oder den Wellen eines vorbeiziehenden Frachtschiffes unter Wasser gezogen. Der Freund hatte ihn für einen Moment aus den Augen verloren.
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