Junge Künstler "Musik ist wie Kampfsport"

Sie sind um die Dreißig und stehen auf den ganz großen Bühnen: Joana Mallwitz ist Chefdirigentin, Pianist Martin Kohlstedt spielt demnächst in der Hamburger Elbphilharmonie. Schlottern einem da nicht die Knie? Wir haben die beiden gefragt.

Ralph Quinke


Mit 31 Jahren ist die am Theater Erfurt beschäftigte Joana Mallwitz die jüngste Generalmusikdirektorin Europas. Sie führte Konzerte mit dem Royal Danish Orchestra und gastierte mit "Rheingold" und Wagners "Götterdämmerung" in Riga und Macau. Martin Kohlstedt hingegen sorgt mit seinen Eigenkompositionen aus Klavier und elektronischen Elementen für Furore. Neben der Liebe zur Musik verbindet die beiden das Gefühl, in Thüringen eine künstlerische Heimat gefunden zu haben.

Herr Kohlstedt, Sie sitzen in Ihren Konzerten mit dem Rücken zum Publikum. Das wirkt durchaus eigenwillig. Was hat dieses räumliche Arrangement mit Ihrer Musik zu tun?

Kohlstedt: So möchte ich zeigen, dass ich nicht unterhalten, sondern mitnehmen will. Ich sitze praktisch im Cockpit, das Publikum sitzt hinten und wir fahren alle in dieselbe Richtung.

Als Dirigentin blicken auch Sie in dieselbe Richtung wie das Publikum, Frau Mallwitz. Dennoch fällt es vielen Menschen schwer, sich in den Job des Dirigenten hineinzuversetzen. Sie sind darüber hinaus noch Frau in einem von Männern dominierten Beruf…...

Mallwitz: Das Bild von einem Dirigenten variiert tatsächlich drastisch - irgendwo zwischen einer Figur, die völlig überflüssig ist, und einer Art Gott, der über allem schwebt. Natürlich ist er weder das eine, noch das andere. Ein Dirigent ist jemand, der ein Handwerk haben und mit einem Orchester proben können muss. Im Moment des Musizierens spielt es daher keine Rolle, ob man Mann oder Frau ist. Simone Young, die für mich immer ein großes Vorbild war, hat einmal gesagt, ein Mann habe fünf Minuten Zeit, ein Orchester zu überzeugen, eine Frau nur zwei. Sie hat für meine Dirigentinnen-Generation wirklich das Eis gebrochen - trotzdem gilt ihre Einschätzung zu Teilen sicherlich heute noch. Nun könnte ich mich natürlich männlicher geben, aber das würde für mich nicht funktionieren. Ich konnte immer nur ich selbst sein. Das macht Musik für mich authentisch.

Sie sind beide noch sehr jung und stehen trotzdem schon länger auf der Bühne. Haben Sie noch Lampenfieber?

Mallwitz: Lampenfieber bezeichnet ja das Gefühl in dem Moment, wo du die Bühne betrittst. Ich bin vorher aufgeregt. Die Zeit vor einem Konzert ist schrecklich. Aber in dem Moment, in dem ich das Pult betrete, fällt alles von mir ab. In dem Moment bin ich frei. Nach diesem Gefühl bin ich fast süchtig, weil das der Zeitpunkt ist, an dem ich mir über nichts mehr Gedanken mache. Die vielen hundert Stunden Einsamkeit und Klausur mit den Partituren kulminieren dann in diesem einen Augenblick.

Kohlstedt: Bei mir ist es eine Aufregung, die das richtige Setting und eine gute Atmosphäre für die Musik schaffen möchte. Und wenn dann alles stimmt, werde auch ich komischerweise ruhig und nehme am Drumherum nicht mehr teil. Ich habe das Gefühl, dass der Moment, in dem das Konzert beginnt, der öffentlichste ist und zugleich der intimste. Denn genau dann bin ich am meisten bei mir.

Im Video trifft Martin Kohlstedt auf Johannes Krause, Professor für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Beethovens hochkomplexe Symphonien, eindringliche Arrangements aus Klavier und Synthesizern - wie nähern Sie beide sich Ihren Stücken?

Kohlstedt: Meine Art von Musik ist ein fortwährendes Verhandeln. Das optimale Konzert gibt es nicht, die Stücke sind immer im Prozess. Ich entscheide mich oft erst kurz bevor ich anfange, in welcher Tonart ich ansetze. Und ich habe eine Art modulares Kompositionskonzept entwickelt, bei dem ich jedem meiner Motive drei Buchstaben verliehen habe. Die jage ich dann live aufeinander los und verknüpfe sie zu Phrasen. In diesem Moment des Diskurses mit dem Publikum höre ich mein Stück dann das erste Mal so richtig und sehe, was daraus geworden ist.

Mallwitz: Ich befrage jede einzelne Note, warum sie da steht, warum keine andere, warum nur sie. Ein Stück kennenzulernen ist wie eine enge Bindung mit einem Menschen einzugehen. Ich kenne es erst dann ansatzweise, wenn ich es auf der Bühne erspürt habe, wenn ich weiß, wie es unter Stress reagiert, unter Zärtlichkeit oder wenn ich es im Kopf während meiner panischen Flugangst durchspiele. Es ist wie eine Person, der man immer näherkommt und deren Abgründe man kennenlernt, nur um sie danach noch mehr zu lieben. Erst wenn ich ein Stück in all diesen Kontexten erlebt habe, wird es auch zu meiner persönlichen Wahrheit. Die muss ich dann auch zur Wahrheit des Orchesters werden lassen.

Sind Sie denn mit Ihrer Herangehensweise und Ihren Interpretationen schon einmal gescheitert?

Kohlstedt: Für mich ist es schwer, wenn Redaktionen oder Veranstalter mich vor einem Konzert auf ein Podest heben. Und dann komme ich mit meinem krummen Am-Klavier-Sitzen und versuche auf Augenhöhe eine Konversation mit dem Gegenüber zu starten. Gerade in klassischen Häusern halten sich dann plötzlich alle an den Sesseln fest, weil das nicht der Norm entspricht. Aber dass das Ganze auch scheitern kann, macht es für mich erst richtig interessant.

Mallwitz: Ich scheitere, sobald ich versuche, etwas zu reproduzieren, das an anderer Stelle gut geklappt hat. Eine Bekannte von mir ist Kampfsportlerin. Sie sagte mir mal, im Kampfsport müsse man unentwegt trainieren und die Technik verbessern. Und im Moment des Kampfes müsse man die Technik dann vergessen. In der Musik ist es genauso. Du musst einen Plan haben und den Plan musst du dann am Ende loslassen.

Was bedeutet für Sie Erfolg?

Kohlstedt: Wenn ich ganz bei mir selbst ankomme und Katalysator von Publikum und Musik bin. Sobald jede Art von Kontrolle und Wertung verschwunden ist und die Menschen im Publikum bei sich landen können, empfinde ich das als Vertrauen - und somit als Erfolg.

Mallwitz: Als ich in Macau Rheingold dirigierte, war ich so krank wie selten in meinem Leben. Außerdem hatten wir neue Sänger und nur zwei Stunden Zeit zu proben. In der Vorstellung lief dann plötzlich alles bestens. Wir haben das Stück noch nie so gut gespielt, weil alle nur auf die Musik vertraut haben. Wenn wir so gemeinsam durch ein Konzert fliegen, dann ist das Erfolg. Kleine Pannen können hilfreich sein, denn dann merkt das Publikum, oh, das ist live, und plötzlich werden die Ohren hinter mir immer größer. Und genau darum geht es doch. Darum, dass jeder ein Stück anhören können sollte, wie man sich die Mona Lisa im Louvre anschaut. Die echte, nicht die auf einem Druck. Beethovens Fünfte muss man live erleben, ob hier in Thüringen oder anderswo auf der Welt, aber nicht auf CD. Der Moment, in dem Musik festgehalten wird, widerspricht eigentlich allem, was Musikmachen im Kern bedeutet.

Welche Voraussetzungen brauchen Sie selbst, um kreativ zu sein und Musik wirken zu lassen?

Mallwitz: Ich brauche die Stille. Aus ihr ziehe ich die größte Inspiration, denn es gibt kaum Rhythmus in meinem Leben. Da sind die Tage der Konzerte, an denen ich bis nachts um zwölf dirigiere und mit Adrenalin vollgepumpt nach Hause komme, und die, an denen wir von früh bis spät proben. Zum Studieren begebe ich mich dann in stille Klausur. Ich arbeite am liebsten nachts, schaue über die Erfurter Altstadt und studiere Partituren, bis die Sonne wieder aufgeht.

Kohlstedt: Für mich sind Stille und Ortsbezug auch sehr wichtig. Ich komme aus einer ländlichen Thüringer Region, die auch meine Inspiration ist. Wenn ich meine Selbstgespräche am Klavier führe, dann ist die Stille tatsächlich ein wichtiger Bestandteil davon.

Und was macht Thüringen als Heimat für Künstler und als Ausgangspunkt für Ihre eigenen Karrieren darüber hinaus aus?

Kohlstedt: Wir haben hier alle Welten auf einem Fleck. Ich bin in zwei Minuten in der Einsamkeit und trotzdem gibt es viel Leben durch die Bauhaus-Uni und Musikhochschulen. Hier herrscht auch ein irrer Gemeinschaftssinn, der mich seit der Kindheit begleitet. Im Musikbusiness begegnet man dem ja bekanntlich nicht allzu häufig. Deswegen habe ich auch viele vertraute Leute in meinem Team, die aus meiner Gegend kommen. Keine Agenturen, sondern Menschen, denen ich tagtäglich in die Augen schaue, um gemeinsam etwas aufzubauen.

Mallwitz: Aus meiner Sicht gibt es hier in Thüringen noch keine Übersättigung an Kunst. Und es gibt viele kleine Bühnen. Wenn die nicht da wären, würde in zehn Jahren niemand mehr den Tristan singen können. Denn man nimmt nicht einfach Gesangsunterricht und singt dann den Tristan an der Met. Du musst an mehreren kleinen Häusern gewesen sein, dich entwickelt und Theateralltag erlebt haben. Dann erst tritt man - mit etwas Glück - in einem großen Konzerthaus auf.

Kohlstedt: Man kann vielleicht sagen, dass es hier eine Reifezeit für die Kunst gibt. Sie kann einfach für sich stehen und muss nicht zwangsläufig Marketingansprüchen genügen. Ich mache teils siebenminütige Stücke, die auf vielen Wiederholungen basieren. Sie versuchen nicht auf Zwang zu überzeugen oder sich zu messen wie in Berlin, wo eine Ausstellung neben der anderen eröffnet, und Kunst sich praktisch überschlägt. Aus dieser Reifezeit resultiert in meinen Augen somit auch eine andere Art von Kunst.

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Goethe, Luther, Zeiss und Bauhaus – das sind nur einige Begriffe, die Thüringen bis heute prägen. Zusammen mit einer reichen Naturlandschaft bietet der Freistaat seinen Bewohnern eine einzigartige Lebensqualität. Hier lassen sich Familie und Beruf, Arbeit und Freizeit sowie Kultur und Natur hervorragend miteinander in Einklang bringen. Weitere Geschichten und Interviews mit Persönlichkeiten aus Thüringen finden Sie unter: www.das-ist-thueringen.de


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