Wüsten-Jazz in Berlin Juhu, der Pharoah kommt!

Als großartige Inspiration empfinden europäische Jazzer Musik aus Afrika. Schwarze Amerikaner suchen in den Klängen des Kontinents ihre Wurzeln. Das Jazzfest Berlin setzt einen Afrika-Akzent - und hat auch eine lebende Legende eingeladen.

Christoph Hübner

Kann ein Pianoforte, das vielleicht wichtigste Instrument der klassischen europäischen Musik, mit einem Balaphon zusammenspielen, dem afrikanischen Xylophon, das nach einem ganz anderen Tonsystem funktioniert? Oder mit einer Guembri, der im Sahara-Raum verbreiteten Basslaute mit drei Darmsaiten?

Es geht. Das beweisen die deutschen Pianisten Hans Lüdemann und Joachim Kühn. Nach klassischer Ausbildung und beachtlicher Karriere im zeitgenössischen Jazz sind die beiden - unabhängig voneinander - vor einigen Jahren nach Afrika gereist. Lüdemann traf faszinierende Künstler im Westen des Kontinents, Kühn im Norden. Die beiden Musiker praktizieren seitdem, was Bert Noglik, der Leiter des Berliner Jazzfests, "eine Kernkompetenz des Jazz" nennt: "Verknüpfungen herzustellen zwischen Kulturen, Stilistiken, Ausdrucks- und Empfindungswelten."

Die sprechende Trommel aus Benin

"Eine unglaubliche musikalische Inspiration" erlebte Kühn, als er 2008 bei einer Exkursion in die marokkanische Wüste mit einheimischen Musikern jammen konnte. Seitdem entwickelte er sein Projekt Gnawa Jazz Voodoo und musiziert so oft wie möglich mit seiner "Africa Connection"; die besteht aus dem marokkanischen Guembri- und Oud-Virtuosen Majid Bekkas, drei afrikanischen Perkussionisten (darunter ein singender Talking-Drum-Spieler aus Benin) und dem spanischen Drummer Ramón López. Kühns Kollege Lüdemann bildet mit dem von der Elfenbeinküste stammenden Aly Keita (Balaphon, Kalimba) und einem Perkussionisten sein "Trio Ivoire". Das nutzt - anders als Kühns Band - neben den akustischen Instrumenten auch Electronics.

Kühn und Lüdemann sind am kommenden Mittwoch in Berlin, wenn am Vorabend des Jazzfests über Afrika diskutiert und "Transmitting" gezeigt wird, ein Dokumentarfilm über Kühns Begegnungen und Arbeit in Marokko. Auf der Leinwand sind da die Musiker zu erleben, die am folgenden Tag im Haus der Berliner Festspiele auf der Bühne stehen werden: Kühns Connection aus Afrikanern und Europäern, zu der bei dem Konzert ein legendärer Afroamerikaner kommt - Pharoah Sanders. Der 73-jährige Saxophonist gehört als Mitstreiter von John Coltrane zu jenen Künstlern, die spirituelle Kraft und musikalische Ideen bei ihren afrikanischen Vorfahren suchen.

Dass dies auch für junge US-Schwarze gilt, zeigt der am selben Abend mit seiner Band auftretende Christian Scott. Den Trompeter aus New Orleans mit afrikanischen und indianischen Wurzeln interessiert "meine Ahnenreihe und Abstammung vor Scott". Der 30-Jährige nennt sich deshalb aTunde Adjuah und integriert in seine "Stretch Music" Elemente von afrikanischer Folklore bis zum aktuellen Pop.

Afrika auf neuen CDs: Mali - Äthiopien - Südafrika

Unabhängig vom Afrika-Akzent beim Jazzfest Berlin (31.10.-3.11.) - Musik aus Afrika ist heutzutage Monat für Monat zu haben, und sei es in Form von neuen Tonträgern. Drei CD-Beispiele aus der letzten Zeit, welche die Vielfalt der musikalischen Ausdrucksformen zwischen Mittelmeer und Kap der Guten Hoffnung widerspiegeln:

"Sketches of Ethiopian" heißt das Album von Mulatu Astatke. Der erste afrikanische Absolvent der Jazz-Kaderschmiede Berklee in Boston ist inzwischen 70, aber immer noch Publikumsrenner bei Festivals wie dem Hamburger Elbjazz. Seine "Ethio Jazz" genannte Fusion von äthiopischen Rhythmen mit bigbandhaftem Jazz kommt an.

Musik aus Mali reflektiert die aktuelle Politik. Nachdem Tuareg-Bands wie Tamikrest die Sehnsucht dieses Volkes nach einem eigenen Land thematisiert haben, beschwört nun Samba Touré auf dem Album "Albala" die Einheit des westafrikanischen Staates. Der Sänger und Gitarrist kommt aus der Band des verstorbenen Afro-Blues-Barden Ali Farka Touré.

"Mukashi", japanisch für "Es war einmal", nennt Abdullah Ibrahim sein neues Album. Der inzwischen 79 Jahre alte Pianist hat wunderbar melodiöse Stücke komponiert und spielt sie teilweise mit einem Bläser und Cellisten. Ibrahim verkörpert den Jazz Südafrikas, der in Zeiten der Rassentrennung eine Gegenmodell zur Apartheid bedeutete.

Ob gewollt oder nicht - Jazz hat eben meistens eine politische Dimension.


Afrika-Termine:

Podiumsdiskussion "Calling Africa", Dokumentarfilm "Transmitting": 30.10. Haus der Berliner Festspiele;

Konzerte:
Joachim Kühn Africa Connection feat. Pharoah Sanders und Konzert Christian Scott: 31.10., ab 20 Uhr, Große Bühne im Haus der Berliner Festspiele.

Afrika-CDs:
Hans Lüdemann Trio Ivoire: Across the Oceans. Enja; 15 Euro.
Joachim Kühn Majid Bekkas inviting Archie Shepp: Voodoo Sense. ACT; 17,50 Euro.
Mulatu Astatke: Sketches of Ethiopia. Jazz Village; 16,99 Euro.
Samba Touré: Albala. Glitter Beat; 16,99 Euro.
Abdullah Ibrahim: Mukashi. Intuition; 16,79 Euro. Erscheint am 1.11.



insgesamt 2 Beiträge
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marcuspüschel 26.10.2013
1. Er hat nur nicht viel gefunden^^
Zitat von sysopQuentin LeboucherAls großartige Inspiration empfinden europäische Jazzer Musik aus Afrika. Schwarze Amerikaner suchen in den Klängen des Kontinents ihre Wurzeln. Das Jazzfest Berlin setzt einen Afrika-Akzent - und hat auch eine lebende Legende eingeladen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/jochim-kuehn-hans-luedemann-mulatu-astatke-samba-toure-abdullah-ibrahim-a-929765.html
Ausser dem Album "Karma" mit dem Hit "the creator has a master plan" hat Sanders keine Highlights gehabt. Und bei der Nummer kamen die afrikanischen Elemente vom Sänger Leon Thomas. Ist vielleicht effektiver wenn man spirituelle Kraft, Inspiration und so'n Blabla in netten Drogen sucht...
hueywarner 26.10.2013
2. One-Hit-Wonder Pharoah Sanders
Schön, daß ich das nun auch weiß, Herr Püschel: All die Sanders-Alben in meinem Regal, ob Tauhid, Ipho Zam, Jewels of Thought, Thembi, Black Unity, das selbstbetitelte Pharoah auf India Navigation oder Journey to the one usw. - alles mittelmäßiger Plunder... Und die afrikanischen Elemente auf Karma kamen also von Leon Thomas, aha. Was ist mit dem Perkussionisten Nat Bettis - hat der "amerikanisch" getrommelt? Ich glaube, Sanders kam, was die Implementierung afrikanischer, aber auch anderer musikalischer Einflüsse aus Indien/Asien ganz gut ohne Leon Thomas aus. Den Eindruck habe ich zumindest beim Hören der anderen vermeintlich mediokren Nicht-Karma-Alben gewonnen, auf denen Leon Thomas nicht mitwirkt, aber mitunter fast alle Musiker auch perkussive Aufgaben übernehmen.
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