Zum Tod von Joe Cocker Der Glasscherben-Gurgler

Seine Stimme war einzigartig, seine Hits begeisterten Millionen - ihn selbst ließen sie oft ungerührt. Joe Cocker war ein großer Künstler, der sich nach vielen Abstürzen vor allem aufs Überleben konzentrierte. Bis zuletzt.

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Auf die Frage, ob ihm das Bier, für das er lange sang, überhaupt schmeckt, antwortete Joe Cocker mal mit einem amüsierten Lachen und lobte dann ein mexikanisches Konkurrenzprodukt. Er habe so absurd viel Geld für die Werbung bekommen, dass letztlich vollkommen egal sei, ob er das Bier nun mag oder nicht, rechtfertigte er sich später.

Ähnlich verhielt es sich mit der Karriere des Briten, der stets auf dem schmalen Grat zwischen künstlerischen Ambitionen und kommerziellen Notwendigkeiten balancierte.

Der Mann, dessen Stimme klang, als habe er gerade mit Glasscherben gegurgelt, machte nie einen Hehl daraus, dass er auch - vor allem in der späteren Phase seiner Laufbahn - Songs gesungen hatte, die ihn nicht weiter interessierten und von denen er sich einzig und allein erhoffte, dass sie sich verkaufen. Was man als nüchterne Bilanz eines großen Talents ansehen muss, das finstere Abstürze überstanden hatte und sich ab einem gewissen Punkt seiner Karriere vor allem aufs Überleben konzentrierte.

Angefangen hatte Joe Cocker, der 1944 in der britischen Industriemetropole Sheffield zur Welt kam, in den Pubs und Klubs seiner rauen Heimatstadt. Gelernt hatte er das Verlegen von Gasleitungen. Nach der Arbeit stand er in jungen Jahren nachts mit allerlei Bands auf kleinen Bühnen und coverte amerikanische Soul- und R&B-Nummern von Ray Charles, Chuck Berry und Konsorten.

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Rock-Legende: Die Karriere von Joe Cocker
Er war 19 Jahre alt, als er 1963 eine Ahnung vom Ruhm bekam: Er trat im Vorprogramm der Rolling Stones in Sheffield auf. Aber die bald danach veröffentlichte Debüt-Single "I'll Cry Instead", eine Coverversion eines Beatles-Songs, blieb unbemerkt.

Klar war dem jungen Cocker aber früh, dass er weder ein Songwriter, noch ein Virtuose am Instrument war, sondern allein seine Stimme und ein Instinkt für angemessene Songs ihm eine Karriere verschaffen konnten.

Seinen Durchbruch hatte er dann doch den Beatles zu verdanken, mit deren Song "With a Little Help from My Friends" Cocker 1968 in den Charts landete. Ein Jahr später baute er seinen Ruhm mit einem denkwürdigen Auftritt beim Woodstock Festival aus.

Dass Cocker es verstand, sich ein Lied tatsächlich zu eigen zu machen, es so zu übernehmen und mit Leben auszufüllen, als habe es es selbst verfasst, beeindruckte auch die Beatles. Sowohl George Harrisson als auch Paul McCartney luden Cocker nach Hause ein. "Ich fühlte mich wie zu Besuch bei Königen", sagte Cocker dazu.

Sie überließen ihm ihre Songs "Something" und "She Came In Through the Bathroom Window", was damals einem Ritterschlag gleichkam. Aber mit dem Ruhm kamen die Turbulenzen, die diesen Künstler einen Großteil seiner Karriere lang durchschüttelten. Da war einerseits das Geld, genauer gesagt Cockers komplettes Desinteresse daran, was den Künstler zur leichten Beute windiger Manager machte, dazu kam der Hang, Probleme gern und ausgiebig mit Alkohol wegzuspülen.

Legendär und wohl Joe Cockers künstlerischer Höhepunkt ist seine "Mad Dogs and Englishmen"-Tournee von 1970. Eine aberwitzige Konzertodyssee, die Cocker mit dem Exzentriker Leon Russell und einer über 30 Mann starken Begleitband absolvierte. Das Mammutensemble glänzte mit einem furiosen Mix aus Rock & Roll, R&B, Soul und Exzessen der besonders ausschweifenden Art.

Weil er sich mit Leon Russell aber nicht besonders grün war, verfiel Joe Cocker bald auf exzessiven Alkoholkonsum, den er in den Folgejahren beibehielt. Jahrzente später gab er dann zu Protokoll, dass seine Erinnerungen an die Siebzigerjahre nahezu komplett weggespült seien.

Wie sich Cocker nach vielen Abstürzen wieder aufraffte

Zahlreiche Zeitzeugen berichten dafür von Konzerten, bei denen Cocker volltrunken von der Bühne kippte, oder Auftritten, bei denen er gar nicht erst erschien. Die Siebziger gelten als sein verlorenes Jahrzehnt, und er selbst hat immer wieder gestaunt, dass er diese Zeit überhaupt überlebte.

Mit einer Mischung aus Glück und harter Working-Class-Disziplin fing er sich aber wieder. Damals muss er sich entschieden haben, dass es in Ordnung ist, Dinge zu tun, die einen nicht wirklich interessieren, die aber gut bezahlt werden. Das kann man zynisch finden - oder als Überlebenstaktik akzeptieren.

Cocker, der offene Worte stets schätzte, hat daraus nie einen Hehl gemacht. Die Schmachtnummer "Up Where We Belong", seinen einzigen US-Nummer-eins-Hit, tat der Sänger gern als "öde" ab. So ist die zweite Hälfte seiner Karriere zwar die kommerziell einträglichere, aber künstlerisch bedeutungslosere.

In Deutschland, wo Cocker immer etwas mehr geliebt wurde als im Rest der Welt, war er Stammgast bei "Wetten Dass..?". Und vermutlich wird der Brite stets in sich hineingelacht haben, wenn sein Verehrer Thomas Gottschalk mal wieder von "handgemachter Musik" fabulierte.

Endgültig zu innerer Ruhe fand Cocker, als er Ende der Achtzigerjahre eine Amerikanerin heiratete und sich mit ihr auf einer abgelegenen Ranch in Colorado niederließ. Von dort aus restaurierte er seine Gesundheit und seine Finanzen.

Seine letzte bemerkenswerte Platte erschien 2007. Auf "Hymn for My Soul" sang er, begleitet von hippem Personal, anspruchsvolle Songs von Bob Dylan, Stevie Wonder und Lennon&McCartney. Dass der Erfolg des feinen Werkes dezent war, dürfte ihn wenig überrascht haben. Dafür verkaufte er seine Stimme eben mal für eine Biermarke.

Auf seiner Ranch in Colorado ist Joe Cocker am Montag an Lungenkrebs gestorben.

SPIEGEL-Interview mit Joe Cocker
Der SPIEGEL sprach Ende der Neunzigerjahre mit Joe Cocker. In der Hausmitteilung stand damals: "Berühmt wurde er durch seine Stimme, berüchtigt war sein Umgang mit Alkohol. Gelöst sprach der Superstar über die Musik und sein wechselvolles Leben. Und für seinen Suff sowie die anderen Rückschläge, die er sich immer wieder eingehandelt hat, fand Cocker eine aparte Erklärung: Er verfüge wohl - und was will man da machen? - über 'irgendein Gen, das auf Selbstzerstörung programmiert ist'." Hier das Gespräch zum Nachlesen.



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insgesamt 123 Beiträge
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alexanderschulze 23.12.2014
1. Nur kurz:
"Grat", nicht "Grad". RIP Joe.
klyton68 23.12.2014
2. ein Großer
er hat gelebt. Hoffentlich zu seiner Zufriedenheit. Es sterben die Konstanten meiner Generation.
ernesto c 23.12.2014
3. Traurig
traurig dieses Weihnachten 2014. Unverwechselbar, unerreicht diese Stimme. Tränen in den Augen.
dabeat 23.12.2014
4. Noch einer der großen Musiker
... Nur die besten Sterben jung ...
ohrenbaer2 23.12.2014
5. Viel zu früh Joe,
wo waren deine Freunde?
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