Kultur

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Verschollenes Album von John Coltrane

Zauberhaft zerrissen

1963 nahm Jazzlegende John Coltrane eine Platte auf, die als verschollen galt - bis jetzt! "Both Directions at Once" zeigt ihn auf der Höhe seiner Kunst, zwischen erdigem Blues und luftiger Avantgarde.

Von Tobi Müller

Samstag, 30.06.2018   13:15 Uhr

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Einzählen ist für Spießer. Kein one, two, three, four, nirgends. Am Anfang dieses 55 Jahre lang verloren geglaubten Albums fragt der Produzent Bob Thiele aus dem Kontrollraum: "It's an original, isn't it? - Das ist eine Eigenkomposition, oder?" John Coltrane antwortet mit einem leisen "Yeah". Thiele nennt die Archivnummer des Bandes, "11382, äh, 383. Original. Take one". Keine halbe Sekunde vergeht, bis ein schnelles, eckiges Thema über ein Blues-Schema davonspringt.

Neben Coltrane, hier am hellen Sopransaxofon, sitzt am Flügel McCoy Tyner, der es harmonisch mit dem Chef aufnehmen kann, während Elvin Jones am Schlagzeug und Bassist Jimmy Garrison eine rohe, aber hochgeschulte Kraft entwickeln. Die Jazzgeschichte nennt diese Band das Klassische Quartett. Coltrane ist in der Mitte seiner Karriere und auf der Höhe seiner Kunst. Vier Jahre später stirbt er an Leberkrebs.

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Es gibt keine Zeit zu verlieren. Der Jazz will neu erfunden werden, auch zwischen 13 und 18 Uhr am 6. März 1963. Die Songs selbst atmen tief. Doch dazwischen gibt es keine Bummeleien in Rudy van Gelders Tonstudio in New Jersey, am Abend muss die Band rechtzeitig in Manhattan ankommen, das Konzert im Klub Birdland wartet.

Coltrane wird schon am nächsten Tag ins Studio zurückkehren, für eine Session mit dem Schnulzensänger Johnny Hartman. Die Musik selbst legt amerikanische Offenheit nahe: Intensive Abstraktion und konkrete Form stehen nebeneinander - mal locker, oft gespannt, meistens unerlöst.

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Am besten, man legt den Kopfhörer zur Seite, steht auf und geht im Raum umher. Der Druck dieses zauberhaft zerrissenen Sounds steigt, wenn er aus Lautsprechern strömt und auf den Körper trifft. So vergeistigt Coltrane schon 1963 manchmal klingt, eineinhalb Jahre vor der Über-Platte "A Love Supreme", so direkt schießt seine Musik vom Kopf durch das Mark in die Beine.

Zwei Kräfte ziehen an ihm und der Band, zur Form hier, zur Freiheit da. Das hebt "Both Directions at Once" weit über eine routinierte Veröffentlichung aus den Archiven hinaus. Es ist ein Album der Möglichkeiten. Die Zukunft ist hier Tableau flirrender Versprechen.

Es gibt Bluesschemen - am Anfang schnell und frei, gegen Ende, im "Slow Blues", auch erdig. Coltrane überbläst das Tenorsax zwischen komplizierten Skalen so knarzig, als würde er von der Hipsterbar mal eben ins Festzelt wechseln. Mit "Vilia" zitiert er eine Melodie aus der Operette "Die Lustige Witwe", die Band swingt fast brav, die Changes, wie man im Jazz die Harmoniewechsel nennt, bleiben transparent, die Soli wirken gespenstisch leichthändig. Das ist souveräner und aus der Hüfte geschnittener Hardbop, der sein Ende ahnt - so überreif wie ein bereits riechender Früchteteller.

"Nature Boy" ist eine Melodie in Moll aus Coltranes Jugend, die er als Versuch nutzt, mit verwandten Akkorden die Komplexität zu verringern, um in der Improvisation Freiheit zu gewinnen. Auch "Impressions", ein Signature Piece von Coltrane, ist modaler Jazz - harmonisch identisch mit "So What" auf der wohl berühmtesten Jazzplatte überhaupt, "Kind of Blue" von Miles Davis, mit Coltrane am Tenor. Die letzte Nummer des "Lost Albums" sucht das Glück der harmonischen Freiheit: Einmal mehr pausiert McCoy Tyner am Piano, um seinem Chef noch längere Leine im Solo zu lassen: "One Up, One Down".

Die Platte offenbart, was Coltrane von anderen Jazz-Innovatoren am meisten unterscheidet: Seine Freiheit in der Musik ist durch das Stahlbad der Meisterschaft gegangen, romantisch erarbeitet und erlitten. Er übte beflissen bis ans Ende seines Lebens, niemand entwickelte sein Spiel so tiefgreifend über zwei Jahrzehnte hinweg. Miles Davis veränderte seine Bands, um die Konkurrenz abzuhängen, sein Trompetenspiel betraf das aber nicht im selben Maß. Ornette Coleman wiederum war nie ein klassischer Meister, sein Free Jazz suchte den direkteren, volkstümlicheren Weg. Coltrane aber checkte alles aus. Das Resultat: Niemand spielt so einfach so komplex.

Die größte Entdeckung dieser Platte ist eine weitere namenlose Eigenkomposition. In "Original 11386" strahlt die ganze Band: Elvin Jones und Jimmy Garrison treiben die gewagten Klettereien und Schwebepartien von Sax und Piano unerbittlich an. Kaum zu glauben, dass die beiden zu jener Zeit noch immer Heroin nehmen (Coltrane selbst ist da schon sechs Jahre sauber).

Ihren größten Moment hat die Rhythmusgruppe an der unsichersten Stelle: Nach den Soli spielen Jones und Garrison 70 Sekunden allein. Der Bass kleckert dicke Akzente und verweigert ein Solo, das Schlagzeug dreht mehrmals den Beat um, wiederholt dann das Latin-Feel des Themas, wirbt um den Bass und hört plötzlich auf. Der Puls aber geht nicht weg, das Herz pocht weiter, die Freiheit erscheint in diesem Moment maximal. Und in Coltranes Solo am Sopransax kündet sich das radikale, spirituelle Spätwerk an.

Der Fund dieser Bänder ist auch deswegen ein Glück, weil der Abstand erlaubt, den wirkungsmächtigsten aller Tenoristen frisch zu hören. Denn John Coltrane teilt mit Jesus Christus mehr als nur die Initialen JC, sein Status in der Jazzwelt ist in etwa vergleichbar. Im März 1963 war Coltrane 36 Jahre alt, so alt wie Jesus, als er starb. Ob die Auferstehung von JC vor der Tür steht, darf zwar bezweifelt werden. Sicher dagegen ist, dass Jazzfans gerade Ostern und Weihnachten zugleich feiern.


John Coltrane: "Both Directions at Once: The Lost Album" (Impulse/Verve/Universal) ab 29. Juni

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