Abgehört-Xmas-Special Der Soundtrack für Weihnachten

Old-School-Sounds, Malen-Nach-Zahlen-Mix, Festtags-Dauerbrenner als Dub-Reggae, Musik für vermurkste Weihnachten und blasse Perfektion: Das sind die neuen Weihnachtsalben.


John Legend: "A Legendary Christmas" (Sony)

John Legend: "A Legendary Christmas"

John Legend: "A Legendary Christmas"

Tina Sinatra, Franks älteste Tochter, erinnerte sich mal, wie ihr Vater einst im Hochsommer die Sippe, also die drei Kinder und Mutti, zusammentrommelte, um in einem mit Lebkuchen und Tannenbäumen dekorierten Studio Weihnachtsklassiker zu trällern. Was eben eine besonders seltsame Erfahrung ist, wenn die Sonne von L.A. draußen mit vierzig Grad knallt.

Ähnlich herzerwärmende Geschichten hat der Soft-Soul-Crooner mit dem beneidenswerten Nachnamen zu bieten. Im CD-Booklet seines neuen Albums erinnert sich der Amerikaner an Festtage in "Omis kleiner Hütte" und räumt ein, wie seltsam es sei, in Zeiten einer zunehmend aus den Fugen geratenen Welt bei brüllender Hitze sonnige Weihnachtsklassiker einzuspielen.

Der mit Oscar/ Emmy/ Grammy und Tony ausgezeichnete 39-jährige Superstar buchte sich erstklassige Unterstützer in die Idylle. So wie Produzent Raphael Saadiq und Stevie Wonder. Entsprechend elegant beschwingt erklingt sein Old-School-Sound. Pluspunkte gibt es für seine lässige Version des Vince-Guaraldi-Peanuts-Evergreens "Christmas Time is here again".

Eric Clapton: "Happy Xmas" (Polydor)

Eric Clapton: "Happy Xmas"

Eric Clapton: "Happy Xmas"

Vielleicht saß "Slow Hand" in seinem Lieblingssessel, erfreute sich an den vierzehn Grammys, die auf dem Kaminsims Staub fangen, erinnerte sich an seine drei "Rock'n'Roll Hall of Fame" Auszeichnungen und dachte sich: Was nun?

Vielleicht surrte sein Smartphone und die Kinder oder Enkel waren dran, jedenfalls beschloss er, es Dylan und anderen alten Weggefährten gleichzutun und ein Weihnachtsalbum zu produzieren. Vielleicht schlurfte er dann ein paar Mal in sein Kellerstudio, lud sich ein paar Zuarbeiter ein und machte sich dann mäßig motiviert an die Arbeit.

Vielleicht tut man ihm auch großes Unrecht, aber die Musik auf seinem Weihnachtsalbum hat weder Charme noch Esprit. Der Malen-Nach-Zahlen-Mix von mehr oder weniger bekannten Weihnachtsheulern wirkt überwiegend lustlos runtergeschrubbt. Nahezu grotesk wird es, wenn der Chef "Jingle Bells" im Dorfdisco-Sound als "In Memory of Avicii" massakriert.

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Nicht unkomisch ist dagegen sein hingekrakelter Weihnachtsmann auf der Tonträgerhülle. Vielleicht könnte man eine andere Platte reinschieben?

Dub Spencer & Trance Hill: "Christmas in Dub" (Echo Beach)

Dub Spencer & Trance Hill: "Christmas in Dub"

Dub Spencer & Trance Hill: "Christmas in Dub"

Songs, die gefühlte Millionen Mal nachgeleiert wurden, etwas Neues hinzuzufügen ist nicht einfach. So ist die Idee, Festtags-Dauerbrenner als Dub-Reggae aufzuführen schon mal erfrischend.

Die vier Schweizer Knaben, die sich hinter dem mittellustigen Namen verbergen, haben ihre Beats und Bässe bereits mit Größen wie Lee Scratch Perry, William S. Burroughs, Ken Boothe und Yello-Landsmann Dieter Meier programmiert.

Nun haben sie ihre majestätischen Kriechbässe mit Weihnachtsmusik gekreuzt. "O du Fröhliche Dub", "Kommt ihr Hirten Dub" oder "Lasst Uns Froh Und Munter Sein Dub" klingen exakt so, wie man es sich ausmalt. Wobei der Spaß dieser Aufnahmen tatsächlich darin besteht, dass die Vorlagen ziemlich dezent, ja nahezu versteckt, in die schlurfenden Bass- Tracks gearbeitet wurden. Die zahlreichen Effekte und weiteren Sounds stören da auch nicht weiter.

Der perfekte Soundtrack für verdämmerte Festtage. Da die CD auf 999 Exemplare limitiert ist eignet sie sich auch als Geschenk der besonderen Art.

Rodney Crowell: "Christmas Everywhere" (New West Records)

Rodney Crowell: "Christmas Everywhere"

Rodney Crowell: "Christmas Everywhere"

Rund um Heiligabend hat auch die schlechte Laune weltweit Hochkonjunktur. Es wird im Kreise der Familie gezankt und abgerechnet was das Zeug hält. Verwandte fallen lustvoll übereinander her. Einsame ertränken ihren Schmerz in Glühwein.

Den Soundtrack für vermurkste Weihnachten liefert in dieser Saison Rodney Crowell. Auch der hat keine herzerwärmenden Kindheitserinnerungen an diese Feiertage. Seine Eltern waren oft zu klamm für Geschenke und fanden das Fest überhaupt eine Zumutung. Ihr einziges Kind wurde in den vergangenen Jahrzehnten als Country-Songwriter und Musiker in den USA berühmt. Der Texaner diente als Gitarrist und Songwriter in der Hot Band von Emmylou Harris, ehelichte Johnny Cashs Tochter Rosanne und wurde mit zwei Grammys ausgezeichnet.

Unterstützt von begabten Kollegen wie Vince Gill und Lera Lynn zelebriert der Künstler auf seinem neuen Album die Abgründe des Familienfestes. Er bejammert den Kommerz und überhaupt den Stress der vermeintlich besinnlichen Zeit. Als Vater und mittlerweile sogar Großvater schlägt er zum Ende des Albums hin aber doch versöhnliche Töne an und lotste für "All for Little Girls & Boys" seine Enkelinnen ins Studio. Merry Christmas!

Jessie J: "This Christmas Day" (Universal)

Jessie J: "This Christmas Day"

Jessie J: "This Christmas Day"

Die Londoner BRIT-School, ein Institut zur Förderung britischer Poptalente, hat schon die Karrieren von Amy Winehouse, Katie Melua und einer gewissen Adele beflügelt. Mit letztgenannter schloss Jessica Ellen Cornish, besser bekannt als Jessie J, die BRIT-School ab.

Seitdem legte sie im Popuniversum eine respektable Karriere ab und rauschte mit Songs wie "Price Tag" weltweit in die Charts. Weil sie lustvoll mit Genres jongliert gilt die Britin als abenteuerlustig.

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Ihr Weihnachtsalbum wird diesem Ruf allerdings nicht gerecht. Da macht sie zwar nichts falsch, leistet sich teure Asse wie Rodney Jerkins, Jimmy Jam and Terry Lewis, David Foster, Babyface, Boyz II Men und David Foster um "Winter Wonderland" oder "Silent Night" als Soulpop aufzumöbeln aber bleibt selber in dieser hochpolierten, makellosen Perfektion irgendwie blass.

Als Festtagsrauschen für Shopping Malls und US-TV-Serien taugt das Werk aber bestens.

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insgesamt 28 Beiträge
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chewbakka 04.12.2018
1. Ich hab auch noch einen
Nils Landgren: 'Christmas with my friends'. Der Meister des Funk kann auch besinnlich und belebt sogar scheinbar ausgeleierte Weihnachtslieder!
freddykruger 04.12.2018
2. auweia
Wer brauch diesen Müll. Hab mir die Clapton angehört, sogar komplett. Schauderhaft. Danach halfen mir nur noch 8 std. Motörhead und Slayer.
Gaztelupe 04.12.2018
3. Nach »Last Christmas« ist vor »Last Christmas«
Ein einträgliches Format für einen Musiker, so ein Weihnachtslied: Wird, wenn es in die Charts kommt, alle Jahre wieder in der Rotation landen. Weihnachtslieder werden nicht alt. Das ist das Raster, das den Zaster bringt. Mit dem Text muss man sich auch nicht abmühen, gar irgendwelche neue Bedeutungsebenen schaffen oder anderen schwermütigen Sozialkommentar einflechten. Hauptsache, es geht um das Glück und die Liebe und den Frieden und den Kitsch. Ein paar Glöckchen, womöglich einen Engelschor für die Pfaffenschnulzigkeit in den Background - fertig ist die Laube. Spricht nichts dagegen. Nach ein paar Jahrzehnten kommen da gerne mal ein paar Milliönchen zusammen. Nick Hornby hat eine ganze Figur um diese verblüffend simple Geschäftsidee gebastelt. Meine Weihnachtsmusik indes ist die Vermeidung: Seit Jahrzehnten versuche ich in der blödesten Zeit des Jahres, »Last Christmas« nicht zu hören. Gar nicht so einfach, wenn man sich nicht wochenlang mit Ohrenschützern in der Bude einschließen kann. Eigentlich sogar unmöglich, denn die Kolleginnen am Arbeitsplatz haben das Radio an. Jammert George Michael los, beginnen sie zu schwelgen und alles ist wieder mal verloren. Oder im Supermarkt, im Einkaufszentrum oder beim Besuch von Freunden und Verwandten - irgendwo lauert das Grauen immer zum Ende des Jahres. Ich habe es bisher nicht geschafft, den Song erfolgreich zu umgehen. Erinnernswert ist das Jahr 2009: Da hat es bis zum 22. Dezember gedauert; werde ich so schnell nicht vergessen. In einer Kneipe in Hamburg, wo man dir eher die Eingeweide über den Tresen legt als freundlich eine Bestellung entgegen zu nehmen, fühlte ich mich sicher und war schon ganz euphorisch! Kein »Last Christmas« bisher, die paar Tage schaffst Du auch noch! - Ich hatte die Rechnung ohne die Jukebox und ohne den rotgesichtigen, fettig grauhaarigen Hafenarbeiter (sah zumindest so aus, der Jung’) gemacht, der einen Euro in den Kasten warf und - na, was wohl drückte? Vielleicht war’s ja der Teufel himself. Dafür sprachen sein listiges Grinsen unter dem bierbeschäumten Schnauzer, und seine seligen, um ihn selbst kreisenden Tanzschritte, die viel zu lasziv waren, um von so einem Menschen zu stammen. Mein Abend, meine ganze Vorweihnachtszeit jedenfalls waren gelaufen. Alle Jahre wieder.
Papazaca 04.12.2018
4. Hmm, hattet Ihr den Hamburg-Blues +Glühwein ..
bei der Auswahl? Das DUB-Stück konnte ich leider nicht abspielen. Clapton und John Legend wie erwartet. Das Stück von den Zorros über den Konsumwahn war ja ganz lustig, bis die weibliche Zahnschmelzstimme gegen Schluss einstieg. Jessi G. hat aus einem sehr konventionellen Stück eigentlich viel gemacht. Trotzdem, müssen wir uns Christmas-Sorgen für die SPON-Redaktion machen? Ich fand, es ist ein netter Versuch, Christmas aus 5 Ecken zu hören. Fehlte nur noch ein Hard-Rockstück. Ich hätte natürlich das Wham-Last Christmas Stück eingeschmuggelt, um einen Shitstorm zu provozieren. Aber da fehlt Euch die Traute. Hat der bekloppte Tiny Tim eigentlich Christmas-Songs geschrieben? Also, Ihr solltet nochmal ran, dann aber richtig. Und vergeßt nicht George Michael, ich freue mich schon über die Kommentare
popeypope 04.12.2018
5. die einzig gute
Die einzig gute Weihnachtsplatte ist Bootsy Collins "Christmas is 4 Ever". Auch schon wieder 12 Jahre alt. Und wer noch was Verwegenes braucht, kann ja mal in "Claws" der Hybrid Kids (aka Morgan Fisher 1980) reinhören.
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