Tagebücher, Briefe, Brille John-Lennon-Dokumente in Berlin gefunden

Ein 58-Jähriger wurde in Berlin festgenommen, ihm wird Hehlerei vorgeworfen. Es geht um private Gegenstände aus dem Nachlass von John Lennon, die in einem Berliner Auktionshaus versteigert werden sollten.

John Lennon (1969 in Amsterdam)
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John Lennon (1969 in Amsterdam)


Der Schatz fand sich in der Insolvenzmasse eines Berliner Online-Auktionshauses. Es sind bloß Tagebücher, Briefe, Postkarten, Fotos, eine Brille, ein Zigaretten-Etui. Aber sie stammen nicht von irgendwem, sie gehörten einst John Lennon.

Nach SPIEGEL-Informationen aus dem Kunstmarkt-Umfeld handelt es sich um Dokumente voll intimer und bisher unbekannter Details aus dem Leben des Musikers, aber auch um den Live-Mitschnitt eines Beatles-Konzerts und einen Music Award. Stücke also, die nicht nur für Pop-Historiker von großem Wert sind, sondern für die auch vermögende Lennon-Fans Unsummen an Geld zahlen würden. Wenn sie denn legal angeboten worden wären.

Heute morgen wurde in Berlin bei einer Durchsuchung ein 58-jähriger Mann von der Polizei festgenommen, der der Hehlerei und des Betrugs beschuldigt wird. Ein weiterer Tatverdächtiger befindet sich laut Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin derzeit in der Türkei und sei "für Strafverfolgungsmaßnahmen nicht greifbar". Über diese Personen war nach Informationen des SPIEGEL das Konvolut aus dem Besitz von Lennon in das Berliner Auktionshaus gelangt.

Das Scheitern des Online-Auktionsgeschäfts

Vor etwa drei Jahren waren die privaten Gegenstände Lennons Auctionata angeboten worden, einem Online-Auktionshaus, das 2012 in Berlin als Startup gegründet worden war und über die Jahre rund 100 Millionen Euro an Risikokapital eingesammelt hatte. Doch das Onlinegeschäft mit der Kunst im großen Stil war - wie von vielen Kennern des Auktionshandels prognostiziert - unprofitabel.

Zu sehr lebt der Handel mit der Kunst von der Aura des Originals, das man vor dem Kauf persönlich anfassen und ansehen, nicht nur anklicken will. Zu wichtig ist in diesem Markt der meist symbolischen, rein virtuellen Werte auch die Autorität der Vermittler, also der über Jahrzehnte aufgebaute gute Ruf der Auktionshäuser, ihre Vertrauenswürdigkeit. Ein kleiner oder auch mittelgroßer Kunsthändler hätte den Leonardo da Vinci zugeschriebenen "Salvator Mundi" vergangene Woche niemals für rund 450 Millionen Dollar versteigern können, das gelang nur dem Marktführer Christie's.

Auctionata versuchte diesen Markt mit Einsatz von viel Risikokapital aufzumischen, schluckte den New Yorker Konkurrenten Paddle8 - und scheiterte schließlich grandios. Im Januar 2017 meldete Auctionata Insolvenz an, seither wird das Unternehmen abgewickelt. Es wurde zu wenig Gewinn gemacht, außer im Bereich der Luxus-Uhren gab es kaum Einlieferungen von wirklich hochpreisiger Qualität.

Diese schwierige wirtschaftliche Situation könnte erklären, warum Auctionata in den Jahren vor der Insolvenz mit hohen Vorschüssen um prestigeträchtige Ware warb und dabei womöglich die Risiken aus den Augen verlor. Die Versteigerung bisher nicht veröffentlichter Tagebücher und Briefe aus dem Nachlass von John Lennon hätte für Auctionata einen international werbewirksamen Coup bedeutet, und so hatte das Unternehmen sich das Konvolut - wie DER SPIEGEL aus dem Marktumfeld erfuhr - anscheinend durch die Vorschusszahlung eines hohen sechsstelligen Euro-Betrags gesichert. Auf SPIEGEL-Anfragen konnte der Sprecher des Insolvenzverwalters von Auctionata bisher keine Antworten liefern.

Keine Entscheidung über Freigabe der Beweismittel

Wieso verkaufte man die Tagebücher dann nicht? Offenbar hielt man in dem Unternehmen die Frage nach dem rechtmäßigen Eigentümer für nicht hinreichend geklärt. Das Kunstdezernat der Berliner Polizei und die Staatsanwaltschaft haben nach ihren Ermittlungen die Eigentumsfrage jetzt recht drastisch mit der Festnahme eines mutmaßlichen Einlieferers vorläufig beantwortet.

Doch wer hatte Yoko Ono die Tagebücher, Postkarten, Fotos und die Brille Lennons gestohlen? Näheres möchte die Staatsanwaltschaft und die Polizei in einer Pressekonferenz am Dienstag erläutern. Die Tagebücher, die Lennons Witwe laut früheren Aussagen für "heilig" hält und bis lange nach dem Tod der darin erwähnten Personen unter Verschluss halten will, waren schon früher Gegenstand von gerichtlichen Auseinandersetzungen.

Ein - als Journalist ausgebildeter - Privatassistent John Lennons hatte sie nach dessen Tod beiseite geschafft und zu veröffentlichen versucht. Er gestand schließlich, und die Tagebücher kehrten in den Besitz von Yoko Ono zurück. Erst 2006 war die Witwe von ihrem langjährigen Chauffeur erpresst worden, der später in die Türkei ausreiste. Er hatte zwei Millionen Dollar gefordert und mit der Veröffentlichung peinlichster Details aus Yoko Onos Leben gedroht.

Über die Freigabe der Beweismittel könne derzeit noch nicht entschieden werden, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Die Eintragungen in John Lennons Tagebüchern bleiben wohl noch länger ein Geheimnis.



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Knossos 20.11.2017
1.
Erstmalig, daß ich als Bewunderer der Beatles pro Ono empfinde. Der Pferdefuß des Reichtums ist, welch Gekreuch sich um einen herum einzufinden oder zu entwickeln neigt. Da wird das Bedürfnis nach Vertrauenswürdigkeit charakterlos ausgenutzt; selbst wenn man großzügig am Fahrwasser teilhaben darf. Hinter familiär und loyal anmutender Fassade in gemeinsamer Zeit werden Devotionalien, Persönliches oder Dinge des Privatlebens gestohlen, um sie nach Trennung oder Entlassung zum Erpressen und Bereichern zu verwenden. Verabscheuungswürdige Perfidie. Und vermutlich zynische Lehre davon, daß man sich als steril vom Personal absetzender und knickrig-strenger Hausherr (, der Personal mit von Anwälten verfaßter Formalität begegnet) am besten bettet. Eine Strafe für Integere in der Umgebung. Lennons Utensilien sollten der Witwe schnellstmöglich zurückgegeben werden; der Chauffeur eine Interpolaktion wert sein und ordentlich bestraft werden. Insbesondere wegen Niedertracht.
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