Abgehört - neue Musik Apokalypse Maus!

Professor Pop: John Maus begegnet dem Endzeitgeist auf seinem neuen Album mit Philosophie und Nostalgie-Triggern. Außerdem: ein Soul-Sänger auf Stilsuche, eine Indie-Sängerin, die es mit Sia aufnehmen kann - und Prinz Pi.

Von


John Maus - "Screen Memories"
(Domino, seit 27. Oktober)

Wir müssen zu mitleidlosen Zensoren unser Selbst werden, forderte John Maus im Titel seines letzten Albums, den post-marxistischen Denker Alain Badiou zitierend. Nach diesem Diktum sang er dann mokant enthemmte Zeilen wie "Cop Killer, let's kill the cops tonight/ Cop Killer, kill every cop in sight". Das war 2011. Sechs Jahre später: Hat nicht geklappt mit der Selbstzensur, im Gegenteil: Das Internet? Ein Blame Game von Pöblern und Vereinfachern. Die Politik? Wird okkupiert von Nationalisten, Populisten, Rassisten oder schlicht Irren.

Bald aber, befürchtet Maus, ein poststrukturalistischer Theoretiker und Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Hawaii, werden ohnehin die AI-Maschinen mit ihren Algorithmen, Quali- und Quantifizierungen das Regime über alles Menschliche übernehmen. Höchste Zeit also, ein Album über die Apokalypse zu schreiben. Monatelang verschanzte sich Maus in seinem Haus in Minnesota und baute sich die meisten Instrumente selbst, nahm sich sozusagen vom Netz: ein musikalischer Outsider, der dem Zeitgeist mit Philosophie und Pop-Appeal auf die Spur kommen will.

Seine zumeist synthetisch erzeugte Musik speist sich aus mittelalterlichen Harmonie-Setzungen, die, wie Maus gerne erklärt, vielfach als reine Achtzigerjahre-Reverenzen missverstanden werden. Aus dieser Ära stammt immerhin seine Vorliebe für Proto-Goth, also Joy Division, frühe Cure, Bauhaus, Killing Joke. Den düsterromantisch wabernden Doom und Gloom kontrastiert Maus mit den klapprig-dürren Beats und Synthie-Sounds, die John Carpenter und Jan Hammer für ihre Film- und TV-Soundtracks verwendeten. Kann man großartig finden - oder aber auch prätentiös wie ein Kritiker vom "Slant"-Magazin, der einst über Maus' Musik schrieb, sie klinge "wie ein rückwärts abgespielter Human-League-Song auf einem Walkman, dem man einem Ertrinkenden an den Hinterkopf geklebt hat".

Ähnlich, sagen wir, minimalistisch suggestiv klingt nun auch "Screen Memories", wenn Maus mit hohler, distanzierter Stimme vom großen Mähdrescher ("The Combine") dräut, der uns alle in Spreu und Weizen, Einsen oder Nullen, Dafürs oder Dagegens, Likes oder Dislikes, trennen wird: "It's gonna dust us all to nothing". Jeder Track enthält nur wenige Zeilen, die wie Mantras wiederholt werden: "Go for the touchdown. yes, the touchdown!", heißt es zum Beispiel in "Touchdown", als wäre ein Zufalls-Sound-Bite aus einer Sportübertragung im Fernsehen im Endlos-Loop eines künstlichen Gehirns gefangen, das versucht, emotional motiviertes Humanverhalten zu analysieren. Wie ein Phantom schwebt der Protagonist dieser Songs über ein "battlefield" der Postmoderne ("Over Phantom").

"Screen Memories", das sind aber nicht nur die auf dem Cover angedeuteten Artefakte konsumierter Medieninhalte (Maus ist ein Verschlinger von Popkultur und guckt leidenschaftlich alles, von "Star Trek" bis "South Park"), sondern auch die sogenannten Deckerinnerungen Sigmund Freuds, mittels derer traumatische Kindheits-Empfindungen mit weniger wichtigen Erinnerungen übertüncht werden. Es geht hier, wie üblich im Genre des hypnagogic Pop, das Maus miterschaffen hat, mit Nostalgie stimulierenden Klängen tief ins Unterbewusste.

Andreas Borcholtes Playlist KW 44
SPIEGEL ONLINE

01 Circuit des Yeux: Falling Blonde

02 Die Mausis: Die Farbe Grau

03 Haley Heynderickx: Oom Sha La La

04 Jerry Williams: Mother

05 John Maus: Pets

06 Hope: Cell

07 Eera: Living

08 Tommy Genesis: Tommy

09 Haiyti: 100.000 Fans

10 Blond: Spinaci

Da verwischen dann auch mal die Deutungsebenen. Ob etwa "Teenage Witch" von lüstern-adoleszenten Erinnerungen an TV-Ikonen wie Buffy oder Sabrina handelt oder - viel aktueller - von Anschuldigungen gegen Maus' Kumpel und Ex-Kommilitonen Ariel Pink, der unter anderem seine sehr junge Freundin auf der Bühne übergriffig behandelt haben soll, darauf mag sich jeder selbst einen Reim machen. Die Zeile "I played in Haunted Graffiti teenage witch", also in Pinks früherer Band, könnte ein Hinweis sein.

Auch "Find Out" und "Pets", die beiden besten Stücke dieses euphorisch depressiven Albums, forschen im Stürmen und Drängen der Teenagerjahre; der eine Song als gitarrenwuchtige Hüsker-Dü-Hardcore-Hommage, der andere auf einem elaborierten Basslauf über der ernüchternden Erkenntnistheorie-Epiphanie, die jedes Kind durchmachen muss: "Your pets are gonna die". Erst die Haustiere, dann die Großeltern und Eltern, dann wir selbst. Tanz den Nihilismus zum Maschinenbeat. (8.7) Andreas Borcholte

Julien Baker - "Turn Out The Lights"
(Matador/Beggars, seit 27. Oktober )

Ach, Musik, die große Therapiesitzung! Im Video zum Titelsong ihres umwerfenden zweiten Albums sieht man Julien Baker über Feld, Wald und Wiesen laufen, einer Lunte folgend. Am Abend, als es längst finster ist, findet sie ein brennendes Piano: In der Dunkelheit lodert die Kreativität am hellsten, sind aber auch die Gedanken am schwärzesten. Und man ist einsam.

So intim sind die Bekenntnisse Bakers auf "Turn Out The Lights", dass man beim Hören ihrer Songs tatsächlich das Gefühl hat, man sei allein mit ihr in Raum und Zeit. Man kennt die klaffenden Löcher im Wandputz, die immer stören, aber doch nie ausgebessert werden, weil man einfach nicht dazu kommt. "And besides I'm getting used to the gaps", singt Baker. Gemeint sind natürlich die Lücken und Brüche in ihrem Leben und in ihrer Psyche. Schon auf ihrem tollen Debüt "Sprained Ankle" (2015) gab sie zu, mehr Whisky als Blut und mehr Teer als Luft in den Lungen zu haben. Inzwischen ist sie ausgenüchtert, aber umso berauschender als Songschreiberin.

Ihre mit zerschabter, aber kraftvoller Stimme vorgetragenen Lieder verfügen über die Power-Melodien und das Drama großer Pop-Hymnen, wie sie im Radio von Sia gespielt werden - nur halt ohne die reizüberflutende Mega-Produktion, die jede Ballade auch zum Club-Hit überstrapazieren will. Baker reichen oft ein Piano und ein paar behutsame Streicher-Akzente ("Over", "Hurt Less"), um ihren desolaten Gemütszustand packend und voluminös auszubreiten. Fragiler Status quo ihrer Seelensuche: "Maybe it's all gonna turn out alright/ I know that it's not/ But I have to believe that it is", singt sie in "Appointments", flehend. Wir freuen uns auf die nächste Sitzung. (8.0) Andreas Borcholte

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Prinz Pi - "Nichts war umsonst"
(Keine Liebe Records, ab 3. November )

Friedrich Kautz, da sagt man nichts Neues, ist ein netter Kerl. So nett, dass er noch nicht mal zu Mark Forster nein sagen konnte. Mark Forster! Der Grund, warum man sich seit zwei Wochen Andreas Bourani als "The Voice"-Juror zurückwünscht, das muss man sich mal vorstellen. Forster singt jetzt jedenfalls den Refrain auf Prinz Pis Song "Original" mit - und, Potzblitz, es ist ganz erträglich! Das liegt natürlich daran, dass Kautz ein so guter Texter und Komponist ist. "Nichts war umsonst" wird mit großer Sicherheit sein viertes Nummer-Eins-Album in Folge sein. Und das ganz zu Recht. Seit dem leider arg biedermeiernden Album "Im Westen nichts Neues" gab es einige Neuigkeiten und private Brüche im Leben von Kautz, sie werden in jetzt wieder dringlichen Songs wie "Trümmerfeld", "Haus im Wald" und "Letzte Liebe" thematisiert.

Die Depressionen und das Zerbrechen seines Kreuzberger Familienidylls mögen den 37-Jährigen dazu bewogen haben, für ein Album vor zwei Jahren noch einmal seine Straßenrapper-Persona Prinz Porno zu reaktivieren, die es ihm erlaubte, giftiger und galliger zu sein. Als Prinz Pi tritt er nun wieder als Hip-Hopper in Erscheinung, der wie kein anderer hierzulande die gut gebildete bürgerliche Mittelklasse repräsentiert. Sich wie Kollege Casper dem Weltschmerz und Nihilismus hinzugeben, ist für ihn nicht drin. Mit beherzten Klavier-Melodien, und schwellenden Gospelchören packt er sich selbst am Kragen und blinzelt zusammen mit Mainstream-Rocksänger Bosse ins "Hellrot" der Sonne: "Etwas juckt mich im Gesicht, ich hab's vergessen/ Ach, ich weiß, was das ist, das ist ein Lächeln".

Dieser "Nach jedem Tief kommt ein Hoch, Hoch, Hoch"-Optimismus ist tatsächlich ansteckend - und überträgt sich wohltuend vom Privaten ins Politische, ohne dass es konkrete Ansagen in den Texten gibt. Kautz nennt sich gerne den "besten deutschen Themenrapper", aber sein bestes Thema bleibt das eigene Leben in der Mitte der Gesellschaft. Das mag man in der Szene uncool und spießig finden, aber von den dumpfen Schlager-Eskapismen und -Hurra-Selbstbefriedigungen der Forsters und Bouranis, in der deren Hitparaden-Revier er wildert, ist Pis sensibler Emo-Rap weit entfernt. Flow und Musikalität des Brillenträgers mit dem Streber-Image stechen ohnehin jede Konkurrenz. Dafür muss man sich nur die schön und warm auf dem Fender Rhodes georgelte Soul-Ballade "Nordpol" anhören, auf der Gastrapper und aktueller Chartstürmer Bausa mit seinem modischen Autotune-Gewurbel ganz schön billig und verloren wirkt. (7.3) Andreas Borcholte

Curtis Harding - "Face Your Fear"
(Anti Records, seit 27. Oktober)

Gut, sehen wir der Angst ins Auge: Was ist, wenn in Curtis Harding, dem interessanten und definitiv talentierten Newcomer aus Michigan am Ende doch keine originäre neue Stimme für den Soul schlummert? Hardings Charme besteht darin, dass er sowohl Gospel-Chor-Experience besitzt, als auch über Punk- und Indierock-Einflüsse verfügt. Zu seinen besten Freunden zählt Black-Lips-Frontmann Cole Alexander; seine Meriten verdiente sich Harding als Background-Sänger für Cee-Lo Green und Goodie Mob. Im Zuge dessen lernte er wohl auch Greens ehemaligen Gnarls-Barkley-Partner Brian "Danger Mouse" Burton kennen, der sich an Hardings Debüt "Soul Power" noch nicht verging, aber nun beim Nachfolger tätig wurde. Das Problem: Künstler, die auf diese Weise dangermousiriert werden, klingen nur noch selten nach sich selbst, so war's tragischerweise beim zweiten Album von Michael Kiwanuka.

Folglich bekam auch der aus zahlreichen Stilen gespeiste Soul und Soul-Blues von Harding den Burton-Schmelz übergestrichen, der die rauen Kanten seines Debüts ganz smooth und mellow macht. Das klingt toll und edel in "Wednesday Morning Atonement", "Face Your Fear" oder "Ghost Of You" mit all den seufzenden, sinnierenden Streicher- und Orgel-Arrangements. Aber wo ist Curtis Harding in all dieser Sound-Sweetness, die mal zu Curtis Mayfield, mal zu Otis Redding, mal nach Memphis- und mal zum Northern Soul neigt? Vielleicht im fiebrigen Disco-Groove von "Dream Baby" oder in der lakonischen Funkyness von "Go As You Are", das ja immerhin dazu aufruft, sich nicht verbiegen zu lassen. Da geht noch was. (6.9) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
iwan_b 31.10.2017
1.
Bin über das selsame Zitat über Maus aus SLANT gestolpert: An was wurde der Walkman geklebt? An den "Hintergrund" eines Ertrinkenden? Der SLANT-Artikel findet sich frei im Netz. Und siehe da, es ist ein sehr seltsamer Übersetzungsfehler. Statt vom Hintergrund ist da vom Schädel eines Ertrinkenden die Rede, vom "skull". Sehr lustige Formulierung...
Hesl 31.10.2017
2. Julien Baker. . .
... ist übrigens gerade auf Tour und kommt bald nach Hamburg, Berlin und Düsseldorf.
sekundo 31.10.2017
3. Habe mir gerade Videos
Zitat von Hesl... ist übrigens gerade auf Tour und kommt bald nach Hamburg, Berlin und Düsseldorf.
von Julien Baker angesehen und danke Ihnen für die rechtzeitige Warnung!
angst+money 01.11.2017
4.
John Maus ist ja echt klasse, aber ich finde es immer noch schwierig, ihn nicht mit Ariel Pink zu verwechseln.
Japhyryder 02.11.2017
5. Abgehört
Leider kann ich mit den Hörproben nicht so viel anfangen. Alles schon mal gehört. Der Videoclip von Julien Baker ist ganz interessant. Auch die Covergestaltung ihres Albums. Aber es gibt einen interessanten Musiker, über den ich gerne eine Rezension lesen würde: Jeff Black. Der ist klasse.
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