Zum Tode Johnny Winters Blues ist dicker als Wasser

Der Blues hat ihn geprägt: Johnny Winter war ein präziser, stilsicherer Gitarrist, zum großen Star brachte er es nie. Weil er zu viele Rückschläge einstecken musste - und Musik wichtiger fand als Showeffekte. Ein Nachruf.

Von Ralf Dombrowski


Im Herbst des wilden Jahres 1968 konnte man im noch jungen Rockmagazin "Rolling Stone" einen Beitrag über die Blues- und Hippieszene der US-amerikanischen Südstaaten lesen. Der Autor berichtete von einem weißhaarigen, schielenden Albino namens Johnny Winter, der wie der Teufel Gitarre spielt. Die Talentscouts der Plattenfirmen machten sich umgehend auf den Weg, fanden den Mittzwanziger und boten ihm beachtliche Verträge an. So begann die Karriere des Sonderlings aus Beaumont in Texas.

Zu diesem Zeitpunkt hatte John Dawson Winter III bereits eine Odyssee durch die Kaschemmen der Blueswelt hinter sich. Er und sein Bruder Edgar seien schon als Kinder zum Singen regelrecht gezwungen worden, meinte er einmal in einem Interview mit dem Musikmagazin "Downbeat", "weil unser Vater es liebte, die zweite Stimme zu singen. Er sang im Kirchenchor und in einem Barbershop-Quartett. Daher fingen Edgar und ich auch an zu singen, kurz nachdem wir geboren waren". Musik, besonders Blues, waren im Hause der Winters allgegenwärtig, indirekt auch, weil Winters Vater die Plantage gekauft hatte, auf der der Bluesgigant Muddy Waters in jungen Jahren schuften musste.

Als Teenager mit weißen Haaren und empfindlicher Haut fühlte sich Winter ähnlich ausgegrenzt wie viele Schwarze, deren Musik er verehrte. Er versuchte sein Glück on the road, nahm Platten mit regionalen Combos auf und tingelte ausdauernd durch die Bars und Kneipen des amerikanischen Südens. Erfolg wollte sich jedoch zuerst nicht einstellen, und auch dann war der Weg zunächst steinig. Kurz bevor das Debütalbum des potenziellen Stars erschien, bekamen Labels, für die er früher gearbeitet hatte, davon Wind und veröffentlichten einige Aufnahmen unter seinem Namen, die der Werbekampagne den Wind aus den Segeln nahmen.

Aufnahmen mit Muddy Waters

Erst als Johnny Winter 1969 beim Woodstock-Festival auftrat, schaffte er den Durchbruch beim Publikum. "Second Winter" aus dem folgenden Jahr gilt manchem Bluesfan als der eigentliche Einstand. Nun kam der Erfolg. Winter machte sich einen Namen als stilsicherer, nuanciert und präzise agierender Musiker, der darüber hinaus das Entertainment-Handwerk des Posens mit verzückten Soli auf den Knien, wild wehenden Haaren und ekstatischem Gesichtsausdruck beherrschte. So schnell ihm der Ruhm zuflog, so wenig allerdings tat er ihm gut. Bereits 1971 verbrachte er sein erstes Jahr in einer Entzugsklinik, immer wieder folgten derart unfreiwillige Unterbrechungen der Karriere.

Aber Johnny Winter kam wieder, immer wieder. Nach den ersten Bands mit seinem Bruder stellte er häufig wechselnde Formationen zusammen, variierte das Thema Blues mit verblüffender Frische, authentisch auf seine schräge Art. Großartige Aufnahmen entstanden etwa mit ehemaligen Mitstreitern seines Vorbilds Muddy Waters. 1977 durfte er sogar drei von dessen Platten produzieren. Der Meister selbst stieß als Dank zu Winters Team und nahm mit ihm einen Klassiker des Genres auf, "Nothin' But The Blues".

So ging es weiter, in Schlangenlinien, mal oben, als Winter beispielsweise 1988 in die Blues Hall of Fame aufgenommen wurde, mal unten, als er ein Jahrzehnt später an dem Karpaltunnelsyndrom erkrankte, einer Nervenschädigung der Hände, oder sich einer schweren Hüftoperation unterziehen musste. Er hatte immer wieder Probleme mit den Augen, litt unter Panikattacken, zum Teil noch in Erinnerung an seine Kindheit, die ihm als Albino Spott und Anfeindung beschert hatte. Johnny Winter hatte den Blues, er konnte von dem singen, was ihn selbst betraf, nicht vom Mythos von Sex und Drogen, sondern von einem Leben unter Spannung. Er spielte ihn außerdem auf seiner Gibson Firebird ebenso ökonomisch karg wie motivisch intensiv, weil nicht an Hochleistung, sondern Ausdruck interessiert, und wurde damit zum Vorbild vieler Kollegen, vom deutlich jüngeren Derek Trucks bis zu ZZ Tops Billy Gibbons.

Und er war ein Mann der Bühne, war seltener als andere im Studio, rockte dafür für sein Publikum, wann immer es ging. Noch vier Tage vor seinem Tod konnte man ihn bei einem Festival-Konzert in Österreich live erleben. Er würde niemals die Musik der Show wegen opfern, meinte Johnny Winter einmal in einem Interview. Trotzdem waren es gerade die Bluesbühnen der Welt, die ihm Kraft gaben. Nicht umsonst gehörte Chuck Berrys "Johnny B. Goode" zu seinen Lieblingssongs, das Lied von einem, der auszog, um mit der Gitarre unter dem Arm sein Glück zu machen.

Nun ist Johnny Winter in Zürch gestorben. Er wurde 70 Jahre alt.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
tysi2007 17.07.2014
1. Ein ganz ganz Grosser!
Johnny W. gone! We will all miss you crazy guy!
mr.feelgood 17.07.2014
2.
R.I.P. Ein guter und ehrlicher, grader Typ war er und er hat sie geliebt, die Gitarre und den Blues. Und das brachte er rüber. Neben Alexis Corner brachte er weiße Bluesmusik überhaupt erst ins Rampenlicht, zeigte, daß auch nicht farbige Musiker den Blues KÖNNEN.
freewheelinfranklin 17.07.2014
3. Unvergessen...
das konzert 1979 in der grugahalle essen, niemand konnte johnny zum beenden des konzertes bewegen. der veranstalter kam auf die bühne, deutete auf die uhr...johnny rockte weiter...das licht in der halle wurde eingeschaltet...johnny rockte weiter...ich glaube er spielt noch immer! danke johnny!!!
PeterLublewski 17.07.2014
4. Gute Reise
Musik wichtiger als Showeffekte - ja, wenn es das noch gäbe. Gute Reise, Johnny Winter.
freddykruger, 17.07.2014
5. Bye Bye Johnny
das ist wirklich schade und ein trauriger Tag. Konnte Johnny Winter leider nur ein einziges mal Live erleben und das ist sehr lange her. WDR Rockpalast in der Essener Gruga Halle.
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