Musikforscher Savall: Der Alles-Ausgräber

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Eine Altersklasse für sich: Jordi Savall liebt die Musik fast vergessener Komponisten - und es ist ihm so gut wie egal, woher sie stammen. Jetzt kommt der Katalane mit Monteverdis "Marienvesper" nach Deutschland. Und veröffentlicht eine CD-Box zu Erasmus von Rotterdam.

Musikforscher Savall: Ewiges Licht Fotos
Corbis

Am 2. Februar 2013 wird's lustvoll im Hamburger Michel, denn Jordi Savall und seine Capella Reial de Catalunya geben im Rahmen des "Lux Aeterna"-Festivals zum Thema spirituelle Musik Claudio Monteverdis "Marienvesper". Und die hat es in sich: geistliche Musik der späten Renaissance (erschienen 1610), hochmelodisch wie Monteverdis poppige Madrigale, emotional packend, weil kaum sakral distanziert. Der sinnliche Barock dämmert schon herauf, und Savalls innige Beziehung zu dem Werk (seine erste Arbeit als Dirigent 1984) bürgt für ein intensives Erlebnis.

Bereits 1987 gründete der Katalane seine Capella, mit der er seither ein historisches Projekt nach dem anderen realisiert. Dabei sind es nicht immer die überlieferten Kompositionen mehr oder minder bekannter Musiker - ihn interessieren die kulturellen Bedingungen, unter denen die Musik entstand.

Jordi Savall, 1941 in Igualada geboren, gilt als einer der originellsten Vertreter der historischen Aufführungspraxis. Ausgebildet in Barcelona und der Schweiz, machten ihn seine Interpretationen Alter Musik wie auch seine Arbeit als Dozent und Forscher zu einem der wichtigsten Künstler der Szene. Seit Jahren kann man sich nicht sicher sein, wohin ihn sein kreativer Drang führt. Über 170 Veröffentlichungen umfasst bisher sein Oeuvre, das auch die Erforschung der klassischen Musik Armeniens, der Türkei, keltischer Traditionen, aber auch neue Interpretationen bekannter Barockmusik wie Bachs "Kunst der Fuge" umfasst.

1998 gründete er dazu sein eigenes Label Alia Vox, auf dem er vor allem seine rund 50 ambitionierten Themen-Hörbücher mit Texten und Musik herausbrachte. Als studierter Gamben-Virtuose konnte er selbst durch seine Spielweise vielen Werken seinen Stempel aufdrücken. Doch die kaum weniger virtuosen Musiker seiner Produktionen können stets mithalten. Neben der Capella Reial de Catalunya, zuständig für Geistliche Musik, gründete er das Ensemble Hespèrion XXI, mit dem er sich vor allem spanischem Repertoire widmet.

Philosophie und Gesellschaft

Jordi Savall bleibt bei seiner Interpreten-Tätigkeit immer Geisteswissenschaftler. Hanns Eislers Diktum "Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts" passt perfekt zu dem fleißigen Entdecker. Ständig versammelt Savall für seine Unternehmungen Texter, Wissenschaftler und außermusikalische Mitstreiter um sich, die Beiträge für ein komplexes Gesamterlebnis zusammentragen.

So machte er es 2012 etwa mit seinem "Jeanne d'Arc"-Projekt und ebenso mit seinem neuen Werk, das dem Philosophen Erasmus von Rotterdam (1466-1536) gewidmet ist. Die Erasmus-Exegese packt Savall in einen Wälzer, ausgestattet mit sechs CDs. Doch keine Angst vor dem Monstrum in Buchform: der Umfang ergibt sich durch die Vielsprachigkeit. In Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Katalanisch und Deutsch sind die auf den CDs rezitierten Texte abgedruckt, dazu historische Abhandlungen zu Philosophie, Gesellschaft und dem Denken des Niederländers Erasmus.

"Lob der Torheit", entstanden 1509, heißt der ironisch/kritische Text, der schon zu Lebzeiten des Autors ein vielgelesenes Werk wurde - die Renaissance liebte Satiren auf die Gesellschaft und ihr Denken. Begegnungen mit spanischen Musikern wie Mateo Flecha (1481-1553) oder Juan del Enzina (1468-1529/30) kommen auch nicht alle Tage vor: Jordi Savall macht's kompetent möglich.

Die vielen französisch gesprochenen Texte zwischen den Musikstücken muss man aber nicht jedes Mal hören: Auf den CDs vier bis sechs ist ausschließlich die von Savall ausgewählte und interpretierte Musik der Zeit enthalten. Einfache Volkslieder, sanft virtuose Gambenstücke und stimmungsvolle Kammermusik erzeugen eine dichte Atmosphäre, die wie das sorgfältig kolorierte historische Tableau eines Dokumentarfilms wirkt. Die mit deutschen Sprechern aufgenommenen Texte können übrigens via Internet ab 15. Januar unter einemLink heruntergeladen werden. Dazu ist ein Code nötig, der jedem "Erasmus"-Hörbuch beigelegt wird.

Die "Erasmus"-Edition erscheint am 18.1.2013.


Konzerte von Jordi Savall in wechselnder Besetzung 2013 in Deutschland: 2.2. Hamburg, 28.4. Schwetzingen, 20.5. Dresden.

CD Erasmus von Rotterdam - Èloge de la Folie. Jordi Savall/Ltg. mit La Capella Reial de Catalunya, Hespèrion XXI, 6 CDs, Alia Vox/Harmonia Mundi.

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