"Down Beat"-Auszeichnungen: Stimmen aus dem Jenseits

Von Hans Hielscher

Das US-Fachblatt "Down Beat" kürt alljährlich die wichtigsten Musiker, die sich nicht eindeutig dem Jazz oder Blues zuordnen lassen. Unter dem Label "Beyond Jazz" - jenseits des Genres - hat es nun die besten Alben dieses Jahres vorgestellt. Mit dabei: Stars wie Tom Waits und Björk.

"Beyond"-Jazz: Breites Spektrum Fotos
Unit Records

Das Wort "jenseits" - englisch "beyond" - wird überwiegend benutzt, wenn es um fundamentale Dinge geht, wie "jenseits des Universums" oder "jenseits des Lebens". In diesem Zusammenhang ist "beyond / jenseits" ein Begriff mit philosophischem Tiefgang. Vergleichsweise profan klingt dagegen "beyond jazz". Jenseits des Jazz?

Unter den Rubriken "Beyond Artist or Group" und "Beyond Album" ermittelt das US-Magazin "Down Beat" seit 1990 die wichtigsten Künstler und Tonträger, "die nicht säuberlich als Jazz oder Blues kategorisiert werden können". Der Terminus "beyond" sei "bewusst vage", erklärt das führende Jazz-Magazin, denn er umfasse "ein immenses Spektrum". Verbindendes Merkmal der Stile und Genres sei, dass Improvisation einen Bestandteil der Musik bilde.

In Deutschland nennt man diese Jenseits-Musik "Jazz-Verwandtes" und preist Alben aus dem Bereich zuweilen auch als "Jazz plus" an. Das Münchner Label ECM bekundet sein weites Spektrum schon durch seinen Namen. "Edition for Contemporary Music" umfasst neben Jazz auch World Music und moderne Klassik. Das Album "Solo Guitarra" des Flamenco-Musikers Jose Luis Monton ist ein aktuelles Beispiel für eine hochwertige ECM-Produktion jenseits der Jazz-Grenzen.

Jazzkritiker würdigen Björk und Tom Waits

Interessant ist, dass der Beyond-Jazz zwar Grenzen des Jazz zu anderen Genres abbaut, aber eben nicht alle Grenzen. Pop und vor allem Schlager werden von Jazz-Puristen weiterhin ausgegrenzt. Singer-Songwriter mit gehobenem musikalischem Anspruch gelten für die Fachblätter gern als Jazz-Verwandte. Etwa der singende Multi-Instrumentalist Daniel Kahn und die Vokalistin Yael Miller mit ihrer Band Orioxy. Der US-Amerikaner Kahn lebt in Berlin und spielt mit dem Klezmer-Trio The Painted Bird. Die in der Schweiz ansässige Miller kam aus Israel über die USA nach Europa. Mit dem Geiger Jake Shulman-Ment hat Kahn einen außergewöhnlichen Begleiter, Miller mit der Harfenistin Julie Campiche. Moderne, feinfühlige Folklore mit Kammerjazz-Versatz - so könnte man die Musik der Beiden beschreiben.

Dagegen ist das Album "The African Force" des Drummers Ginger Baker pure Power House Music. Die CD ist ein Beispiel für "Beyond Jazz" aus Afrika. Ginger Baker, der als Mitglied des Trios "Cream" (mit dem Gitarristen Eric Clapton und dem E-Bassisten Jack Bruce) Rockgeschichte prägte, hat im Laufe seiner Karriere häufig mit Afrikanern gearbeitet - als Bandleader, Produzent und Promoter. Die CD enthält Aufnahmen von Konzerten mit ghanaischen Musikern.

Prägende "Beyond-Musik" kommt aus Skandinavien. Besonders in Norwegen, das - anders als Schweden und Dänemark - lange vom US-amerikanisch bestimmten Jazz-Mainstream abgekoppelt war, haben Künstler einheimische Folklore mit moderner Elektronik kombiniert. In die Welt getragen werden neue Klänge meist vom Label Rune Grammofon. Die 1998 gegründete Firma hat nach vielen avantgardistischen CDs nun eine Box mit sieben Vinyl-LPs des Trompeters Arve Hendriksen herausgebracht. Ein nordisches Wechselbad von elegischen Tönen und Klanggewittern.

Und welchen Musiker und welche Platte haben die "Down Beat"-Kritiker zu Beyond-Siegern 2012 gekürt? Doppelgewinner wurde der Amerikaner Robert Glasper mit seinem Album "Black Radio". Der 34-jährige Jazzpianist spielte die Platte am Jahresanfang ein. In seiner Robert Glasper Experiment genannte Gruppe bringt er Jazzer mit HipHop- und Soulstars zusammen. An zweiter Stelle der Beyond-Alben landete Tom Waits' CD "Bad As Me". Unter den von den Jazz-Kritikern genannten Künstlern waren die Afrikanerin Angelique Kidjo und Björk aus Island. Jenseits von Jazz beginnt eine weite Welt.


CDs:
Jose Luis Monton: "Solo Guitarra" (ECM);
Daniel Kahn & The Painted Bird: "Bad Old Songs" (Oriente Musik);
Orioxy: "The Other Strangers" (Unit Records);
Ginger Baker: "The African Force" (ITM Archivs);
Robert Glasper: "Black Radio" (Blue Note Records).

LP Box:
Arve Hendriksen: "Solidification" (Rune Grammofon).

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