Soul-Sängerin Joy Denalane Dreiecksbeziehung

Wie fühlt sich Deutschland als Heimat an, wenn man nicht weiß ist? Die Berliner Soulsängerin Joy Denalane spürt auf ihrem neuen Album "Gleisdreieck" den aktuellen politischen Unsicherheiten bis ins Intimste nach.

DPA

Von Jens Balzer


Man wird heute anders angesehen als noch vor wenigen Monaten, vor einem Jahr, vor jedenfalls sehr kurzer Zeit, wenn man keine weiße Hautfarbe hat. "Zuhause" heißt das große, tapfere, zarte Stück, in dem Joy Denalane solche Blicke besingt: "Ich traf heute Freunde, und sie sprachen über mich/ Ich glaub', sie merkten es nicht/ Und die leisen Satzgewalten und die Worte brachten mich aus meinem Gleichgewicht/ Und Du hast mich immer bewahrt, hast mich vor diesem Blick gewarnt, doch ich merkte es nicht".

Etwas hat sich verändert in diesem Land, und es wird bleiben. Auch wenn die hasserfüllt pöbelnden Horden vielleicht gerade leiser zu werden beginnen und ihre Partei in den Umfragen sinkt.

Etwas hat sich verändert in diesem Land, und es wird bleiben - und wenn man es auch nur an den Blicken misst, die jene jetzt spüren, die nicht so sind, wie es die selbst ernannten Vertreter des deutschen Volkskörpers wollen.

Dort, wo man zu Hause war, wo man sein ganzes Leben verbrachte, dort fühlt man sich plötzlich fremd: Selbst die "Freunde", selbst die Wohlmeinendsten haben sich innerlich zu entfremden begonnen, weil die Buntheit der Menschen und ihre Diversität, die einem noch vor Kurzem selbstverständlich erschienen, in den Furor der Ideologen gerieten.

Herkunft und Identität

"Gleisdreieck" heißt das neue Album der Berliner Soulsängerin Joy Denalane, das an diesem Wochenende erscheint: ein großes, kunstvoll gesungenes und instrumentiertes, aber vor allem hochpolitisches Werk. Und das, obwohl es keine politischen Parolen besitzt, keine Botschaften zum Mitschreiben und -singen, keine Agenda. "Gleisdreieck" handelt vielmehr von der Unsicherheit, die uns ergriffen hat; vom Verlust des Halts und der Zuversicht in einer instabil gewordenen Gesellschaft; es gibt sich einen politischen Rahmen und dringt in seinen Liedern und seinen Details dann in das Intimste und Allerprivateste vor.

Gleisdreieck: Das ist die Gegend zwischen Berlin-Kreuzberg und -Schöneberg, in der Joy Denalane ihre Kindheit verbrachte; hier stromerte sie mit ihren Freundinnen und Freunden in den Siebziger- und Achtzigerjahren herum; hier ließ sie sich von ihren älteren Brüdern in den damals erblühenden Hip-Hop einführen.

Ihre künstlerische Karriere begann sie Ende der Neunzigerjahre in dem menschenfreundlichen Hippie-Rap-Kollektiv Freundeskreis; ihr Solo-Debüt "Mamani" aus dem Jahr 2002 kann man als das erste deutsche Soul-Album betrachten, das diesen Namen verdient.

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Joy Denalane: Kreuzberger Soul

Auch damals ging es schon um Herkunft und Identität: In der Aneignung südafrikanischer Stile suchte Denalane nach ihren musikalischen und familiären Wurzeln. Aus Südafrika stammte ihr Vater, und auch wenn sie in Berlin aufgewachsen war und, wie sie damals sagte, bei der Erkennungsmelodie des "Sandmännchens" sofort Heimatgefühle bekam, wollte sie doch jenen Teil ihrer Identität kennenlernen, der von Durban und Soweto geprägt war.

"Mamani" ist ohne Zweifel ein Hauptwerk des hiesigen Pop der Nullerjahre, stilprägend vor allem in der Kunstfertigkeit, mit der Denalane sich klassische Soultechniken in deutscher Sprache aneignete. Auf ihrem zweiten, auf Englisch eingesungenen Album "Born & Raised" verlegte sie den Fokus auf US-amerikanische Stile und bat sich unter anderem den Wu-Tang-Rapper Raekwon dazu.

Später musizierte sie mit Till Brönner und spielte mit den Dresdner Symphonikern klassische Soul-Lieder orchestral ein. Nicht alles daran, soviel muss man auch sagen, entkam vollständig einem gewissen Hang zur Gediegenheit. Auf "Maureen", ihrem bislang letzten Album aus dem Jahr 2011, verneigte sie sich vor dem Siebzigerjahre-Soul von Curtis Mayfield und Marvin Gaye.

Weit offen für die musikalische Gegenwart

Auch "Gleisdreieck" wurzelt in Traditionen, doch ist die Musik gleichermaßen weit offen für die musikalische Gegenwart - so offen wie nie in der Karriere Denalanes. Man hört die untergründig verbrummten, verlangsamten Rhythmen des Südstaaten-Rap und die magnetisch wobbelnden Bässe aus dem britischen Dubstep; und manchmal verdoppelt sie nach aktueller R&B-Art die Stimme, filtert und schreddert sie und lässt ihren Gesang von hoch- und niedergepitchten Silbenschnipseln umschwirren.

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Joy Denalane:
Gleisdreieck

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Doch geschieht das nie um des bloßen Effekts willen. "Zum Beispiel in dem Stück 'Hologramm'", erklärt sie im Gespräch, "da geht es um eine scheiternde Beziehung, eine zerfallende Liebe, und darum muss sich auch mein Gesang darin brechen - so wie das eigene Ich zerfällt, wenn man nicht mehr sicher ist, ob man jemanden noch liebt, und doch nicht anders kann, als an ihm festzuhalten."

Solche Szenen und Momente der Unsicherheit, der instabil gewordenen Lebensmodelle beherrschen die Tonlage des ganzen Albums; darin bildet sich, so könnte man sagen, die politische Verfassung der Gegenwart in das Intime, Private ab. Und dies gerade auch, wenn Joy Denalane die Stätten ihrer Jugend beschwört - denn dann geht es nicht nur um die biografische Nostalgie.

Sie besingt ihre Heimat auch darum, weil sie ihr streitig gemacht werden soll: Gerade weil die Rechten den Begriff der Heimat so erfolgreich besetzen, sagt sie, müsse man ihn wieder für sich reklamieren. Ob man will oder nicht: "Diese Auseinandersetzung um Zugehörigkeit - das ist ja nichts, was ich mir ausgesucht habe. In diese Debatte sind wir hineingedrängt worden, weil es Leute gibt, die mir das nicht zugestehen wollen, dass ich hier in Berlin, in Deutschland zu Hause bin."

Aber was tun?

"Gleisdreieck" ist zunächst eine Platte des Zweifels; eine Platte, die von Unsicherheiten handelt und von fragilen Momenten, in denen man nicht mehr weiß, ob immer noch gilt, was man bislang glaubte und fühlte. Und doch enthält sie auch große Empowerment-Hymnen, kraftspendende Durchhalte-Songs wie die erste Single-Auskopplung "Alles leuchtet" und das Eröffnungsstück "Himmel berühren".

Vielleicht ist das ja die eine elementare politische Haltung, die heute vonnöten ist: nicht depressiv werden angesichts der Umstände, weitermachen und, wie Joy Denalane sagt: "in Bewegung bleiben". Das sei doch das Wichtigste: "Stillstand ist für mich der Horror. Das ist im politischen Leben wie in der Musik".

Darum sei es ihr letztlich auch gar nicht so wichtig, an welchen Stilen sie sich orientiert und mit welchen Produktionsmitteln sie arbeitet: "Es geht darum, dass man mir glaubt, was ich singe." Es geht darum, dass man einander glaubt und dass man an der Welt nicht verzweifelt, und es gibt in diesem Moment keine andere Sängerin, deren Glauben und deren strahlende Stimme, deren Schönheit und Klugheit gegen die Verzweiflung so hilft wie jene von Joy Denalane.



insgesamt 7 Beiträge
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2cv 06.03.2017
1. Liebe Joy!
Ich habe einen der frühen Titel von ihr als eine wirkliche Bereicherung des "Neo Soul" betrachtet (wobei ich nie das Gefühl hatte, Soul könnte altern - er ist wirklich zeitlos...) - das war der 2002 erschienene Titel "Geh' jetzt". Ihr Titel hat mir die Augen - oder sollte ich besser sagen Ohren - geöffnet für eine Stilrichtung, die mir lange Zeit in Deutschland eher unscheinbar erschien. Liebe Joy, danke für das neue Album - tatsächlich etwas für Geniesser - eine "Ohrenfreude"! Bin mehr als gespannt auf ihr nächstes Konzert in NRW, und hoffe, daß der 2002er Titel dort auch noch einmal präsentiert wird.
c.m.johannsen 06.03.2017
2. Also, ich bin ja ein ziemlich konservativer, also rechter, alter, weißer Mann, ....
..... Aber Frau Denalane ist genauso deutsch wie ich oder wie ein Herr Kermani oder sonstwer. Und jetzt zur Musik: ich finde es phantastisch, dass wir hier solche Sängerinnen haben. Die Dame macht richtig gute Musik und ich freue mich auf das neue Album.
archi47 06.03.2017
3. habe mir die Lieder gerade angehört
sehr gut. Viel Gefühl, viel Ausdruck auch im Text und die passende Musik zum Vortrag. Ich kann ihr nur auf ihrem Weg viel Glück, Erfolg und die innere Ruhe wünschen, die ihre Texte und ihre Musik ausstrahlen. Wenn es um Schubladen geht, die andere bereithalten, wie Hautfarbe, Rasse, Vorlieben, Verhalten und Moral. Davon sollte man sich freihalten. Von Konventionen, die einem selbst zuwiderlaufen und diejenigen meiden, die dieses problematisieren. Dann ist alles ganz einfach, man ist und bleibt der Mensch, der man ist und wird auch so gesehen. Also offen bleiben für Neues und sich selber lieben, dann kann man sich auch intensiv Anderen zuwenden.
123Valentino 06.03.2017
4. Ist es .,,,,
angemessen dieser braunen Brut, mit Liedern ein Denkmal zu setzen? Schon beim aussprechen der Namen wird mir schlecht. Mit Musik möchte ich mich unterhalten und auch ablenken. Höcke und Petry , Gauland und Bachmeier, beschäftigen uns viel zu sehr.
stepanus34 08.03.2017
5. Hörens- und sehenswert.
Schlicht, echt. "Zuhause" - sehr berührend und nahegehend. 123Valentino - dann ist Joy Denalane eben nicht deine Musik. c.m.johannsen - warum sollte Frau Denalane deutsch sein? Muss man immer alles so eng fassen und sehen? Sicher, sie ist in und von Deutschland, besser noch Berlin oder noch genauer Kreuzberg und Schöneberg geprägt - aber sie ist einfach nur Mensch. Schade, dass eine Politik betrieben wird unter deren Folgen auch eine Joy - was für ein schöner, zutreffender Name - Denalane zu leiden hat. Ihr Musikstil ist - wie schon von Jens Balzer richtig beschrieben - frei von Effekten um der Effekte willen. Alles aufs Wesentliche, Eigentliche, auf die Aussage gerichtet. Schön, dass sie in diesem Album deutsch singt. Worte zählen.
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