Zum Tode Joy Flemings Der Neckar war ihr Mississippi 

So viel Soul hatte der Eurovision Song Contest selten wie 1975, als Joy Fleming "Ein Lied kann eine Brücke sein" sang. Sie hatte eine Weltklassestimme - und war doch eine sehr heimatbewusste Kurpfälzerin.

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Rainer Pietsch, der Dirigent, tritt den Beat auf den Boden der Stockholmer Messehalle, "One, two! One, two, three, four" zählt er ein und das Orchester spielt eine elegante Streichermelodie, dem üppigen Philly-Soul würdig, der damals, 1975, die internationalen Popcharts prägt. So auf der Höhe kann Deutschland sein, so modern der bundesdeutsche Beitrag beim Grand Prix Eurovision!

Dann der Umschnitt auf die Bühne, da steht sie, die Sängerin Joy Fleming. In den Strophen wirkt es, als wäre ihre Stimme eingepfercht, als wolle sie raus, als wolle sie mehr. So ähnlich ist es mit ihrem Kleid, diesem grünen Kleid, in dem Joy Fleming auf der Stelle steht, sich immer nur in Halbkreisen dreht, dabei will ihr ganzer Körper mehr Raum greifen, mehr Bewegung, mehr Ausdruck.

Später hat sie es zerschnitten, das grüne Kleid; man hatte es ihr angezogen für die Show, es entsprach ihr nicht. Joy Flemings Stimme befreit sich schon während des Auftritts, explodiert in den Refrains: "Ein Lied kann eine Brücke sein" singt sie, und weiter "jeder Ton ist wie ein Stein", aber das versteht man kaum noch, weil sie die Silben dehnt, ein Gesang voller Emotion, gipfelnd in einem Kiekser. Die Stimme ist der Star.

So viel Soul war selten beim Grand Prix Eurovision. Zu viel, offenbar, für die Juroren, die damals beim Song Contest die Sieger erwählten. Magere 15 Punkte bekam "Ein Lied kann eine Brücke sein" am Ende zugesprochen, aus Luxemburg, Spanien, Malta. Platz 17 von 19 Teilnehmern für die Bundesrepublik Deutschland beim Grand Prix 1975.

Joy Fleming schadete das Ergebnis nicht im Geringsten. Unverdrossen ging sie auf Tour, für den SPIEGEL war Siegfried Schmidt-Joos dabei und beobachtete, wie "mitten im Konzert ein Jeans-Mädchen die Bühne" erklimmt und ins Mikro sagt: "Du hast uns bewiesen, dass du nicht auf Platz 17 gehörst." Fortan hatte Deutschland sie endgültig ins Herz geschlossen, diese Frau, die 1944 als Erna Raad im pfälzischen Rockenhausen zur Welt gekommen war und aus erster Ehe den Namen Erna Strube im Pass stehen hatte.

Erna nannte sich bald Joy, denn sie war ein Kind der amerikanischen Zone, und in Mannheim hatte sie die Musik entdeckt. Wahrscheinlich hörte sie AFN, den Soldatensender, der die Jugend der Region so nachhaltig prägte: Sie liebte den Jazz und den Soul und trat in Mannheimer GI-Clubs auf. Als 19-Jährige hatte sie ihre erste Band, Joy and the Hitkids, später Joy Unlimited, da sang das deutsche Mädchen mit der schwarz klingenden Stimme noch auf Englisch.

Doch so richtig fand Joy Fleming erst zu sich mit dem "Neckarbrückenblues", einem konsequent in kurpfälzischer Mundart gesungenen Lamento über den Karl, der "iwwer die Brick" zu müssen glaubt, zu der Anderen. Aber, Gott sei Dank: "Die Männer kumme alleweil widder zurick, dann sinn'se hungrig oder krank". Auch hier ist die beste Stelle der Schluss, in dem Joy Fleming wie wild zu improvisieren scheint über die "Mannemer Mannemer Mannemer Neckarbrick". Der Blues stammt ja vom Fluss her, aus dem Mississippi-Delta. Der Mississippi dieser großen Blues-Sängerin ist der Neckar.

Die Mundart war in den frühen Rock'n'Roll-Jahren Bundesdeutschlands ein verbreiteter Ausweg, um die durch allzu deutlich verständliches Nazigebrüll beschädigte deutsche Sprache wieder nutzbar zu machen, auch weil der Dialekt oft weicher klingt. So sang Joy Fleming in den Siebzigerjahren unnachahmlich über die regionale Gebäckspezialität "Mannemer Dreck", beklagte "Ich sing fer's Finanzamt" und stöhnte "Kall, oh Kall". Auf Hochdeutsch coverte sie fulminant Chers "Half-Breed" ("Halbblut"), und sang sie ihren bekanntesten Song, komponiert von Michael Holm und dem stampfenden Dirigenten Pietsch: "Ein Lied kann eine Brücke sein."

17. Platz und doch ein Klassiker der Eurovisions-Geschichte. Denn viele Fans dieses Wettstreits, bei dem es vordergründig ums Siegen geht, lieben ja am ESC besonders das Scheitern. Ein durchaus ironisch grundiertes Gefühl, das aber aufrichtige Zuneigung denjenigen zukommen lässt, die mit großer Geste abstürzen, deren Ehrlichkeit peinlich wird, die sich in ihren Posen enthüllen.

Insofern war Joy Fleming die ideale Anknüpfungsfigur zwischen der alten Schlagerzeit und der neuen Ironie, als Ende der Neunziger-, Anfang der Nullerjahre der Eurovision Song Contest dank Guildo Horn und Stefan Raab sein Comeback in der öffentlichen Wahrnehmung Deutschlands feierte. Zweimal hintereinander trat Joy Fleming bei den deutschen Vorentscheiden an, 2001 mit "Power of Trust", 2002 mit "Joy to the World" - beide Male wurde sie Zweite. Es sollte nicht sein. In Zeiten, als beim ESC immer öfter der genormte gesamteuropäische Normalpopsong gewann, war das endgültig nicht mehr ihr Wettbewerb.

Dennoch äußerte sie sich aber weiterhin unverdrossen zu allen Eurovisions-Fragen, gerne zugeschaltet aus dem heimischen Bauernhof, oft saß ein Papagei in ihrer Nähe, immer mit unverkennbarem Kurpfälzer Zungenschlag. 2012 verlieh ihr das Land Baden-Württemberg den Verdienstorden. Die Stadt Mannheim darf sich seit 2014 "UNESCO City of Music" nennen - Joy Fleming, eine ihrer größten musikalischen Botschafterinnen, ist am Mittwochabend "ohne Vorerkrankung friedlich eingeschlafen", wie ihr Management mitteilte. Sie wurde 72 Jahre alt.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
futtermeister 28.09.2017
1. Das war eine Tolle
Sie hat ganz viel Freude und Spaß in mein Leben gebracht. Ich werde meinen Kindern noch oft von ihr vorschwärmen,
h.hass 28.09.2017
2.
Die Frau hatte wenigstens eine grandiose Stimme. Man vergleiche nur mal mit einer gewissen Schlager"königin", die sich neben JF geradezu atemlos anhört...
Neandiausdemtal 28.09.2017
3. Diese Stimme, was für eine Stimme
Oft hört man nach dem Tod einer bedeutenden Persönlichkeit, dass deren Stimme nun für immer schweigt. Nun war Joy Flemming sicher nicht DIE bedeutende Persönlichkeit in Deutschland, aber mit ihr schweigt jetzt leider eine DER bedeutendsten Stimmen. Zum Glück gibt es Schallplatten und CD's. Großartig, sie singen zu hören und berührend, ihre Herzenswärme sogar durch Bildröhre und Lautsprecher zu spüren. Danke und eine tiefe Verbeugung Neandi
monoman 28.09.2017
4. :-(
Mit dieser tollen Stimme hätte sie durchaus noch etwas populärer sein dürfen, sollte wohl nicht sein. Traurig, dass sie nun nicht mehr da ist.
Wulff Isebrand 28.09.2017
5. Star meiner Kindheit
was hat meine Mutter gelästert,weil die so pummelig war und dann glaube ich auch noch einen Satz auf Englisch sang. 40 Jahre her und wie aus einer anderen Zeit. Eben habe ich mir das Lied das erste Mal bewußt angehört und festgestellt,daß die wohl eine sehr unterschätzte Sängerin war. Was man hatte,weiß man erst wenn man es verloren hat. Schade. Jetzt tritt nach Gunter Gabriel und Joy Fleming eine weitere "Persönlichkeit" ab. Rohe Diamanten,aber unvergleichlich. Vor allem kommt es mir so vor, als stürben jetzt alle neben unseren Eltern und so ist es ja leider auch. Die Sense vvon Gevatter Tod fängt an sich in der Generation der 1940er und 50er Jahre warmzulaufen.
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