Jugendorchester aus Venezuela Karriere mit System

In Venezuela ist Musik eine Staatsaktion. Jedes Kind darf kostenlos ein Instrument erlernen, und manche werden sogar Stars - denn das System ist mehr als eine Sache der Sozialarbeit.

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TV-Dokumentationen über Orchester gibt es meistens erst dann, wenn Tradition und museale Aura aus dem Klangkörper eine Institution gemacht haben, so ehrwürdig wie wohlbekannt. Ganz anders beim Simón Bolívar Youth Orchestra aus Venezuela, dem das Deutsche Welle TV und Unitel/Classica zusammen mit dem ZDF und 3sat jetzt einen Film widmete, der gleichzeitig als DVD erscheint. Der Grund ist einfach: So viel Glanz und Hype, wie dieses Orchester entfaltet, gab es wohl noch nie bei einer jugendlichen Klassik-Kapelle. Aber hier gibt ja auch Gustavo Dudamel den Takt vor, der wohl am meisten gerühmte junge Dirigent.

"The Promise of Music"-DVD: So viel Glanz und Hype gab es wohl noch nie

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Die Story von Dudamel, dem Orchester und dem venezolanischen "Sistema", der umfassenden musikalischen Jugendpflege, ist inzwischen überreich in den Medien erzählt. Die simple Tatsache, dass alle Kinder des südamerikanischen Landes auf Staatskosten eine musikalische Ausbildung samt Instrument erhalten, begründet diesen Erfolg. Nun kann man auch sehen, welcher Stolz, welche Ernsthaftigkeit und welche Kraft die Kinder und Teenies erfüllt, wenn sie mit Geigen, Trompeten oder Pauken entschlossen nach dem großen, einigenden Orchesterklang suchen.

Nichts kann den Sog dieses Systems besser beschreiben als der Enthusiasmus der jungen Musiker selbst, die Regisseur Enrique Sánchez Lansch mit routinierter Doku-Kamera eingefangen hat.

Sie erzählen voller Begeisterung von ihren Anfängen, als sie noch kleine Kinder waren, von den prägenden ersten Erlebnissen bis hin zu erfolgreichen Vorspielen bei Orchestern wie den Berliner Philharmonikern. Inzwischen liefert die Ausbildung in Venezuela nicht nur künstlerischen Nachwuchs für das eigene musikalische Flaggschiff.

Natürlich gehören auch die üblichen Schwenks über die nicht so malerischen Viertel der Hauptstadt Caracas zum redlichen Dokumentarfilm, viel Folklore-Impressionen von bescheidener Herkunft und gesellschaftlichem Aufstieg singen das Hohelied der aktiven Kulturausübung als Mittel der Überwindung von Armut und mentalen Fesseln.

Aber es gelang Regisseur Sánchez Lansch auch zu zeigen, dass die Musik in Venezuela keine ausschließliche Sache der Sozialarbeit ist. Die jungen Musiker kommen aus allen Schichten der Bevölkerung, und im Orchester ist jeder gleich. Den Unterschied macht nur die Begabung. Alle bilden sich neben den regulären Stunden gegenseitig aus, die Älteren üben mit den Jungen, die Talentierten proben mit den weniger Begabten. Gemeinsames Musizieren ist das Ziel, und alle wissen, was man erreichen kann: Das Simón Bolívar Youth Orchestra mit seinen über 200 Mitgliedern gehört heute zu den gefragtesten Orchestern der Welt. Sein Leiter Gustavo Dudamel ist längst ein Star eigener Güte, dem berühmte Kollegen wie Daniel Barenboim und Simon Rattle beste Zeugnisse ausstellen.

In Interviews und Probenszenen zeigt Regisseur Sánchez Lansch in schlichten Sequenzen, wie konzentriert und lustvoll gearbeitet wird. Wie die Musiker, die meist zwischen 16 und 23 Jahre alt sind, ernst, aber ohne verkrampfte Besessenheit lernen und wie Maestro Dudamel mit der Beredsamkeit und der Ausstrahlung eines Leonard Bernstein den jugendlichen Talenthaufen behutsam leitet und formt.

Es geht hier um die dritte Symphonie Ludwig van Beethovens, die das Simón Bolívar Youth Orchestra schließlich beim Bonner Beethoven-Festival 2007 aufführte – mit glänzendem Erfolg. Inzwischen gibt es CD-Einspielungen der fünften und siebten Symphonie Beethovens, sowie der fünften Mahler-Symphonie: Man fühlt sich der klassischen europäischen Tradition verpflichtet, aber keineswegs der überlieferten Aufführungs- und Klangpraxis, was zu temperamentvollen wie überraschenden Ergebnissen führt. Geradezu popmusikalisch überschwänglich wird es, wenn die Dudamel-Truppe Musik ihres südamerikanischen Kontinents präsentiert, was man inzwischen auch via CD ("Fiesta") nacherleben kann.

"The Promise of Music" heißt etwas pathetisch die Doku-DVD, doch dieses Versprechen der Musik hat sich für viele junge Venezolaner, zumindest in diesem Staatsorchester, märchenhaft erfüllt – sie dürfen sich als beste Botschafter ihres Landes fühlen.


DVD-Dokumentation "The Promise of Music". Gustavo Dudamel dirigiert das Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela u.a. mit Beethovens 3. Sinfonie "Eroica" (Deutsche Grammophon).

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insgesamt 2 Beiträge
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Zugmaschine 27.08.2008
1. Musikalische Bildung notwendig
Musikunterricht auf Staatskosten: eigentlich traumhaft. Ein wenig sollte man sich hierzulande schon in diese Richtung bewegen. Dabei geht es nicht um die Produktion von neuen Klassik-Stars, sondern um musikalische Bildung schlechthin, zumal die Studien von Bastian und anderen ja eindeutige bewiesen haben, dass Musizieren auch soziale Kompetenzen fördert. Der ehemalige Innenminister Schily hat sich mit einer pointierten Formulierung kurzfristig zum Anwalt des Musikunterrichts gemacht ("Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit."), aber es war wohl doch nur eine Sonntagsrede.
Yuruani 27.08.2008
2. Irgendwie fehlt hier vieles an Hintergrund
Ich bin Venezolaner. Was man hier beschrieben wird ist gar nichts neues. Das "System" ist von schon in den siebziger Jahren durch José Antonio Abreu gegründet worden. Meine Schwestern haben davon profitiert, so wie mehrere meiner Freunde. Selbst ausserhalb des "Systems" - was wir Netwerk jugendlicher Orchester nennen - kenne ich mehrere, die auf dem Land mit einer Geige aufgewachsen sind. Sie sind sehr arm und die Geigen sind von lokaler Produktion. Harpen sind Teil unserer Volksmusik, genauso wie Trommeln. Im kaputten Bus hört man öfter Salsa und Merengue, aber klassische Musik oder sonst was kommt auch vor. Eigentlich hatte der alte Alexander von Humboldt schon vor über 200 Jahren einiges davon geschrieben, als er über Venezuela erzählte: "man kennt die Hauptwerke der franzoesischen und italienischen Literatur, man liebt die Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknuepft, wie die Pflege aller schoenen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft." Unsere Musik ist schon vielfältig: wir haben einen starken uramerikanischen, einen starken europäischen und einen starken afrikanischen Einfluss und alles mischt sich seit Jahrhunderten. Die Regionalmusik kan sehr verschieden sein. Ich erinnere mich wie oft ich als armer Student sehr gute Konzerte in Venezuela, sei es von der Nationalorchester oder andere, schon Ende in den 80er und Anfang 90er besuchte, die manchmal kostenlos und manchmal sehr billig waren. Es war für mich selbstverständlich. Als ich nach Europa kam, war ich überrascht zu sehen, wie klassische Musik so elitär angesehen war. Noch: in Venezuela fühlen Musiker ganz genau, wie das Publikum ihre Arbeit finden. Das Klatschen ist anders als in Europa, wo mit einigen Ausnahmen immer genauso geklatscht wird.
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