Popmusik-Debüt "Poesiealbum" Warum macht uns Julia Engelmann so aggressiv?

Als hätte man aus Baumarkt-Deko ein Musical gemacht: Julia Engelmann war ein YouTube-Phänomen, jetzt will sie Popstar werden und veröffentlicht ihr "Poesiealbum". Das hat uns gerade noch gefehlt.

DPA

Von Julia Friese


Sie wollen wissen, ob Sie Julia Engelmanns Album mögen würden? Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind in einem Baumarkt. Was bedeutet, dass Sie an weichen Toilettendeckelbezügen vorbeigelaufen sind und mit Emoticons verzierte Abflussstopfen gesehen haben.

Jetzt stehen Sie bei den Wanddekorationen. "Lächle! Lache! Liebe das Leben!" sagt eine bedruckte Leinwand, weiß auf grau, daneben ist alles rosa: "Wenn du mich schon in eine Schublade steckst, dann bitte in die mit Süßigkeiten". Kaffeetassen-Piktogramme dampfen Sie mit "Keep calm und keep drinking coffee" an, während ein kleines Mädchen Sie fast umrennt. "Hinfallen. Aufstehen. Krone richten! Das war ein Gedicht", sagt das Mädchen. "Und im nächsten Leben werde ich Prinzessin!" Die elf Männer, die auf einem Stahlträger sitzend in Manhattan Mittagspause machen, bleiben davon unberührt, aber eine Herde gezeichneter Schafe beginnt zu singen: "Eigentlich wollten wir die Welt retten, aber dann fing es an zu regnen."

Wie würde es Ihnen ergehen? Würden Sie denken: Ach, wie nett, und wie überaus treffend all diese Sprüche doch sind?! Müssten Sie vielleicht sogar lachen? "Das mit der Schublade! Herrlich! Wie kommt man da nur drauf!?" Wären Sie quasi im Begriff, sich einen lächelnden Abflussstopfen zu kaufen? Dann wird Ihnen Julia Engelmanns Album "Poesiealbum" ausgesprochen gut gefallen - garantiert. Denn es klingt wie Obi-Deko, das Musical.

Wenn diese Art von erbaulicher Kunst aber eher Widerwillen in Ihnen auslöst, werden Sie "Poesiealbum" nicht mögen. Vermutlich wird Sie das musikalische Debüt der 25-jährigen Poetry-Slammerin und SPIEGEL-Bestsellerautorin ("Eines Tages, Baby", "Jetzt, Baby" und "Wir können alles sein, Baby") sogar auf eine beunruhigende Art und Weise wütend machen. Beim Hören ihrer 14 selbstgetexteten Songs werden sich Ihre Fingernägel in Ihre Wohnzimmertapete graben, und ehe Sie sich versehen, reißen Sie sie auch schon ab.

Sie werden realisieren: Mist, jetzt muss ich wirklich in den Baumarkt. Und sich dann fragen: Wie konnte Sie dieses harmlose Pop-Album nur so in Rage versetzen?

Die Musik ist nur Vehikel

Denn "Poesiealbum" ist so produziert, dass es genau das eigentlich nicht soll. Hinter den 14 Liedern stecken unter anderem der Komponist und Produzent Ali Zuckowski ("80 Millionen" von Max Giesinger, "Rise Like A Phoenix" von Conchita Wurst) sowie der YouTuber-Produzent Benjamin Bistram (Ape Crime, Y-Titty). Sie haben Musik geschaffen, die an sich kaum wahrnehmbar ist. Es sind gut gelaunte Musik-Betten, die man auch unter jeden Fernsehmagazinbeitrag legen könnte: hier mal ein ausgewaschener Dance-Beat, da mal ein verblichener Reggae-Akkord. Hier als Gaststar mal eine Ukulele, da mal ein paar Bläser.

Manches klingt nach Spieluhr ("Modelmädchen"), anderes nach dem Intro einer Vorabendserie ("Grüner wird's nicht"). Die Musik ist hier nur Vehikel, eine positive Grundstimmung, die den Text tragen soll, denn um den geht es eigentlich bei Engelmann, die 2014 bekannt wurde, als ihre deutsche Poetry-Slam-Umdichtung von Asaf Avidans "One Day (Reckoning Song)" von einem Blogger geteilt und zum viralen Internet-Phänomen wurde.

In ihren Songs tritt Engelmann als Ich-Erzählerin auf, die online nach Lesebrillengestellen sucht ("Das Lied") und noch nie den Film "Titanic" oder ein Glühwürmchen gesehen hat ("Bestandsaufnahme"). Sie singt vom Verliebtsein, von Trennungen und Selbstzweiflen - und widmet sich einem der aktuell beliebtesten Sujets im Pop: Die der conditio humana geschuldeten Leiden auf einer Party wegzusaufen. Bei Engelmann klingt das so: "Lass mal ne Nacht darüber tanzen". Aber während ihre musikalische Kohorte von Sex und Drogen in der Nacht singt, will sie alles vergessen, indem sie bis zum Morgengrauen "electroswingt" und dabei gratis "Leitungswasser" trinkt. "Alle rauchen, nur wir nicht", singt sie dann.

Keine hotte Torte

Julia Engelmann stilisiert sich also bewusst zur "Queen of Uncool", und das muss man auf Englisch schreiben, denn Engelmann liebt Anglizismen, sie baut sie ständig ein: "Ich bin keine hotte Torte, eher so 'ne zu treue Tomate" könnte dabei wahrscheinlich mühelos den Preis für die geschmackloseste Songzeile 2017 gewinnen, wäre da nicht auch noch das Lied, in dem sie das Leben mit einer Netflix-Marathon-Metapher erklärt: "Ey, lass mal wieder hinhocken, ich will mit dir alles bingewatchen. Ey, kannst Du mir deinen Pin droppen?" ("Cliffhanger")

Engelmann liebt Klischees. In "Sowas von Magie" stellt sie fest: Verliebt sein, das hat etwas Magisches. In "Das Lied" singt sie: "Es geht nicht darum, wen, sondern darum, dass du liebst." Alles, was ein Songschreiber sonst aus seinen Texten streicht, umarmt sie. Ihre aktuelle Single heißt tatsächlich "Grüner wird's nicht", womit sie einen der berühmtesten Fahrschullehrer-Sprüche vertont: "Warte nicht auf das Glück, nur nach vorn, nie zurück", singt sie darin, und: "Es gibt absolut nichts Gutes, außer du gehst los und tust es".

"Poesiealbum", insofern passt der Titel, ist naiv und brav. Das ist an sich in Ordnung, wird aber ärgerlich, wenn sich Engelmann - natürlich mit allerbesten Absichten - in ihre Albuminfo schreiben lässt, dass ihr das Thema "Mental Health" am Herzen liegt, weil "vor allem junge Menschen zunehmend unter Depressionen leiden". Auf ihrem Album singt sie dann aber: Hey, du musst nicht traurig sein, hör einfach mal "Coldplay in der Küche" und "iss eine Grapefruit zu Frühstück", als sei eine Depression nur eine Laune, keine Krankheit. Julia Engelmann ist ein Fall von gut behütet, bei dem der Hut so tief sitzt, dass er taub macht. Ihr Bärendienst-Hit "Grapefruit" wurde über 1,4 Millionen Mal gestreamt.

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Julia Engelmann: Öder wird's nicht

Alles ist gut, alles ist richtig

Engelmann-Poesie ist, wie die Wanddeko-Sprüche im Baumarkt, eine Poesie der totalen Affirmation. Alles ist in Ordnung mit dir. Immer. Es gibt kein Falsch, eigentlich auch gar keine Depression, alles ist gut, alles ist richtig. Ich bin super. Du bist super, Dupdi-dupdi-dupdi-du, denn im Regen tanzen kannst auch du. Yeah!

Dem Hörer, und das ist es wahrscheinlich, was einen so aufregt, kommt die Ahnung: Julia Engelmann macht damit alles richtig. Denn mit dem Erwartbaren erfüllt man alle Erwartungen. Und die Missachtung jeglichen guten Geschmacks ist wohl das Radikalste was man machen kann. Was nun? Stellen Sie sich einfach an Ihre neu tapezierte Wand und schlagen - ganz leise - Ihren Kopf dagegen.


"Poesiealbum" (Polydor/Universal) ist am 3. November erschienen.



insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
lies.das 03.11.2017
1. Ist das noch Musik - oder kann das weg?
Wenn Julia Engelmann millionenfach gestreamt wird, kann ihr Liedgut so schlecht nicht sein. Engelmanns Autor/Komponist Zukowski gehört ja auch seit Jahrzehnten zu den wenigen "Positivisten" in der Szene.. Der fand sogar den DDR-Mauerfall gut und hat darüber ein Kinder-Musical geschrieben - das von der progressiven Feuilleton-Journaille genau so zerrissen wurde wie jetzt die positiven Liedchen der Julia Engelmann.
isoprano 03.11.2017
2.
Es gibt viel zu viele Möchtegern Kritiker. Musik ist Genuss, genau wie Essen, Trinken oder Kunst. Der Verbraucher entscheidet allein über gut oder schlecht. Ihre Kritik Frau Friese, zielt nur auf „schaumal, was für eine krasse Kritik geschrieben wurde“. Es hört sich nach einer Kritik Vorlage aus „Kritik schreiben für Dummies“ an. Sie erfüllen alle Klischees, mit der Kritiker gerne auffallen wollen. Sie bekommen eine Note 6 von mir. Hört sich nach abgeschrien und schon tausendmal gelesen an.
Herr Mueller 03.11.2017
3. Geil
Vielen, vielen Dank für diese Abrechnung mit dem pseudo-intellektuellen Wohlfühl-Pop! Wurde zwar von Jan Böhmermann in der Causa Max Giesinger schon in ganz ähnlicher Form behandelt, kann aber gerne öfter gesagt werden. Musik muss sicher nicht tiefgründig sein - ganz im Gegenteil - aber wenn Künstler schon den Anspruch der Lebensweisheit für sich reklamieren, dann sollte mehr dahinterstecken als Grapefruit und Coldplay. Diese aufgesetzte oder vielmehr vorgegaukelte Einsicht ins Leben macht in der Tat aggressiv.
soultan73 03.11.2017
4. Alles schlecht reden
aber nix besser machen. Selten so einen schlechten Text im übelsten Diskriminierungsstil gelesen. Schlechten Tag gehabt und das dann an anderen auslassen? Peinlich, sowas.
Hamburg4ever 03.11.2017
5. So so
Die Texte mögen ja völlig Banane sein, aber wenn man sich mal die Mühe macht und aktuelle, englische Popmusik übersetzt, dann ist das zumeist nicht weniger grausam. Viel schlimmer ist doch: die Frau kann ja gar nicht singen! Wäre das nicht ein viel wichtigerer Punkt bei einer Albumkritik?
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