Abgehört - neue Musik Wie man das Kreischen in der Vogelvoliere überlebt

Avantgarde-Muse Julia Holter kontert die Kakophonie des Alltags mit der erhabenen Schönheit ihres Albums "Aviary". Außerdem: Thom Yorke hat ein Händchen für Horror, Nao sieht Sterne und zwei Schweizer spielen funky.

Von und


Julia Holter - "Aviary"
(Domino/Gootogo, ab 26. Oktober)

Sie habe keine Botschaft, keine Agenda, sagte Julia Holter neulich in einem Interview. Das ist ein verwegenes Statement für eine Frau, deren fünftes Studio-Album 90 epische Minuten lang ist und dreimal quer durch die Kunst- und Menschheits-Geschichte karriolt. Von Dante zu mittelalterlichen Vokal-Techniken und Troubadour-Songs, von Alice Coltrane zu Velvet Underground, Fiona Apple, Björk und "Blade Runner"-Soundtrack, von tibetanischen Chants zu Beulenpest und Irak-Kriegstrauma mitten hinein in die alltägliche Kakophonie aus Tweets, Messages, Breaking-Alerts, Hate-Speeches, Fake News und Katastrophenmeldungen.

Nachdem Holter, 33, zuletzt für ihre kalifornisch warmes Songwriterinnen-Album "Have You In My Wilderness" gefeiert und zur Indie-Muse erhoben wurde, kontert sie diesen Ausflug ins Populäre mit dem dichtesten und ambitioniertesten Album ihrer bisherigen Karriere. Es ist dabei nicht sperrig, pseudo-verkünstelt oder unzugänglich, ganz im Gegenteil: "Aviary" ist prall gefüllt mit musikalischer Schönheit, Ideenreichtum, kreativen Explosionen und Exkursionen, krassestem Lärm und feinster Melodie. Man braucht halt nur Zeit, Geduld, ein paar Bücher, Google, Wikipedia und das Textblatt, um all das vollständig zu ergründen. Man nennt sowas wohl komplex.

Andreas Borcholtes Playlist KW 43
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Julia Holter: Words I Heard

 2 Thom Yorke: Open Again

 3 John Carpenter: Michael Kills Again

 4 Soap&Skin: Surrounded

 5 Beirut: Gallipoli

 6 Curtis Harding: Where We Are

 7 Farao: Truthsayer

 8 Parcels: Lightenup

 9 Klaus Johann Grobe: Out Of Reach

10 Cave: Beaux

Man kann ein Album wie "Aviary" also intellektuell studieren, man kann sich aber auch einfach nur von seiner Leidenschaft und Energie umhüllen lassen, es emotional erforschen - es liefert im Zweifel denselben Erkenntnisgewinn. Das ist vielleicht das Einzigartige an einer Künstlerin wie Julia Holter: Nichts muss, aber alles kann. Nichts liegt ihr ferner, als uns noch mehr mit Informationen und Kommunikationen zu überfordern. Das Gefühl, sich in einer Voliere, umringt von lauter kreischenden Vögeln zu befinden, plagt sie selbst allzu oft. Es ist ein Bild, dass sie in einer Kurzgeschichte der libanesischen Autorin Etel Adnan fand. "Everyday Is An Emergency" ist das dazu passende Musikstück, ein erst zum Ende hin zum Noir-Jazz saxofonierendes Schwirren und Tröten westlicher wie fernöstlicher Klänge, das mit seinen hysterischen Obertönen tatsächlich an einen Aggro-Vogelschwarm im hitchcockschen Sinne erinnert.

Worüber Holter, teils in antiken Dialekten und Sprachen, genau singt, wird egaler, je mehr man sich in das mal angespannte und zupackende, mal offene und befreite Atmen dieser in vibrierende Lamellen und Membranen geschichteten Musik versenkt. Das Tolle an Musik, sagt Holter, sei, dass sie eigentlich nichts mit jener verbalen Kommunikation zu tun hat, die sie im Zwischenmenschlichen oft als schwierig und anstrengend empfindet. Die Musik ist ein anderer Raum, ein Safe Space, wenn man so will: Auch wenn es darin Worte und Texte gibt, dann sind sie nur Sound, ein mitschwingender Teil der Jahrhunderte transzendierenden Sprache der Klänge und Gesänge. "I shall love" jubiliert Julia Holter in der Mitte ihres Großwerks zu einem tröstlichen, lebensfrohen Getöse. Und plötzlich erscheint alles ganz einfach. (9.5) Andreas Borcholte

Klaus Johann Grobe - "Du bist so symmetrisch"
(Trouble in Mind/Cargo, ab 26. Oktober)

Klaus Johann Grobe, das klingt erst mal nach Aftershave, Dauerbräune und dem fünften Platz beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 1995. Ist aber glücklicherweise Quatsch. Denn hinter dem irreführenden Namen stecken die beiden jungen Schweizer Sevi Landolt und Daniel Bachmann, die schon seit 2011 vertraut-verspulten Neo-Psych machen. Originell genug, um sich mit zwei Alben eine bescheidene Bekanntheit zu erspielen - und trotzdem verdächtig nah an offensichtlichen Vorbildern wie den frühen Tame Impala, Unknown Mortal Orchestra oder anderen Dickfischen dieses Genres. "Du bist so symmetrisch" soll nun Schluss machen mit der Mimikry und endgültig einen eigenen Stil definieren. Richten soll das vor allem: eine Gitarre. Die gute Nachricht: Davon hört man nicht viel.

Stattdessen arbeitet sich das Duo auf seinem dritten Album an einem schmissigen Mix aus blauäugigem Plastik-Funk, verdaulicheren Elementen westdeutschen Krautrocks und jenen Synthesizer-Wellen ab, mit denen man zur selben Zeit in verqualmten Studios Sexmusik jeglicher Couleur unterlegte. Einen Innovationspreis gewinnen Klaus Johann Grobe, klar, auch damit nicht. Im Verlauf der zwölf Songs fühlt man sich nun zwar weniger an neue alte Hippiebands erinnert - dafür aber an andere Vorreiter: die späten Die Sterne etwa, die frühen Von Spar oder, aktueller, die Düsseldorfer Flokati-Popper Stabil Elite.

Das klingt ziemlich deutsch und nie wirklich neu. Streckenweise aber auch unwiderstehlich funky und dabei immer höchst charmant. Etwa wenn sich im starken "Zu spät" die ungelenken Texte mit dem effektbeladenen Sonnendeck-Bass beißen: "Du siehst auch so cool aus/ Warst schon top damals im Schulhaus." Oder sich in "Discogedanken" retrofuturistische Synthies zu einem Discofox mit hängenden Schultern arrangieren: "Eine Idee allein reicht grad' noch bis zum Morgengrauen." Aftershave? Dauerbräune? Klangen im deutschen Sprachraum selten besser. Zum ESC aber werden die beiden erst in einer besseren Welt geladen. (7.5) Dennis Pohl

Thom Yorke - "Suspiria: Music for the Luca Guadagnino Film"
(XL/Beggars, ab 26. Oktober)

Lange musste Luca Guadagnino bei Thom Yorke bitten und betteln, bis sich der Radiohead-Chef durchringen konnte, den Soundtrack für das "Suspiria"-Remake des italienischen Arthouse-Regisseurs zu übernehmen. Der auf Dario Argentos Phantasmagorie von 1977 basierende Film traf nach seiner Premiere beim Filmfestival in Venedig auf gemischte Reaktionen, am 15. November läuft er in den deutschen Kinos an. Schon jetzt kann man sich mit dem nicht minder abendfüllenden, 80 Minuten langen Yorke-Score in Stimmung bringen, und tatsächlich ist die erste Soundtrack-Arbeit des britischen Art- und Indie-Rockers ein elementarer Bestandteil des allzu politisch geblähten Films. Man könnte sagen, er installiert erfolgreich genau jene Atmosphäre von Eeriness und Suspense, die dem Regisseur mit Handlung, Bildern und Schnitt partout nicht gelingen will.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Warum sich Yorke dennoch zierte, liegt auf der Hand: Der Original-Soundrack der italienischen Krautrock-Band Goblin ist ebenfalls ein Klassiker. Da wagt man sich nicht einfach so ran, zumal wenn man in dieser Disziplin Novize ist. Anders als Radiohead-Kollege Jonny Greenwood traute sich Yorke bisher nicht, die Leitplanken des Pop-Songwritings zu durchbrechen. Ganz hinter sich lässt er sie auch hier nicht: "Suspirium", vorab als eine Art Titeltrack veröffentlicht, ist einer der besten Yorke- oder Radiohead-Songs der letzten Jahre: Der klagende, suggestive Gesang, die zerebrale Grundstimmung, eine bezwingend in den Abgrund der Melancholie deutende Melodie - alles da. Das Stück kreist um eine einfache Piano-Figur, die das signatorische Glockenspiel-Motiv aus Goblins "Suspiria" einerseits zitiert, sich andererseits aber komplett davon emanzipiert - auch, indem Yorke auf typische, proto-elektronische Siebzigerjahre-Retroklänge und Synthies zugunsten einer Erdung im Flöten-Folk verzichtet. Für orchestrale Wucht und Tiefe sorgt das London Contemporary Orchestra.

Richtig interessant wird es, wenn Yorke sich ins Psychedelisch-Ambiente begibt - und dabei das von jeher inhärent Paranoide und Raunende von Radiohead zum wirkungsvollen Horror-Soundtrack ausformuliert: "Volk" ist ein beunruhigendes Geläut aus irrlichternden, kollidierenden Klöppel, Dengel-- und Hup-Geräuschen, das im End-Crescendo durch einen hektischen Beat noch aufreibender wird. In die Geisterbahn der hohl heulenden Hexen-Choräle geht es zum Filmfinale im 14-minütigen Grusel-Vertigo "A Choir Of One".

Da Guadagnino seinen Film ins Berlin der Siebziger und mitten in den RAF-Terror pflanzt, wählte Yorke deutsche Krautrocker wie Faust, Can oder NEU! als Inspiration. Das Repetitive, oft Hypnotische dieses progressiven Rocks übersetze er wiederum in wiederkehrende Loops und Drones. Wie tief sich Yorke in die Vorstellung eines Hexenzirkels, der die politischen Weltgeschicke lenkt, hineinphantasierte (angeblich dichtete er sich sogar Zaubersprüche beim Komponieren), erfährt man in "Has Ended": "The ego it had ended/ His loud mouth was gone", singt er darin; ein Narr, wer darin nicht den Kommentar zu Trump erkennt. "Saying we won't make this mistake again", beschwört der delirierende Refrain zu einem verstolperten Beat und lähmendem Dröhnen.

An solchen Stellen leistet Yorkes "Suspiria"-Sabbat das, was der Film will, aber nicht vollbringt: Er streckt sich nach einer vom reinen Genre-Narrativ losgelösten Bedeutungsebene, zu einem Soundtrack, der letztlich auch den zugleich bleiernen und hypernervösen Zeitgeist unserer Grusel-Gegenwart vertont. Something wicked this way comes… (8.3) Andreas Borcholte

Nao - "Saturn"
(RCA/Sony, ab 26. Oktober)

Neo Jessica Joshua glaubt an Astrologie. Blöde Sache, das. Zumal die Sterne die Musikerin in letzter Zeit hauptsächlich mit Nieten versorgten. Schuld war der sogenannte "Saturn Return", bei dem der Planet auf irgendeiner Linie mit irgendetwas anderem steht - und damit für reichlich Trennung, Tränen und sonstigen Trubel sorgt. Sie verstehen schon.

Jedenfalls bestimmt diese schwere Zeit nun das zweite Album der unter dem Namen Nao auftretenden Britin. Wer von "Saturn" allerdings ein Astro-Seminar auf Albumlänge erwartet, liegt glücklicherweise falsch. Vielmehr rührt Nao im Verlauf der 13 Songs einen wohlbekannten Pop-Gefühlskitt neu auf: Die Unmöglichkeit der Liebe wird beweint, Selbstzweifel gewälzt und in persönliches Wachstum umgedeutet, die weibliche Sexualität wird entdeckt und gefestigt.

So schablonenhaft sich das liest, so zielsicher trifft "Saturn" dennoch zielsicher mitten ins limbische System. So etwa im schrittweise aszendierenden Refrain des Openers "Another Lifetime": "I guess I have to wait another lifetime", besingt Nao da die leere Betthälfte neben sich - und legt mit jeder Wiederholung ein Pfund mehr Verzweiflung in ihre Stimme. Hier meint es jemand ernst mit der Herzensmusik.

Das war nicht immer so. Schon auf ihrem 2016 erschienenen Debüt "For All We Know" war Nao zwar mit einer Lebensversicherung von Stimme und reichlich Pop-Sensibilität gesegnet - rollte diese aber in einen retroseligen Referenzflickenteppich ein. Allzu deutlich erkannte man die anschmiegsamen Gitarrenlicks eines Prince, den funky Bass eines James Jamerson oder die Blechschüssel-Drums der mittleren Achtziger.

"Saturn" zeigt nun einen eigenständigeren Stil. Naos Sound ist mittlerweile weniger organisch geprägt - und damit weniger nah an vergangegen Referenzpunkten. Stattdessen formulieren Stücke wie die Ermächtigungshymne "Curiosity" oder das an Drakes Kartoffeldruckversion von Dancehall erinnernde "If You Ever" einen modernen, anschlussfähigen R&B-Entwurf: viel Bass, ein bisschen 808-Gezitter, vereinzelte Gitarren und über allem: Naos starke Stimme. Ob das im Jahr 2018 wirklich reicht, auch angesichts von konkurrierenden R&B-Triebfedern wie Kelela, H.E.R. oder SZA? Das steht, pardon, auch nach "Saturn", in den Sternen. (7.0) Dennis Pohl

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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