Junge Pianisten Der Swing ist das Ding

Beim Klavierspiel geht es um mehr als Noten und Akkorde. Denis Kozhukhin und Francesco Piemontesi verstehen es, so eigenwillig zu interpretieren, dass Altbekanntes frisch klingt.

Marco Borggreve

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George Gershwin hat viel zur Familienzusammenführung von E- und U-Musik getan als die Schrankenbegriffe noch solche waren. Natürlich denkt der Fan klassischer US-Musik bei Gershwin auch heute eher an Gene Kelly, Fred Astaire und Ginger Rogers als an Konzertsäle, aber immerhin holte sich der französische Innovator Maurice Ravel bereits in den 20er Jahren guten Rat in Sachen Swing, Sound und Arrangements beim amerikanischen Komponisten-Kollegen. 1928 trafen sich Ravel und Gershwin in New York, verbrachten eine Menge Zeit miteinander, denn Maurice Ravel liebte bereits den Jazz und wollte etwas darüber lernen, auch, um die Impulse in eigenen Werken verwenden zu können.

Amerikanische Frischzellenkur

Ravel vollendete unter diesem Eindruck ein Jahr später sein Klavierkonzert in G-Dur, dessen plakatives und bildkräftiges Aufrauschen der Klänge schon stark an Gershwins tänzerisch animierende Musik erinnert. Keine Frage, der Swing ist hier das Ding. Der russische Pianist Denis Kozhukhin verfügt über die technische Brillanz, um die Läufe und perkussiv geprägten Ballungen des Klavierparts mühelos und damit fast jazzig zu realisieren. So wird es sich Ravel vorgestellt haben, denn sicher schwebte ihm keine Imitation des Gershwin-Broadway-Stils vor. Die Belebung aber des europäischen Konzertsaales durch eine amerikanische Frischzellenkur gelang überzeugend. Kozhukhins biegsame Tongebung und seine Unabhängigkeit von rechter und linker Hand treffen auf ein Orchester, das mit ähnlich beseelter Entdeckerfreude zu Werke geht.

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Das Orchestre de la Suisse Romande begibt sich unter Leitung von Kazuki Yamada topmotiviert auf die Reise zu Drive und Kraft, ohne Angst vor populärmusikalisch klingenden Anmutungen. Trotz orchestralem Bläser-Furioso (blitzendes Blech!) zu Beginn bleibt nach rhapsodischer Adagio-Verschnaufpause im finalen Presto der Pianist der Star: Kozhukhins immense Technik brennt das von Ravel verlangte Feuerwerk mit der verlangten Leichtigkeit ab, was die Wirkung erhöht und unbändige Hörfreude beschert. Wenn das schon Pop-Klassik ist, dann her damit!

Feuerwerk der Leichtigkeit

So ist die Gegenüberstellung von Ravels Klavierwerk mit George Gershwins Konzert in F-Dur eine gute Idee, die vom Team Kozhukhin/Yamada/Orchestre de la Suisse Romande sinnlich realisiert wird. Natürlich geht Gershwin mit den Mitteln der Popmusik seiner Zeit unbefangener und routinierter um als der vielseitige Ravel, aber man erlebt sehr genau, wie sich beide beeinflusst hatten und was Ravel an diesem Magier aus der Neuen Welt faszinierte.

Der japanische Dirigent Kazuki Yamada lebt seit 2010 in Berlin, studierte am Mozarteum in Salzburg und gewann 2009 in Besancon den Wettbewerb für junge Dirigenten. Er ist derzeit erster Gastdirigent des 1918 von Ernest Ansermet gegründeten Genfer Orchestre de la Suisse Romande. Mit Denis Kozhukhins technischer Brillanz und seinem Gespür für große Spannungsbögen und inhaltliche Kombinationen gelang es ihm, dem Schweizer Orchester präzise Eruptionen zu entlocken. Bitte weitermachen in dieser Konstellation!

Dokumentation von Bruno Monseignon

Wie man als Schweizer mit den Werken Franz Liszts umgehen kann, zeigt der 35 Jahre alte Pianist Francesco Piemontesi, der bereits mit gelungenen Mozart- und Debussy- Einspielungen auf sich aufmerksam machte. Nun also "der Griff nach Liszt!", wie einst Klavierkenner Joachim Kaiser den wichtigen Sprung in jeder Pianistenkarriere leicht melodramatisch aufplusterte. Naheliegend nahm sich Piemontesi für seine neue CD die Abteilung "Schweiz" der "Années de pèlerinage" von Franz Liszt vor.

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Natürlich spielt die Bewältigung der technischen Hürden dieser halsbrecherischen Klavierreise nicht die Hauptrolle, und es gelingen dem jungen Virtuosen auch die romantischen Zwischentöne mit Eleganz und Frische. Gern folgt man ihm beim hingetupften Trip über den "Lac de Wallenstadt" wie es auch "Au bord d'une source" glasklar fließt und perlt.

Die Kontraste vom "Vallèe d'Obermann" brechen dramatisch und klar genug hervor, und die "Cloches de "Genève" läutet Piemontesi kraftvoll und differenziert. Gut angekommen ist er auf dieser Etappe der Lisztschen "Pilgerfahrt". Als besonderes Bonbon gibt es zu dieser CD noch eine DVD mit einer informativen Dokumentation des Klassik-Chronisten und Fachautors Bruno Monseignon, dessen Arbeiten zu Svjatoslav Richter, Glenn Gould, Yehudi Menuhin und vielen anderen Künstlern des 20. Jahrhunderts eigene Maßstäbe setzten.



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