Junge Schlagzeuger Trommeln gehört zum Handwerk

Es musste schon einen Showman wie Martin Grubinger kommen, um das Schlagzeug in den Konzertmittelpunkt zu rücken. Aber längst schlägt sich der Nachwuchs durch.

Nikolaj Lund

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Alexej Gerassimez benötigt nicht viel, um zu bezaubern. Er beginnt sein Showcase bei der Pressekonferenz zum Festival Mecklenburg-Vorpommern nur mit zwei Trommelstöcken, einen davon bearbeitet er als Schlagobjekt, und es verblüfft, welche Bandbreite an Klängen er bereits damit erzeugen kann. Dann wechselt er zur Snare Drum, der Klassikerin aller Spielmannszüge, Militärkapellen und in geschmeidiger Form der Rhythmusbasis der Jazzcombos und Swingorchester. Aber das ist erst der Anfang.

Klar, Trommeln gehört zum Handwerk, aber was heute ein virtuoses Percussionkonzert im Konzertsaal ausmacht, dokumentiert sich schon im Arsenal der Schlaginstrumente, vom Holzblock über Pauken, Becken, Marimba, Vibraphon, Bongo, Tom-Tom, Xylophon bis hin zu Glocken und Klangröhren. Aber oft tut's auch der Tisch, eine Blechdose oder ein Rohr, wenn einer so begabt ist wie Alexej Gerassimez. Schon 2012 hat er eine ganze CD mit Eigenkompositionen für Schlagzeug veröffentlicht, jetzt ist der 29jährige Aushängeschild und Preisträger der programmatisch bunten Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Keine Frage, das Schlagzeug hat sich emanzipiert. Und die Marimba wurde dabei so etwas wie das neue In-Instrument.

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Alexej Gerassimez:
Percussion

Werke von Emmanuel Séjourné, Alexej Gerassimez, Tobias Broström und John Psathas

Genuin (Note 1 Musikvertrieb); Deutscher Musikwettbewerb; 18,39 Euro

Frank-Zappa-Fans kennen die Marimba seit jeher als farbgebende Klangkomponente in den Werken des Pop-Avantgardisten und Varèse-Liebhabers. Doch das aus Guatemala stammende hölzerne, ans Vibraphon erinnernde Schlagwerk besteht auch als konzertantes Solo-Percussion-Instrument und bietet viel Potential für Virtuosen. Als weiterer junger Wilder trommelt sich derzeit Christoph Sietzen auf den hölzernen Stäben nach vorne. "Attraction" (Genuin) heißt seine CD, und der gebürtige Salzburger (Jahrgang 1992) führt den buchstäblich schlagenden Gegenbeweis, dass sich die nur scheinbar hölzern-behäbige Beschaffenheit des Schlagwerks dank virtuoser Behandlung in wirbelnde Faszination transformieren lässt. Mit Originalkompositionen und originellen Bearbeitungen brennt Sietzen ein Feuerwerk klanglicher Vielfalt und virtuoser Schlagtechnik-Hexerei ab, das auch Hörer faszinieren kann, die bisher Neuer Musik eher zurückhaltend begegneten.

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Christoph Sietzen:
Attraction

Werke von Emmanuel Séjourné, Iannis Xenakis, Arvo Pärt, Andrew Thomas, Bruce Hamilton und John Psathas

Genuin (Note 1 Musikvertrieb); 19,99 Euro

Christoph Sietzen präsentiert auf "Attraction" sehr verschiedene Werke, die von zarten Lyrizismen wie in Arvo Pärts "For Anna Maria" (von Sietzen arrangiert) über die klaren Strukturen und klassisch virtuos anmutenden Sequenzen in Iannis Xenakis' "Rebonds" bis hin zu John Psathas' fast poppigen "One Study One Summary" für Marimba, "Junk Percussion" und Tonband reichen. Es ist nicht nur die Marimba, deren Vielfalt Christoph Sietzen hier auffächert, es ist eine Welt des Schlagwerks - oder zumindest ein bunter Teil davon. Im Konzert kann das alles nur noch attraktiver wirken. Das hat vor allem der aktuelle Superstar der Szene schon vor Jahren entdeckt.

Und der heißt Grubinger. Viel verdanken die neuen Percussion-Virtuosen der charmanten Vorarbeit des österreichischen Schlagwerker Martin Grubinger, der inzwischen fast schon als Weltstar der Percussion und Fusionmusik unterwegs ist. Schon immer legte Grubinger Wert darauf, die meist anspruchsvollen und oft sehr neuen Werke seiner Programme dem Publikum vor dem Konzert auch verbal nahezubringen: ein Conférencier der Avantgarde. Das kann nicht jeder Solist, aber Grubinger machte bei seinen Performances gerne den Erklärbär der Moderne, der sein meist umfangreiches Schlag-Equipment wie auch die Kompositionen in nachvollziehbaren Sätzen attraktiv darstellen kann. So wurden Hörer oft zu Fans, von Grubinger und der Schlagzeugmusik. Komponisten wie Avner Dorman und Friedrich Cerha schrieben Neues für ihn, und Grubingers ausgefeilte Marimba-Künste bescherten dem Instrument neues, breiten Interesse.

Dieses Interesse wird Alexej Gerassimez, dessen Karriere gerade Fahr aufnimmt, weiter befeuern. Geboren in ein hochmusikalisches Elternhaus (Vater Trompeter bei den Essener Philharmonikern, die Mutter Bratschen-Pädagogin, die beiden Brüder ebenfalls Klassik-Profis). Sein Ehrgeiz nicht nur ungewohnte Klangkörper für sich zu erschließen, wie auch mit eigene Kompositionen zu überzeugen deuten auf eine ähnliche kreative Entwicklung, die auch sein Freund Martin Grubinger genommen hat. Der pflegt neben der Konzertmusik auch den BigBand-Sound und sein Projekt Planet Percussion, das die Fusion verschiedenster Musikstile zum Ziel hat. Percussion ist eben ein Planet für sich, auch wenn das gute alte Trommeln immer noch den Pulsschlag der Faszination liefert.

Konzerte Alexej Gerassimez: Vom 4.7. bis 18.9 im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, 26./27.10. Hannover, 31.10. Braunschweig, 1.11. Hamburg (Elbphilharmonie), 3.11. Wilhelmshaven, 4.11. Düsseldorf

Konzerte Christoph Sietzen: 13.-19.8. Graz, 19.8. Steirisches Musikfestival, 14.-25.8. Salzburg, 17.9. Linz, 31.-23.9. Bregenz, 23.10. Köln



insgesamt 18 Beiträge
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blinder_seher 16.07.2017
1. Bitte den Anrisstext korrigieren - meine Augen schmerzen :-)
"Es musst schon einen Showman wie Martin Grubinger kommen," Entweder sollte es heißen "Es musste schon ein Showman wie Martin Grubinger kommen,", oder "Es musste schon zu einen Showman wie Martin Grubinger kommen,". Mir gefällt erste Variante besser.
sysop 16.07.2017
2. @blinder_seher
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.
lutschbommler 16.07.2017
3. urgh
Neue Musik als Leistungs-Show bis hin zum Zirkus - ohne mich. Superlative wie bester/schnellster Perkussionist öden mich furchtbar an. Mich interessieren vielfältige ästhetische Qualitäten jenseits von Materialschlacht, Sportsgeist und Interpretenkult. Die Perkussionisten auf den CDs, die mich haben aufhorchen lassen, heissen z.B. Matthias Kaul, Jean-Pierre Drouet oder Christoph Caskel. Es gibt da wohl einen Unterschied im Ansatz: Die Trommler stellen die Komposition in den Mittelpunkt, oder die Komposition ist dafür da (oder wird benutzt), die Trommler in den Mittelpunkt zu stellen. Variante 2 geht meines Erachtens an der zentralen Sache - klingende Ästhetik - vorbei.
butzibart13 16.07.2017
4. Der Rhythmus machts
Es darf an dieser Stelle daran erinnert werden, dass schon seit 1978 die schwedische Formation Kroumata existiert, wobei der Name sich von dem griechischem Wort für Percussion ableitet. Diese Formation dürfte schon einige CDs eingespielt haben. Sie führen trotz ihrer langen Existenz nur ein Insiderdasein. Ich habe sie in einem Konzert erlebt und das war beeindruckend. muss aber auch zugeben, dass nach längerer Zeit des Zuhören doch irgendwie eine Melodie fehlt.
sekundo 16.07.2017
5. Einige Bemerkungen
zu Martin Grubinger: Der verfügt zwar über eine exzellente Technik, die aber bei ihm zum Selbstzweck wird und nur der Effekthascherei dient und nicht Grundlage für inspierierten musikalischen Ausdruck ist. Seine, meiner Ansicht nach, seelenlose Ballerei ist eitel, langweilig und nervig!
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