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19. Januar 2013, 09:07 Uhr

Drum-Revoluzzer Lillinger

Der Berliner mit der Rappelkiste

Von Hans Hielscher

Plastikflasche, Autohupe, Kinderrassel: Christian Lillinger aus Berlin erweitert das traditionelle Werkzeug eines Drummers und wird dafür gefeiert als vollkommen neuer Typ des Jazz-Schlagzeugers. Und wie es sich für einen Revolutionär gehört, ist er jung.

Ob er es will oder nicht - der Schlagzeuger fällt auf. Seine Frisur beschrieb ein Journalist als "Hybrid aus Peaches-Electroclash und Ted-Herold-Schmalztolle". Seine Spielweise, so ein anderer, treibe ihn aufgrund der "hoch komplexen Rhythmen in seinem Kopf in beinahe beängstigende Ekstasen". Und in die gerät der Drummer nicht nur, wenn er diverse Trommeln und Becken mit Stockschlägen traktiert, er nutzt zur Geräuscherzeugung auch ein Megafon und Krimskrams aus der Rappelkiste.

Der "vollkommen neue Typus des Jazz-Schlagzeugers" ("Berliner Zeitung") heißt Christian Lillinger. Auf Festivals mit Veteranen auf der Bühne und Senioren im Saal sticht sein Alter heraus: 28. Die Betagtheit der Jazz-Welt ist ein Dauerthema - da erscheint Lillinger wie eine Lichtgestalt. Über mangelnde Gigs kann sich der Berliner nicht beklagen. Lillinger spielt in rund 15 Formationen. Jazz-Größen wie Rolf und Joachim Kühn, David Liebmann und Alexander von Schlippenbach holen ihn in ihre Bands. Lillinger trommelte auf dem letzten Album des im Oktober verstorbenen Free-Jazz-Avantgardisten John Tchicai.

Doch über die Jazzszene hinaus ist der Aufsteiger kaum bekannt. "Über mich wird nur geschrieben, wenn ich mit berühmten Musikern auftrete", sagt Lillinger. Ein Blick ins Archiv gibt ihm Recht: 2012 findet man Lillinger in den überregionalen Medien fast nur im Zusammenhang mit einem Projekt beim Jazzfest Berlin mit dem New Yorker Saxophonisten Joe Lovano und Rolf Kühn. "Christian hat eine völlig eigene Spielweise", lobt Kühn. Der Klarinettist spielte vor über 50 Jahren in der Bigband des King of Swing genannten Benny Goodman, hielt seitdem immer Verbindung mit zeitgenössischen Entwicklungen.

Ein Piano ist ein Schlagzeug mit Tönen

Lillinger beschreibt seine Auffassung von aktuellem Jazz während einer Unterhaltung beim Kölner Winterjazz Festivals Anfang Januar: Die Vorstellung von "Rhythmus-Gruppe hier, Melodie-Sektion da" sei "überholt". Ein Piano sei ein "Schlagzeug mit Tönen", so wie sein "Schlagzeug ein Melodie-Instrument" sei. Um dessen Tonskala zu erweitern, nutzt der Drummer neben seinem herkömmlichen Handwerkzeug Autohupen und Kinderrasseln. Auch das Knistern von Plastikflaschen gehört zu Lillingers Klang-Repertoire. Schlagzeug-Größen der Vergangenheit wie Elvin Jones und Art Blakey verehrt er. Doch obwohl sie tolle Akzente setzen konnten, so Lillinger, waren die Jazz-Drummer letztlich nur Rhythmus-Maschinen.

Lillinger, geboren in Lübben im Spreewald, studierte an der Dresdener Musikhochschule, unter anderen bei dem Perkussionisten Günter "Baby" Sommer. Als Teenager tourte er mit dem Bundesjugendjazzorchester. Während des Studiums pendelte Lillinger zwischen Dresden und Berlin, wo er sein Saxophon-Gitarre-Drums-Trio "Hyperactive Kid" gründete. In der quirligen Berliner Jazzszene machte die Truppe Furore. Aber noch 2009 klagte Lillinger der "Neuen Musik Zeitung": "Ich habe das Gefühl, dass mich eigentlich noch kein Mensch kennt." Der Drummer hoffte auf Einladungen zu großen Festivals. Die hat er mittlerweile.

Jetzt erscheint seine neue CD: "Second Reason" mit seiner Band "Grund", in der neben Lillinger am erweiterten Schlagzeug der Vibraphonist Christopher Dell, der Pianist Achim Kaufmann, sowie zwei Bassisten (Jonas Westergaard, Robert Landfermann) und zwei Saxophonisten (Pierre Borel, Tobias Delius) musizieren. "Hektische, spannungsgeladene Exkursionen im freien Raum", urteilt der Kritiker des Bayrischen Rundfunks über die Platte, "moderner, kreativer Jazz mit Zukunft".


CD-Release-Tour:

3.2. Karlsruhe, Jazzclub; 4.2. Krefeld, Jazzclub; 5.2. Marburg, Cavete; 6.+7.2. Köln, Loft; 8.2. Nürnberg, Jazzstudio; 9.2. München, Unterfahrt; 11.2. Zürich, Moods.

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