Pop-Phänomen Jungle Grooven gegen Paranoia

Alle hatten einen Job, nur sie hatten Langeweile: Als Reaktion auf den allgegenwärtigen Leistungsdruck hat die Londoner Band Jungle ein unverschämt lässiges Album mit Discofunk-Einschlag gemacht. Hören Sie das Debüt-Album "Jungle" hier komplett vorab.

Dan Wilton

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Man denkt sofort an Daft Punk. Ältere erinnern sich beim entrückten Falsettgesang vielleicht auch noch an die Funk-Platten der Average White Band aus den Siebzigern oder den zurückgelehnten "Sunshine Reggae" des dänischen Two-Hit-Wonders Laid Back. Kurzum: Es ist einerseits sehr einfach, den Sound von Jungle zu beschreiben, andererseits so gut wie unmöglich. Es ist ein sehr urbaner, extrem postmoderner Sound, der Zuschreibungen wie Funk und Soul, Disco oder R&B transzendiert. Und einen schier wahnsinnig macht mit seiner coolen Verschlepptheit, seinem lässigen Groove, seiner vordergründigen Dekadenz.

Mit dem Song "The Heat" und einem zugehörigen Video wurden Jungle Ende 2013 erst zum YouTube-Phänomen, dann zu Shooting-Stars in den einschlägigen Listen von BBC und "Guardian". In dem Clip treten zwei in Trainingsanzüge gekleidete Streetdancer auf Rollschuhen auf, die durch eine marode Tiefgaragen-Szenerie tanzen. Der dazu aus dem Off gesungene Text widerspricht der demonstrativ zur Schau getragenen Slickness der Musik allerdings extrem: "I can't feel the heat/ Don't let it catch ya", heißt es da angespannt, oder: "Get up/ Deliver/ Don't you give up/ Hell no get up!".

Im Nachfolgesong "Platoon", einer ebenfalls sehr smoothen, etwas schnelleren Nummer, zu der ein kleiner Junge tanzt, ist von einer Schlange die Rede, die sich listig zwischen Füßen windet und Brüdern, die sich gegenseitig übervorteilen. Da wird dann klar: Jungle, das meint den Großstadtdschungel, das Gesetz der Straße, die Leistungsgesellschaft, Karrieredruck und Konkurrenz. The Heat, Gangster-Slang für Gefahr oder Polizei, ist dir auf den Fersen, fall' bloß nicht hin! Und plötzlich wirkt diese Musik sehr dringlich, fast politisch. Der geschmeidige Groove wandelt sich zum Paranoia-Funk. Am Freitag erscheint das Debüt-Album der Londoner. (Sie können das komplette Album in unserer Vorabpremiere hören. Den Audio-Stream finden Sie am Ende dieses Artikels).

"In jedem unserer Songs steckt Paranoia", sagt Josh Lloyd-Watson. "Das geht zurück auf meine Erfahrungen im letzten Jahr: Ich kriegte einen Panikschub, weil um mich herum plötzlich alle in so einen Leistungs- und Konkurrenzwahn verfielen und ich am Ende auch. Das Internet macht das mit uns: Jeder will irgendwas mit Medien oder Film machen, und jeder will dann auch gleich der Beste sein. Die Leute sind besessen davon, dass sie nicht die Besten sein könnten, egal, in welchem Bereich. Das macht einen fertig." Es wurde erst besser, sagt er, als er, zusammen mit seinem Kumpel Tom McFarland, endlich anfing, wirklich etwas zu tun. Aus der Idee, eine Filmproduktionsfirma zu gründen ("Wie zur Hölle sollte ich das anstellen ohne Geld?") wurde das Musikprojekt Jungle.

Egos in Schach halten

Die beiden kennen sich seit ihrer gemeinsamen Jugend im bunten, noch nicht durchgentrifizierten Stadtteil Shepherd's Bush. Als Zehnjähriger sprang Josh über den Zaun in den Nachbarsgarten, um mit dem dort spielenden Tom Pokémon-Karten zu tauschen. Zusammen begannen sie, Musik zu machen, vorzugsweise in Joshs Jugendzimmer, in dem er noch heute wohnt. Während Tom in einer Tequila-Bar jobbte, lieferte Josh Pizza aus, "auf dem Moped, ich hab' es geliebt, diese Freiheit!". Und zusammen erfanden sie schließlich Jungle - als Vehikel für ihre von HipHop, R&B und Pop beeinflussten Songs. Wie Daft Punk wollen J und T, wie sie sich offiziell nennen, nicht als Künstler erkannt werden. "Wir sind Produzenten, wir treten hinter unserer Musik zurück wie Damon Albarn bei Gorillaz oder Pharrell, als er noch bei den Neptunes war. Das hält unsere Egos in Schach."

Die selbstverordnete Anonymität sei Teil ihres kreativen Prozesses. Viele Künstler würden nur noch um sich selbst kreiseln, wenn sie anfangen erfolgreich zu werden, erklärt Josh. Diesen Faktor wollen Jungle aus ihrer Arbeit eliminieren, indem sie beide gleichberechtigt singen und nahezu komplett hinter ihrer Musik verschwinden. Live treten sie mit einer mehrköpfigen Band und zahlreichen Tänzern auf, während sie sich selbst eher im Hintergrund halten. Und auch das ironische Spiel mit ethnischen Zeichen gehört zum Konzept: Vom Klang soulsatter Songs wie "The Heat", "Busy Earnin'" oder "Lucky I Got What I Want" und von der Ghetto-Atmosphäre der Videos würde niemand auf die Idee kommen, dass sich hinter einer so vehement "Black Music" annoncierenden Band wie Jungle ausgerechnet zwei gutbürgerliche weiße Jungs aus Westlondon verbergen.

Zu ihrem aktuellen Sound kamen J und T durch eine banal erscheinende Erkenntnis: "Wenn du Leute zum Tanzen bringen willst, leg' die Snare-Drum auf die Zwei und die Drei. Und den Groove übernimmt die Hi-Hat", erklärt Josh, wie sein Partner musikalischer Autodidakt. "Popmusik ist so erfolgreich, weil sie simpel ist. Der Beat muss einfach sein, die Bassline muss leicht und verständlich sein, dann kannst Du den ganzen komplexen Kram oben drüber bauen.

Auf Album-Länge wirkt das alles zuweilen ein bisschen zu verkopft, zwischen den offensichtlichen Hits machen sich einige eher flächige Tracks breit. Aber J und T stehen ja erst am Anfang ihrer Karriere als Jungle. "Mir gefällt es ganz gut, dass wir beide eigentlich gar keine so rechte Ahnung haben, was wir da tun", sagt Tom.

Auch die Fehler, die sie auf ihrem Debüt-Album gemacht haben, gehörten irgendwie dazu. Angst davor, vom Erfolg aus der Bahn geworfen zu werden und doch den Verlockungen des Ruhms zu verfallen, haben sie nicht: "Wir haben vorgesorgt. Das zweite Album ist schon zur Hälfte fertig."

Abgehört-Wertung: 7.1

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plasmopompas 11.07.2014
1.
Zitat von sysopDan WiltonAlle hatten einen Job, nur sie hatten Langeweile: Als Reaktion auf den allgegenwärtigen Leistungsdruck hat die Londoner Band Jungle ein unverschämt lässiges Album mit Discofunk-Einschlag gemacht. Hören Sie das Debüt-Album "Jungle" hier komplett vorab. http://www.spiegel.de/kultur/musik/jungle-pop-phaenomen-aus-london-im-portraet-a-980057.html
Der Vergleich mit Daft Punk und Laid Back ist sehr treffend, genau wie diese Bands macht Jungle belanglose Fahrstuhlmusik. Das geht so leicht ins Ohr Peter Alexander und ist genauso irrelevant.
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