Jungstar Johannes Moser Liebes Cello, ich mag auch Elektro

Da rast das Klassik-Publikum: Der junge Cellist Johannes Moser mag ein altes Instrument spielen, sein Repertoire ist modern - genau wie sein gelegentlicher Griff zum elektronischen Cello. Jetzt hat er Schostakowitschs erstes Konzert fulminant interpretiert.

Uwe Arens

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Wenn Johannes Moser die Kadenzen-Parts von Dmitri Schostakowitschs erstem Cellokonzert op. 107 auffächert, scheint das die einfachste Sache der Welt zu sein. Mit sicherem, swingendem Ton und festem Zugriff fädelt er sich durch die vertrackten Melodielinien des dritten Satzes, ein Solo von rund sechs Minuten, die für einen weniger talentierten Musiker zur Ewigkeit werden können.

An diesem Abend in der Berliner Philharmonie sind die Minuten allzu kurz: Gern hätte man Johannes Moser in diesem Virtuosenrausch länger zugehört. Aber was soll's: Auf die "Cadenza - attacca" folgt ja übergangslos der Schlusssatz, das noch schwierigere Allegro mit den spitzen Flageolett-Obertönen in schwindelnder Höhe. Schon beim flotten Marschrhythmus im ersten Satz hatte Moser souverän vorgelegt, was in diesem knackigen Spätwerk Schostakowitschs steckt.

Gleich zu Beginn, als das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einsetzt, wirbeln alle konzentriert durch die Tücken dieses überschäumend munteren Werks von Schostakowitsch (1906-1975), das noch einmal allen Einfallsreichtum des Komponisten darbietet. Der Dirigent, Vassily Sinaisky könnte vom Alter her beinahe der Vater Johannes Mosers sein, und ein bisschen dirigiert er auch so. Ausgebildet am Petersburger Konservatorium, verfügt Sinaisky seit vielen Jahren über internationale Erfahrung (London, Paris, Amsterdam, USA) und charismatische Schlagkraft. Da ballt sich schon mal die Faust martialisch, da schießt ein Arm autoritär nach vorne, da reitet der Orchesterleiter los und scheint den Solisten im ersten Satz gebieterisch mitreißen zu wollen.

Moser, ganz ungehorsamer Sohn, spielt stoisch selbstbewusst sein Tempo, diese Reibung erzeugt kreative Hitze, und am Ende haben sich alle lieb - das Publikum steht Kopf und erklatscht sich eine Bach-Sarabande aus der ersten Cellosuite des Thomaskantors als meditative Zugabe. Die Stille nach dem Sturm: Moser hatte einen flott herausgespielten Sieg errungen, der ihn kaum in Schweiß brachte. Keine Frage: Dieser Virtuose ist noch längst nicht am Ende seiner künstlerischen Fahnenstange.

In Zukunft elektronisch

Johannes Moser, 1979 in München geboren, kann in jungen Jahren bereits auf enormes internationales Renommee bauen: Beste Orchester wie die Berliner Philharmoniker, die Chicagoer und New Yorker Philharmoniker sowie Mariss Jansons Amsterdamer Concertgebouw Orchester luden ihn als Solisten ein, und seine CD-Einspielungen zeugen von subtilem Geschmack. Kammermusik von Arnold Bax, Alexander von Zemlinsky und Friedhelm Döhl gehört ebenso dazu wie Konzerte von Mikis Theodorakis oder Paul Hindemith.

Natürlich hat er - wie es sich für einen smarten Jung-Star gehört - das aktuelle Konzertprogramm soeben auch auf Tonträger gespeichert: Gemeinsam mit dem WDR Sinfonieorchester Köln und dem famosen, ebenso jungen finnischen Dirigenten Pietari Inkinen spielte er das Schostakowitsch-Konzert ein, gepaart mit der nicht allzu oft gehörten "Cello Symphony" von Benjamin Britten von 1963, die perfekt zum Schostakowitsch-Konzert (Uraufführung 1959 in Leningrad) passt. Alles klingt schlanker, etwas kühler in dieser CD-Version, aber ebenso mitreißend und virtuos: Die beiden Youngster wollten sich offenbar nichts beweisen, sondern nur effizient und werkdienlich musizieren, was ihnen grandios gelang.

Johannes Moser gewann 2002 den Sonderpreis des Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau und war Meisterschüler vom Cellomeister David Geringas, der ihm neben anderem beibrachte, "dass ich mir der Verantwortung als Interpret bewusst wurde", wie Moser erklärt, "und dazu den Willen und den Mut, diese Verantwortung auch zu übernehmen." Dieses ruhige, überlegene Selbstbewusstsein kennzeichnet Johannes Mosers Spiel, das durch sein aktuelles Instrument - ein altes, edles Guarneri-Cello (Baujahr 1694) aus privater Sammlung - noch zusätzlich geadelt wird. Doch dieser historische Spitzenklang reicht ihm nicht.

Nicht nur, dass Johannes Moser stets bemüht ist, mindestens eine Uraufführung pro Jahr zu spielen (zuletzt im Oktober 2011 "Magnetar" von Enrico Chapelas in Los Angeles), er spielt auch mit den technischen Möglichkeiten seines Instrumentes. Er experimentiert mit einem elektronischen Cello und brachte das hierfür komponierte Konzert von Fabrice Bollon gemeinsam mit der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern zur Uraufführung.



insgesamt 4 Beiträge
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jfconrad 11.02.2012
1. Elektrisch, nicht "elektronisch".
Das Cello ist elektrisch, nicht "elektronisch". Maßgeblich für die Unterscheidung ist, wie die Schwingung entsteht: Ist sie mechanisch und wird "elektronisch" verstärkt, heißt das Instrument "elektrisch", entsteht die Schwingung elektronisch, ist es "elektronisch". Daraus ein Sonderfall ist "digital". Daher "Elektrische Gitarre", "Elektrisches Cello", "Elektrisches Rhodes-Piano", "Elektronische Orgel" (aber elektrische originale Hammond), elektronischer analoger Synthesizer, Digitalpiano. Mit zwiebelfischenden Grüßen, Jan-F. Conrad.
gajasperss 11.02.2012
2. erster oder zweiter Preis???
Zitat von sysopUwe ArensDa rast das Klassik-Publikum: Der junge Cellist Johannes Moser mag ein altes Instrument spielen, sein Repertoire ist modern - genau wie sein gelegentlicher Griff zum elektronischen Cello. Jetzt hat er Schostakowitschs erstes Konzert fulminant interpretiert. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,814539,00.html
Johannes Moser gewann den zweiten Preis beim Tschaikowsky-Wettberwerb 2002. Siehe zB The St. Petersburg Times - Culture - moscow contest leaves doubts | Print version (http://www.sptimes.ru/index.php?action_id=100&story_id=7510) , oder wikipedia.
uschikoslowsky 11.02.2012
3.
Zitat von gajasperssJohannes Moser gewann den zweiten Preis beim Tschaikowsky-Wettberwerb 2002. Siehe zB The St. Petersburg Times - Culture - moscow contest leaves doubts | Print version (http://www.sptimes.ru/index.php?action_id=100&story_id=7510) , oder wikipedia.
Man fragt sich ja immer, wenn angebliche "Jungstars" des Klassikbetriebes in der Presse künstlich hochgejazzt werden, Cui bono?
madcostelloartist 11.02.2012
4.
Empfehlen kann ich da CelloLand, ein Musikprojekt des Cellisten Burkard Weber, der auch ein elektronisches Cello spielt, oft mit einem Rundbogen, eine Gratwanderung zwischen Bach, Erik Satie und Jimi Hendrix. Manchmal dunkel, fast gothic-haft, mit Klängen wie zersplitterndes, rieselndes Glas.
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