Französische Kammermusik Der Rausch des Lächelns

Frische Kammermusik-Töne bieten die Quartette Van Kuijk und Mariani und betreten damit furchtlos die Arena junger Ensembles. Sie haben beste Chancen, denn beide verbinden Können und Inspiration.

Quatuor Van Kuijk

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"Diese vier jungen Franzosen lassen die Musik lächeln!" - wenn der englische "Guardian" poetisch wird, dann hat jemand wirklich etwas zu bieten. Das französische Quartett Van Kuijk vereinigt auf seiner neuen CD mit den Quartetten von Maurice Ravel und Claude Debussy das klassische Kammermusik-Paar der frühen Moderne, aber wie sie das tun: à la bonne heure - bravo! -, wie unsere westlichen Nachbarn sagen.

Sei es die klassische Aufnahme vom Melos Quartett oder die aktuelle von den Amaryllis-Kollegen, die Konkurrenz setzte Maßstäbe in Sachen Präzision und interpretatorischer Kompetenz bei den Kammermusik-Standards von Debussy und Ravel. Die Überwindung der klassischen Harmonik, der swingende Verve Ravels und die aufblühenden Arrangements von Debussy waren mit Impressionismus (Debussy hasste den Begriff ohnehin) nicht mehr zu fassen. Für Ensembles eröffnet das zur Entstehungszeit ungewohnte Terrain noch heute ideale Bedingungen für eigene Ansätze. Als Absolventen des Pariser Konservatoriums vereinigten die Mitglieder des Van-Kuijk-Quartetts optimale Voraussetzungen, gerade diesen beiden urfranzösischen Musik-Preziosen gerecht zu werden. Und das, ohne in Respekt zu erstarren.

Jugendlicher Swing

Das Quatuor Van Kuijk packt den Stier zunächst sanft bei den Hörnern: So "animiert und sehr entschlossen", wie es Claude Debussy in seiner Satzbezeichnung fordert, erfolgt der Auftakt, um gleich darauf differenziert in die Verästelungen der Stimmen zu tauchen. Von Beginn an funktioniert die Balance zwischen Violinen und Cello/Viola, was perfekt zum Grundton des g-Moll-Quartetts passt. Die Kontraste zwischen der Violinen-Dramatik und den drohenden tiefen Lagen meistern die Van Kuijk mit der geforderten Entschlossenheit - und dem selbstbewusst jugendlichen Swing, ohne den es bei diesem frühen Debussy nicht geht. Dass zeitgenössische Kritiker dies frühe Meisterwerk ablehnten, gehört zum Schicksal wegweisender Werke. Maurice Ravel jedenfalls verinnerlichte den Einfluss des Kollegen als Inspiration.

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Dramatische Kontraste

Dennoch wirkt der Antritt bei seinem eigenen Quartett op. 37 eher verhalten, jedenfalls nach Auffassung des Van-Kuijk-Quartetts. Das verlangte moderate Tempo entwickeln die vier Musiker forciert, was jedoch die Spannung erhöht und das Seitenthema optimal vorbereitet: Strategie ist alles, auch in der knappen Form.

Ravels Spiel mit den Stilen und Einflüssen bietet den jungen Wilden beste Möglichkeiten, ihr technisches Können effektvoll darzubieten. Sei's drum: Kammermusik muss keine elitäre Weiheveranstaltung sein. Lust an flirrenden Melodien, zupackenden Rhythmen und famosen Notengirlanden können auch Hörer entzücken, die mit der intimen Form weniger am Hut haben.

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Kammermusik: Van Kuijk und Mariani Quartett am Start

Wilder Tanz zum Finale

Ganz ähnlich können die Mitglieder des Mariani-Klavierquartetts überzeugen. Ebenfalls noch am Anfang der Karriere (2009 gegründet), machen sie Erfahrung mit Elan und Inspiration mehr als wett. Schließlich verfügen sie über das technische Rüstzeug, um wegweisende Stücke wie das harmonievergnügte Quartett von Gabriel Fauré (1845-1924) und das vielschichtige und umfangreiche Stück von George Enescu (1881-1955) überzeugend darzustellen.

Allein das zehnminütige, tanzwilde Finale von Enescus op.16 ist die Reise durch die frühe Moderne wert, zu welcher der rumänische Komponist einlädt. Mit vier Jahren schon spielte Enescu Violine; selbst Schüler von Fauré und Jules Massenet bildete er später berühmte Nachfahren wie Yehudi Menuhin aus. Seine Symphonien werden wieder genauer unter die Lupe genommen, wie die temperamentvolle Einspielung von Hannu Lintu mit seinem finnischen Tampere Philharmonic Orchestra belegt.

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Spannung auch über die Distanz

Viele Festival-Einladungen, das Debüt in der Berliner Philharmonie und 2011 bereits der Preis des Deutschen Musikwettbewerbs markieren die ersten Schritte zum Erfolg. Der Rundfunk Berlin Brandenburg ermöglichte in Kooperation die aktuelle CD-Produktion, ganz ohne Förderung blüht leider auch in der deutschen Kulturlandschaft nicht jedes vielversprechende Pflänzchen auf.

Die Brücke vom noch romantisch geprägten Fauré zum nachdenklichen und vielschichtigen Enescu gelingt den jungen Marianis mit entwaffnender Leichtigkeit. Auch über den langen konzeptionellen Bogen des Enescu-Marathons (das Quartett hat eine Spieldauer von fast 40 Minuten) lässt die Spannung nie nach. So darf es gern weitergehen, mit dieser Spielfreude und Brillanz gewinnt man neue Kammermusik-Fans.



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