Kammermusik mit Saxofon Ein Hauch Erotik in der Stadt

Es röhrt so schön! Doch das Saxofon kann auch anders. Amerikanische Komponisten wie Aaron Copland haben das europäische Instrument für die Kammermusik entdeckt. Auf der CD "Quiet City" kann man jetzt hören, wie sanft das klingt.

Christopher Brellochs: Virtuoser Interpret der Saxofonmusik des 20. Jahrhunderts
Joyce Grazeola

Christopher Brellochs: Virtuoser Interpret der Saxofonmusik des 20. Jahrhunderts

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Das Saxofon ist die ideale Verbindung aus zwei Instrumenten: Es kombiniert den strahlenden Klang der Trompete mit der Flexibilität der Klarinette. Im klassischen Orchester fand das Saxofon, 1840 von dem Belgier Adolphe Sax ersonnen, später aber seltener Verwendung. Erst im 20. Jahrhundert gab Maurice Ravel dem eleganten Instrument in seinem "Bolero" eine Chance, Alexander Glasunow schrieb ein Solo-Konzert, und Alban Berg nutzte in seiner "Lulu" und dem Violinkonzert den geschmeidigen Sound, der stets einen Hauch Erotik verströmt. Dann kam der Jazz, das Saxofon wurde zu einem stilprägenden Klanggeber. Der Free-Jazz-Innovator John Coltrane schlug sogar einmal die Brücke zurück zur europäischen Bühnenmusik, als er über Franz Léhars "Vilja-Lied" improvisierte.

Jazzer kannten mit Sicherheit auch die Grenzen sprengenden Werke des New Yorker Komponisten Aaron Copland (1900 - 1990), der in den zwanziger Jahren in Europa studierte, aber stets amerikanische Musik im Kopf hatte. Er stammt wie George Gershwin aus Brooklyn, doch ihm schwebten kein Jazz und kein Pop vor, er versuchte impressionistische Klänge mit Folk und Americana zu verbinden. Seine symphonischen Ballettmusik-Hits wie "Apalachian Spring" oder "Billy The Kid" stützten sich auf eingängige Melodik, die er jedoch in opulente, traditionelle Orchesterarrangements kleidete. Ganz natürlich zog es ihn auch zum Film, er schrieb die Musik zu Kinowerken wie "Von Mäusen und Menschen" oder "Unsere kleine Stadt".

Wesentlich abenteuerlicher und spröder klingt seine Kammermusik. Der New Yorker Saxofonist Christopher Brellochs hat jetzt die ursprüngliche Version des bekannten Copland-Orchesterstücks "Quiet City" wiederentdeckt und auf CD eingespielt. In fein verwobener Quartett-Besetzung betören die Melodien und Klanggeflechte Coplands mit hypnotischer Kraft.

Obwohl die Komposition ursprünglich für ein Bühnenstück geschrieben wurde, werden Cineasten keine Mühe haben, filmische Großstadtbilder und Szenen nächtlicher Begegnungen zu assoziieren: Fraglos haben sich später auch andere Hollywood-Komponisten für ihre Soundtracks bei den Ideen Coplands bedient. Die Jazz-Anklänge wirken hier lediglich wie diffuse Erinnerungen, sind nicht stilbestimmend, vielmehr versucht Copland seinen Aufenthalt in Frankreich in eine eigene Tonsprache zu übersetzen.

Alpine Tänze

Christopher Brellochs' Saxofon-Kollege Paul Cohen ist ebenfalls auf der CD zu hören. Er spielt mit der Pianistin Allison Brewster Franzetti unter anderem die "Ballade" von Leo Ornstein, einem der seinerzeit originellsten und brachialsten Pianisten und Komponisten der USA. Ornstein gehörte zu den Ersten, die mit Faust und Hand dem Klavier die Cluster-Töne beibrachten und das Publikum lustvoll erschreckten. Bei seiner Ballade ist davon allerdings nichts zu hören: Sanft und leise schleicht sich das knapp vierminütige Stückchen durch die Harmonien, ebenfalls ein Soundtrack für ruhige Stunden.

Noch einmal anders klingt die "Suite for Trumpet, Alto Saxophon and Piano" von Seymour Barab (geb. 1921), mit der Brellochs, Franzetti und der Trompeter Donald Batchelden den Kurztripp durch die amerikanische Kammermusik beschließen: Fast übermütig wandelt das Trio über volkstümlich anmutende Melodien-Pfade, eine tänzelnd bewegte Kammermusik hatte sich der Chicagoer Komponist da einfallen lassen. Inspiration lieferte bestimmt Igor Stravinsky, der mit Stücken wie "Dumbarton Oaks" ebenfalls so etwas wie klassische amerikanische Musik kreieren wollte.

Ähnlich direkt und beinahe einschmeichelnd kommt auch Lawson Lundes "Sonata Alpine" von 1970 daher, die Cohen und Franzetti mit duftiger Tongebung einspielten. Vielleicht regt ja die frische Luft am Michigansee die kompositorische Energie an: Auch Lunde stammt aus Chicago und spielte dort schon mit 14 Jahren beim berühmten Symphony Orchestra der Stadt.

Anmerkung der Redaktion: Der CD-Titel ist natürlich "Quiet City" und nicht "Quiet Nights". Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
brusl189 13.08.2011
1. Quiet Nights????
Schreibt der Autor vielleicht über die CD "Quiet City"?
herrwurlitzer 13.08.2011
2.
Zitat von sysopEs röhrt so schön! Doch das Saxofon kann auch anders. Amerikanische Komponisten wie Aaron Copland haben das europäische Instrument für die Kammermusik entdeckt. Auf der CD "Quiet Nights" kann man jetzt hören, wie sanft das klingt. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,779502,00.html
Dieses Fehleinschätzung wird durch beständige Wiederholung nicht richtiger. Her Sax hatte die Idee, denn Klang der Streicher Lautstärkekompatibel in einer Marschkapelle darzustellen, und nicht die Idee der Klangkreuzung.
io_gbg 13.08.2011
3. Dumbarton Oaks - keine "klassisch amerikanische" Musik
"... Igor Stravinsky, der mit Stücken wie "Dumbarton Oaks" ebenfalls so etwas wie klassische amerikanische Musik kreieren wollte." Es handelt sich um ein neoklassizistisches Werk, dass seine Inspiration u.a. Bachs "Brandenburgischen Konzerten" verdankt. Der russische Weltbürger Stravinsky hatte wohl kaum im Sinn, "klassisch amerikanische Musik zu kre"ieren.
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