Kammermusik Im Holzbläser-Himmel

Mozarts "Gran Partita" berührt mehr als üblich, wenn Trevor Pinnock das Bläser-Faszinosum interpretiert. Wem das zu schwergewichtig ist, der kann sich an ein paar klassischen Gassenhauern erfreuen.

Linn Records

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Es ist ja eigentlich nur eine Serenade. Nicht ganz so populär wie die "Kleine Nachtmusik", aber dafür hat es die "Gran Partita" von Wolfgang Amadeus Mozart in sich: Fast karg kommt KV 361 in B-Dur daher, zunächst scheinbar ohne melodiöse oder gar kontrapunktische Finesse, nur schlicht unwiderstehlich.

Wer wenig Geduld hat, der beginne mit dem dritten Satz, dem Adagio, das zu den bezwingendsten kammermusikalischen Einfällen Mozarts gehört, weil es auf leisen Pfoten den Hörer bezaubert, ohne wilde Presto-Jagd oder eine Con-brio-Attacke, sondern nur mit sanften Akkordwechseln, atmendem Rhythmus und sparsamer, puristischer Instrumentation. Dreizehn Bläser, die punktgenau arbeiten, federleicht und dennoch gewichtig, luftig und dicht zugleich.

Vorbildlich gelang dies dem britischen Dirigenten und Cembalisten Trevor Pinnock mit seinem Royal Academy of Music Soloists Ensemble, das diese klangfarbenreiche Suite Mozarts über fast 45 Minuten Spieldauer sanft brodeln lässt. Understatement pur, doch mit Gefühl für Effekte, denn es geht hier natürlich auch um Rokoko-Entertainment.

Die Unwägbarkeiten des Lebens

Nach der dezenten Weihe folgt rasch ein gespenstisch verhangenes Menuett, das eigentlich nicht zum Tanz locken möchte, sondern anscheinend eher vor allzu schnöder Lust warnen will. Dann mündet es kontrastreich in einen versöhnlichen, breit im Dreiertakt walzenden Landtanz, alles scheint wieder gut. Darauf noch ein romantisches sehnsüchtiges Adagio, ein wenig graziler, schmeichelnder als das erste. Dazwischen ein schneller Mini-Satz, man soll nie ahnen, was hinter der nächsten Ecke lauert, da mögen die Harmonien noch so zuversichtlich erscheinen. Die Unwägbarkeiten des Lebens, in eine musikalisch dichte Nussschale gepresst.

Trevor Pinnock, der ja auch schon Gustav Mahlers vierte Symphonie in ein beinahe kammermusikalisches Gewand steckte und damit durchaus überzeugte, wirkt bei Mozart noch wesentlich authentischer und treffsicherer. Die Musikerinnen und Musiker seines Akademie-Ensembles stammen aus Großbritanniens ältestem Konservatorium (gegründet 1822) und gehören schon zu Studienzeiten zur Elite der internationalen Kammermusiker. Höchste Kompetenz auf allen Plätzen also.

Gassenhauer, die Urahnen der Hits

Pinnock, 1946 in Canterbury geboren, begann seine Karriere als Experte für Originalinstrumente und begründete seinen Ruf unter anderem mit der Gründung des entsprechenden Ensembles "English Concert" im Jahre 1973. Diese Erfahrung zahlt sich bis heute aus: Die überlegene Größe der "Gran Partita" ruht bei Pinnocks Akademikern in besten Händen, sie heben das Ausnahmestück in den Holzbläser-Himmel.

Ganz anderen Umgang mit Klassik und modernerer Kammermusik pflegen die jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Vera Karner (Klarinette), Dominik Wagner (Kontrabass) und Aurelia Visovan (Klavier) greifen sich auf ihrer CD "Gassenhauer/Gassenbauer" (Berlin Classics/edel) erst mal das für Kontrabass arrangierte "Gassenhauer-Trio" von Ludwig van Beethoven, um das Motto des Albums plakativ auszubreiten - aber dann geht es in andere und weniger erforschte Gebiete. Getreu dem Motto steht aber eher Spaß als musikologische Feldforschung auf dem Programm. Dennoch liefern die Ohrwürmer aus verschiedenen Ländern ein farbiges Bild der jeweiligen Kultur: "Hauer" als Urahnen der "Hits".

Preiswürdiges Duo

Falls Sie sich immer schon einmal gefragt haben, wie ein kammermusikalischer "Radetzkymasch" wohl marschieren würde oder "Wiener Blut" in kleinem Rahmen in Wallung gerät: Bei den hier vertretenen Versionen des ukrainischen Komponisten Mark Chaet können Sie es erleben. Oder mal was anderes als das ewige g-moll-Konzert von Max Bruch: Die Kostproben aus "Acht Stücke für Klarinette, Viola und Klavier" op. 83 munden sehr ansprechend, wie auch der Rest des melodisch-attraktiven und ungewöhnlichen Programms. Noch ein kleines Juwel: die "Zwei Miniaturen" von Paul Juon (1872-1940), einem Komponisten, der ebenso eine Wiederentdeckung wert ist.

Vera Karner und Dominik Wagner beweisen, dass die Jury sie 2016 aus gutem Grund zu den Preisträgern des zweiten Fanny-Mendelssohn-Preises für junge Talente erkor. Vera Karners ebenso geschmeidiger wie kraftvoller Klarinetten-Ton besticht vor allem in den virtuosen Parts durch Präzision und nuancenreiche Klarheit, während Bassist Wagner mit rhythmischem Biss und melodiöser Fülle optimal sekundiert.

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  • Gassenhauer

    Künstler: Vera Karner, Dominik Wagner; Komponisten: Beethoven, Bruch, Breinschmid, Bottesini.

    CD; Berlin Classics (Edel); 17,99 Euro.

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  • Gran Partita

    Künstler: Royal Academy of Music Soloists Ensemble; Komponisten: Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn; Dirigent: Trevor Pinnock.

    Hybrid SACD; Naxos Deutschland; 19,99 Euro.

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