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Kammermusik: Es grünt so grün, wenn Schumanns Streicher blüh'n

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Kammermusik: Klang-Abenteuer mit Schumann Fotos
Genuin

Hinein in die kammermusikalische Achterbahn! Streichquartette waren zwar nicht die große Liebe Robert Schumanns, dennoch hat er sich einmal intensiv dieser Form gewidmet. Wie überzeugend es gelang, zeigen die neuen Aufnahmen des Amaryllis Quartetts.

Farbenlehre à la Schumann: "Green" heißt das neue Album des noch relativ jungen Amaryllis Quartetts, und es vereint scheinbar gegensätzliche Kammermusik von Robert Schumann und György Kurtág. Klar, da soll etwas erblühen! Auf jeden Fall die originellen Streichquartette Schumanns, die sich der nachdenkliche Romantiker und Musikintellektuelle 1842 abzwang. Aber die vier Amaryllis-Streicher wollen noch ein wenig mehr. Die frisch-forsche Verbindung von Romantik und Avantgarde-Intention des ungarischen Komponisten Kurtág garantiert Reibung, und in Sachen Programmatik ist es schon die dritte CD des Ensembles, die Farben, Klänge und Ideen koppelt. Kontraste als Programm. Zuvor paarten die Vier bereits Quartettmusik von Joseph Haydn und Anton Webern ("Red") sowie von Ludwig van Beethoven und Alban Berg ("White"): eine intelligente Synergie aus Repertoiregedanken und kammermusikalischer Kompetenz.

Die internationale Konkurrenz unter den kleinen Ensembles ist groß, da schadet es nichts, wenn man sich zur musikalischen Qualität noch etwas mehr einfallen lässt. Die Vier vom Amaryllis Quartett hatten Erfolg mit ihrem Konzept: Neben dem deutschen "Echo Klassik 2012" bekamen sie im Jahr zuvor innerhalb von vier Wochen gleich zwei renommierte Preise in Melbourne und Reggio Emilia. Auch dank reger Konzerttätigkeit entwickelte sich das Ensemble international kontinuierlich zu einem der gefragtesten Quartette.

Mut zu schroffen Gegensätzen

Gustav Frielinghaus (Violine und mit 35 Jahren das älteste Mitglied des Quartetts), Lena Wirth (Violine), Lena Eckels (Viola) und Yves Sandoz (Cello) gehen ihren Schumann mit selbstbewusstem Tempo in den schnellen Sätzen und Mut zu schroffen Gegensätzen an. Auf den verhalten zarten Beginn des ersten Streichquartetts op. 41 folgt ein hektisch ausgreifender, fast aggressiver zweiter Satz, der nicht nur virtuosen Zugriff erfordert, sondern auch kraftvollen Ausdruck in den Momenten des Innehaltens: Schumanns markante Tonsprache und das eruptive Temperament seiner Melodien verlangen vom Team höchste Konzentration und elastisches Gleiten. Diese Gegensätze klingen beim Amaryllis-Quartett stets überzeugend zusammen und verpassen den ungewöhnlich gebauten Schumann-Stücken dennoch eine einheitliche und schlüssige Gestalt.

Schumann komponierte seine drei Streichquartette im Jahre 1842, nachdem im Jahr zuvor seiner zweiten Sinfonie nicht der erwartete Erfolg zuteil wurde. Es war ein Kammermusik-Jahr für Schumann, denn an bedeutenden Werken entstanden außerdem nur das Klavierquartett op. 47 und das Klavierquintett op. 44. Umso stärker wirkt seine Auseinandersetzung mit der Quartettform.

Atemlos und expressiv

Der ungewöhnliche Beginn des a-Moll-Quartetts mit seiner nahezu liedhaft-erzählenden Andante-Melodie die in ein sanftes Allegro mündet, kontrastiert mit dem folgenden, in Presto gehaltenen, vom Charakter expressiven Scherzo, das atemlos rasend in ein ausbremsendes Adagio mündet, woraufhin ein abermaliges Presto das Quartett beschließt. Da wird den Musikern, aber auch dem Hörer, eine Menge emotionale Flexibilität abverlangt. Eine Art Kammer-Rollercoasterfahrt mit überraschenden Kurven und Abstürzen, die aber sicher in den Zielhafen gleiten.

Die Streicher-Miniaturen vom ungarischen Komponisten György Kurtag (Jahrgang 1926) muten dagegen wie minimalistisch konzentrierte Meditationen zu einzelnen Aspekten des Klangmediums Streichquartett an. Sein Officium Breve op. 28 bezieht sich stilistisch auf den Wiener Neutöner Anton Webern, mit dessen Ideen sich Kurtág in seinen Werken auseinandersetzt. Kurtág wandte sich nach jahrelanger Abstinenz 1989 zu Ehren des ungarischen Komponisten Andreae Szervánsky wieder der Quartettform zu und erforschte in den 15 kurzen Stücken (keines ist länger als 130 Sekunden) neue Formen der Komposition und der Klanggestaltung. Wie ein stilistischer Laborversuch, aber stets sinnlich und klangorientiert. Ein Diskurs auf der Metaebene, der aber nie akademisch ausfranst - und von Ferne mit Schumanns Exegese durchaus vergleichbar ist. Wiederum eine fruchtbare Kopplung des Amaryllis Quartetts: Sie kitzelt die Neugier auf kommende Ideen des Streicher-Vierers.


Green: String Quartets by Robert Schumann and György Kurtag. Mit dem Amaryllis Quartett; Genuin/Note 1; 21,99 Euro.

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Unpassender, reisserischer Titel!
ogonoi 01.12.2013
Als Liebhaber der Musik Schumanns finde ich den Titel mehr als fragwürdig. Was soll denn die Assoziation zu My Fair Lady?? Da will man gar nicht mehr die Rezension lesen...
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