Kammermusik Zwei wie Eis und Feuer

Patricia Kopatchinskaja und Polina Leschenko entfachen ein Fest der Gegensätze, das Piano Trio Delta meditiert mit Komponistin Lera Auerbach. Vorsicht, Hochspannung: ein knisterndes Kontrastprogramm der Höhepunkte.

Tommase Tuzj

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Es klingt, als würde sie tanzen. Wenn Patricia Kopatchinskaja Violine spielt, spürt man immer Bewegung, Wirbel und einen unwiderstehlichen Sog. Jeder, der sie im Konzert erlebt hat, kennt die Intensität, mit der die moldavische Virtuosin regelmäßig das Publikum bezaubert und auch provoziert. Nichts hält sie auf dem angestammten Solistenplatz links neben dem Dirigenten, sie spaziert ins Orchester, bewegt sich wie eine schauspielende Artistin an der Rampe, macht das Konzert, ihren Part zumindest, förmlich zu ihrem Lebensraum. Und sie interpretiert die Musik eigenwillig, extrem, sehr persönlich.

Nicht jeder Zuhörer folgt der furcht- und rücksichtslosen Geigerin in ihre Gefilde, manchmal hagelt es auch rohe Buhs wie bei ihrem Gastspiel in der Hamburger Laeiszhalle, als sie gemeinsam mit dem kongenialen Exzentriker Teodor Currentzis am Pult Beethovens Violinkonzert auseinandernahm. Ihre eigenwillige Tongebung, überraschenden Tempi und ein ungewohnter Ausdruck stellten manche Hörer auf eine harte Probe. Teodor Currentzis lächelte dazu verschmitzt, die beiden verstehen sich blind. Natürlich brachten die Publikumsreaktionen Patricia Kopatchinskaja nur zu einem spitzbübischen Lächeln und einer dadaistischen Zugabe für Geige, Stimme, Lachen und Kieksen - "speziell für alle, die Buh geschrien haben!" Frau Kopatchinskaja kann (und will!) mit dergleichen umgehen.

Sie nahmen Beethoven auseinander

So klingt die Violinsonate von Francis Poulenc (1899-1963) wie für sie komponiert. Zusammen mit ihrer Kollegin Polina Leschenko stürzt sich Kopatchinskaja in das kleine Virtuosenstück, das Poulenc 1943 für die legendäre, früh verstorbene Geigerin Ginette Neveu (1919-1949) schrieb. Inspirieren ließ er sich für diese clevere Melange von Tschaikowsky und Rachmaninow, aber auch von eigenen Werken. Poulencs stellenweise geradezu witzige Sonate bietet natürlich der Geige ein weites Terrain für virtuose Entfaltung, aber auch für spannende Dramaturgie, was Kopatchinskajas künstlerischem Naturell entgegenkommt. Das knapp gehaltene dreisätzige Werk gipfelt in einem forschen "presto tragico", in den die Violinistin noch einmal effektvoll die Ideen und den Geist der Sonate bündelt.

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Spektakuläre Technik

Wie souverän die Pianistin Polina Leschenko ihr Metier beherrscht, demonstriert sie anschließend mit der halsbrecherischen, aber eleganten Walzer-Bearbeitung von Ernst von Dohnányi (1877-1960), die aus der "Coppélia"-Vorlage von Leo Délibes eine spektakuläre technische Prüfung entwickelt. Test bestanden! Die eisklare Technik Leschenkos und das Feuer von Kopatchinskaja ergänzen sich perfekt, wie die folgende Interpretation noch einmal beweist.

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Virtuose Kammermusik: Kopatchinkskajas Können entzückt

Als finalen Höhepunkt greifen sich die beiden Maurice Ravels "Tzigane" und halten bei diesem leicht ironischen Virtuosenstück nichts zurück. Die nicht ganz klischeefreien Folklore-Elemente des solistischen Einstiegs der Geige liegen Patricia Kopatchinskaja mit ihren moldavischen Wurzeln und ihrem musikalischen Elternhaus im Blut, und in Polina Leschenko hat sie eine Schwester im Geiste gefunden. Mit Augenzwinkern und rasanter Technik nimmt das Duo alle Tücken und Hürden, und natürlich greift Kopatchinskaja sehr individuell zu. Ravel, der ja den Jazz liebte, dürfte seine Freude daran gehabt haben.

Musikalische Freundschaft

Eine ganz andere Musik schreibt die russische Komponistin und Pianistin Lera Auerbach. 1973 in Tscheljabinsk geboren, verbindet sie die Tradition spätromantischer europäischer Musik mit der atonalen Moderne - ein ehrgeiziges Programm, das die vielseitige Künstlerin überzeugend meistert. Ihre jüngste eigene Aufnahme "Arcanum", die sie als Pianistin zusammen mit der Geigerin Kim Kashkashian zeigt, erschien 2016 auf dem ECM-Label. Auch ihre Triomusik ergreift mit spröder Intensität. Das erst 2013 in Salzburg gegründete Delta Piano Trio hat sich einfühlsam mit Lera Auerbachs Musik beschäftigt, woraus eine Freundschaft mit der Komponistin erwuchs. Eine Vertrautheit, die man hört.

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Scharfes Bild im Spiegel

Gerade das namensgebende Kernstück der CD "The Mirror With Three Faces" lag den Trio-Mitgliedern Vera Kooper (Klavier), Gerard Spronk (Violine) und Irene Enzlin (Cello) besonders am Herzen. Beinahe orchestral anschwellende Parts ("First Unfolding") weben in kurzer Zeit ein dichtes Klanggeflecht, dem ein tänzerisch auftrumpfendes Intermezzo folgt. Auerbachs Stil der wechselnden Akzente und Klangfarben macht aus dem "Spiegel mit den drei Gesichtern" ein scharfes Kontrastbild zum vorangestellten Piano Trio No.1, das dafür in seiner konzentrierten Knappheit fasziniert. Die Ouvertüre der CD mit e-moll-Trio Op.67 vom Dmitrij Schostakowitsch, einem verwandten Meister der Kammermusik, darf sicher als Vorbild-Entwurf verstanden werden.

Die CD "The Mirror With Three Faces" erscheint am 23.03.2018.



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