Ballett beim Kampnagel-Festival David Bowies dunkler Stern

Die Inszenierungen von Star-Choreograf Michael Clark sind streng und lustvoll zugleich - jetzt eröffnete er das Kampnagel-Sommerfestival in Hamburg. Seine Bowie-Würdigung entfaltete eine hypnotische Kraft.

Perfomance "To A Simple, Rock'n'Roll ... Song"
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Perfomance "To A Simple, Rock'n'Roll ... Song"

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Fast war man ein wenig erleichtert, als die neue Ballett-Performance "to a simple, rock'n'roll...…song" von Michael Clark beim Bowie-Part angekommen war. Die brutalen Percussion-Hiebe seines Spätwerks "Blackstar" trieben die acht Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne der Kampnagel-Fabrik. Die perfekte Balance aus körperlicher Sinnlichkeit und strenger Choreographie, wie sie typisch für Michael Clarks Tanzkreationen sind, explodierte zu hypnotischer Kraft.

Getragen vom puristischen, weiten Bühnenlicht in kraftvollen Farben (erdacht vom alten Clark-Gefährten Charles Atlas) und in durchweg extrem geschmackvoll geschneiderten, hautengen Trikots (Stevie Stewart, Michael Clark) agierte die Kompanie des englischen Dancemasters Clark so souverän und suggestiv, wie man es gern von Anfang an erlebt hätte - denn da ging es leider etwas müde über die Bühne.

Erik Saties Klaviermusik ("Studs/Ogives") lieferte den Auftakt-Soundtrack. Strenge, knappe Akkorde, reine Tonarten, fast perkussiv gespieltes Piano mit Kraft und Ausdruck: eine asketisch-asiatische Anmutung, die entsprechend klar und präzise in wenigen Bewegungen choreografiert war. Seltsam, dass einige der Positionen und Bewegungen einzelner Tänzer aus der Truppe verruckelten und nicht sicher gestanden wurden, was den Gesamteindruck verwässerte. Gewollt? Wohl eher nicht.

        Clark-Gruppe: monochromer LSD-Rausch
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Clark-Gruppe: monochromer LSD-Rausch

Die Dramaturgie der Passagen, das Zusammenspiel von Ensemble und solistischen Parts - ein Pas-de-deux von fast klassischer Anmutung berührte am meisten - zeugte von großer Stringenz. Der Bewegungsfluss kontrastierte fruchtbar mit Saties harten Akkorden, die Konzeption Clarks passte so hautnah wie die körperengen Outfits der Tänzerinnen und Tänzer. Pure Ästhetik, von der prallen Lichtregie bis zur kargen akustischen Ausstattung, regierte die weite und leere Bühne. Spannender wurde es erst, als zum Finale die harmonischen Akkorde in Dissonanzen und atonale Verzerrungen mündeten und die heilige Aura brutal zerstörten, allzu offensichtlich und akustisch arg plakativ. Faszination stellt sich bei allem Stilwillen nicht ein.

Ganz anders der zweite Teil. Schön, dass Michael Clark sich musikalisch dem wilden Frühwerk von Patti Smith aus der "Horses"-Phase widmete, als die New-Wave-Poetin den Punk-Rap ("Piss Factory") erfand. Schwarz-weiße Rückprojektionen stürzten auf den Betrachter ein, überwältigten mit immer neuen Bilderfolgen von Zahlen und fließender, grafischer Architektur. Mal abstrakt, dann wieder fast klinisch konkret, man verlor oft den Blickkontakt zum Tanz. Eine Art monochromer LSD-Rausch aus Zahlenzauber und Trickchoreografie: Größer hätte der Kontrast zum meditativen Satie-Opening kaum sein können.

Dann Bowie zum Finale! Wie Patti Smith und Erik Satie erfuhr er eine lustvolle Behandlung, und nach der knallharten Sound-Dusche mit "Blackstar" ging es tief in Bowies Stilgeschichte mit dem abgründigen "Aladdin Sane" von 1973, dessen Piano-Girlanden von Ferne an die Klangskulpturen vom Satie-Anfang erinnerten. Eine schwarze Dame, ihr weit geschnittenes Outfit gemahnte an manche Bowie-Kreationen, durchschritt die Bühne wie ein Schattenwesen aus dem Zwischenreich, zweifellos ein Verweis auf Bowie überraschenden Tod. Dazu Bowies brüchige, klagende Stimme inmitten der wieder streng agierenden Truppe: eine bewegende Zuspitzung, wiederum befeuert durch die gelbe Hitze von Stevie Stewarts kraftvoller Lichtregie.

Hamburger Premiere: großer Beifall
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Hamburger Premiere: großer Beifall

Michael Clark, geboren in Schottland, gehört seit den Achtzigern zu den herausragenden Choreografen Europas. Seit 1984 ist er mit eigener Kompanie aktiv und erfolgreich, pflegt stets fruchtbare Zusammenarbeit mit Modedesignern, Musikern und Bildenden Künstlern. 2014 ehrte die Queen seine Arbeit und seine Verdienste um die Tanzkunst, eine Auszeichnung, die Michael Clark erst einmal verdauen musste, wie er selbst sagt. Inzwischen hat er sich allerdings erholt, seine jüngste Schöpfung "to a simple rock'n'roll...…song" hatte 2016 in Glasgow Premiere, bevor sie zu einem großen Erfolg im Londoner Barbican Centre wurde.

Am Ende seiner Hamburger Premiere gab es großen Beifall für die Clark-Truppe, die sich im Zuge der Performance enorm steigerte und vor allem durch die überzeugende Einheit von Soundregie, Licht und Tanz begeisterte. Mit einer knappen Stunde ein kurzes Vergnügen - aber dafür konzentriert und intensiv.

Weitere Termine: Hamburg 10.08. / 11.08. / 12.08., Berlin 17.08. / 18.08. / 19.08.

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