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02. Juni 2018, 11:10 Uhr

Kanye West in Wyoming

Hype und Höhenrausch

Aus Jackson Hole, Wyoming, berichtet

Kanye West lud Freunde in die Berge Wyomings, um ihnen am Lagerfeuer sein neues Album vorzuspielen. Die bizarre Show sollte ihn vom Trump-Fluch retten - und zeigte doch, was alles falsch läuft in Amerika.

Wer der Welt entkommen will, kommt nach Wyoming. Der einsamste US-Staat bietet Zuflucht vor Stress, Alltag und Politik. Die Berglandschaft und der Himmel, der dieser Region der Rocky Mountains den Namen "Big Sky" gegeben hat, lassen schnell vergessen, wer gerade im Weißen Haus twittert. Fast jedenfalls.

Unser Kleinbus rumpelt über Schotter. Ringsum eine fast surreale Kitschkulisse: Vereiste Felsgipfel zerreißen die Gewitterwolken, hoch oben grasen Steinböcke, unten warnt ein Schild: "Vorsicht Elche". Wir sind auf dem Weg zu Kanye West.

Der selbstbewussteste Rapper der Welt wollte ebenfalls der Welt entkommen. Weshalb er sich seit Monaten hier auf einem Luxusanwesen und in einem Tonstudio verkrochen hat. In dem rackert er, um zu seinen Wurzeln zurückzufinden, nachdem sein privates Drama - die Nervenzusammenbrüche, die Fehden, die verstörenden Interviews über Donald Trump - mehr Schlagzeilen gemacht hatte als seine Musik.

Der Bus hält an. "Diamond Cross Ranch" steht an einem Tor. "Privatgelände". Pferde grasen, hinter den Bergen versinkt dramatisch die Sonne. Eine Dame mit Klemmbrett fragt nach unseren "schwarzen Armbändern". Ohne Armband kein Zutritt, alles ist abgeriegelt. In den Wiesen stehen Bodyguards.

Die Fan-Basis läuft davon

Denn auch in Wyoming, wo West mit seiner Gattin Kim Kardashian, dem Reality- und Instagram-Star, ungestört über die Alm stapfen kann, lässt ihn die Welt nicht los. Woran er selber schuld ist: Wer seine "Liebe" für Trump bekundet, macht sich vor allem bei seiner afroamerikanischen Fan-Basis unbeliebt: Selbst loyale Fans kündigten West daraufhin die Gefolgschaft.

Deshalb brauchte er dringend positiven PR-Hype. Sein nächstes Album "Ye" war sowieso überfällig, und plötzlich ging es bei dem um viel mehr als nur um Rap. Es ging um Wests Reputation, und es schien sogar um ganz Amerika zu gehen. Weshalb nun auch wir in Wyoming gelandet sind.

Mehr als 200 Freunde hat West eingeladen, um ihnen das neue Album hier vorzuspielen, bevor er es dem Rest der Welt zugänglich macht. Die irre Show soll draußen am Lagerfeuer steigen, auf jener "Diamond Cross Ranch" eine Stunde nördlich von Jackson Hole, dem berühmten VIP-Domizil. Exklusiver geht's kaum.

Die Schizophrenie Amerikas

Teurer auch nicht. West fliegt sie mit Privatjets ein, aus New York, Los Angeles, Hongkong, London, Berlin, und er hat die besten Hotels im Umkreis gebucht und ein paar Chalets. Hier offenbart sich die Schizophrenie der Szene - und die von ganz Amerika: Die Millionen, die sie verdienen, indem sie über Armut rappen, fließen selten in gemeinnützige Zwecke, sondern eher in eigennützige.

In New York muss kurzfristig ein zweiter Flieger her, da mehr Gäste kommen als gedacht: Rapper, Produzenten, Manager, YouTuber, Social-Media-"Influencer". Manche haben erst Stunden zuvor von ihrem Glück erfahren. Über einen roten Miniteppich geht's in den "Executive Jet" mit sanften First-Class-Ledersesseln. Die Stewardessen sind unbeeindruckt vom Ansturm der Street-Kultur in der Kabine. Neulich, sagen sie, hätten sie U2 geflogen.

Nach der Landung in Jackson Hole zerren die Gäste ihre Louis-Vuitton-Koffer übers Rollfeld und steigen in den Shuttlebus, ohne von ihren Smartphones hochzuschauen. Die Höhenluft macht viele atemlos, der Ort liegt 2000 Meter über dem Meeresspiegel. "Hey!", ruft jemand, "habt ihr hier Uber?"

Rippchen zwischen Heuballen

Kurze Pause im Hotel, dann zur Ranch - die sich als Event-Space entpuppt. In der Scheune gibt's Rippchen zwischen Heuballen, draußen brennen die Feuer. Überall stolpern Kamerateams herum, sie dokumentieren den Aufmarsch für Wests Label und Kardashians unendliche Realityshow, "Keeping Up with the Kardashians".

Die meisten hier sind sowieso mit West oder der Show verbandelt. Die Rapper kollaborieren alle mit West. Der Hipster an der Bar ist Scott Disick, dessen Beziehung zu Kims Schwester Kourtney mehrere Staffeln der Sendung beschäftigte. Wests Ex-Manager Scooter Braun steht mit Eminems Partner Paul Rosenberg zusammen. Eminem selbst - der bekanntlich eine ganz andere Meinung zu Trump hat als West - fehlt.

Dafür mischt sich Candace Owens unter die Leute. Die konservative schwarze Kommentatorin liebt Trump, wofür West sie toll findet. "Warum darf man nicht sagen, dass man Trump liebt?", murrt sie, in der Scheune darauf angesprochen. Eine, die von Owens Abstand hält, ist Kim Kardashian. In Stöckelschuhen stakst sie durchs Sägemehl und posiert für Bilder, für die einen ihr Bodyguard zugleich anschnauzt: "Keine Fotos!" Ron, ein Einheimischer, der mithalf, das Soundsystem aufzubauen, staunt: "Wir sehen ja oft Promis, aber noch nie auf diesem Level."

"Hey, hier sind so viele Niggas!"

Doch das wahre Hollywood bleibt fern, selbst wenn die Blogs seine Gegenwart proklamieren. Die einzigen Namen mit etwas Klang sind der Schauspieler Jonah Hill, jungenhaft staunend, und Comedian Chris Rock, ein alter Freund Wests.

Als es dunkel wird, strömen alle zum Lagerfeuer, das mitten auf der Wiese für die Kameras von Scheinwerfern angestrahlt ist. Chris Rock klettert auf eine Kiste. "Ich habe einen Elch gesehen!", kalauert er. "Und der Elch sagte, hey, hier sind so viele Niggas!"

Dann wird er philosophisch: "Rapmusik, Hip-Hop-Musik, ist die erste Kunstform, die von freien Schwarzen geschaffen wurde. Und kein Schwarzer hat seine Freiheiten mehr ausgenutzt als Kanye West." Es klingt wie eine Verteidigung Wests - und zugleich ein Seitenhieb auf seine nicht gerade hilfreiche Haltung.

West drängt sich ans Feuer. "Göttliche Erkenntnis ist auferstanden", steht hinten auf seinem T-Shirt. Die sieben Tracks des Albums dröhnen aus den Boxen. Die Leute wogen und wippen um die Flammen, halten ihre Handys hoch, schließlich sind sie deswegen hier. Mittendrin West und seine Freunde, überragt von 2 Chainz, einem Hünen mit Dauergrinsen. Der Qualm der Flammen vermischt sich mit anderen, betörenderen Dünsten.

Die Tracks - je zweimal abgespielt - handeln von Selbstmord und Depressionen, Untreue und Drogen, West rappt über Trump, Stormy Daniels, #MeToo. Große Themen, die aber irgendwie klein wirken, wie ein Ego-Trip des Gastgebers vor versammelter Mannschaft. Nach einer Stunde ist alles vorbei. "Wir müssen leise zu den Autos gehen", scheucht ein Ansager die Gäste vom Feld. "Wir lieben euch alle, und Gott segne euch."

Die Afterparty findet im Ort statt, in der "Million Dollar Cowboy Bar", einem alten Saloon. Doch da liegen viele schon im Bett. Der Jet zurück startet am Morgen.

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