Kultur

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Neues Kanye-West-Album

Wild, wild West

Das mit größter (An-)Spannung erwartete Rap-Album des Jahres ist da: Kanye West thematisiert auf "Ye" seine umstrittenen Äußerungen zur Sklaverei - und beschäftigt sich mit seiner bipolaren Störung. What a mess!

Von

Getty/ The Meadows

Kanye West (2016 bei einem Auftritt in Queens, New York)

Freitag, 01.06.2018   20:13 Uhr

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Wyoming, wo sonst? In der Nacht zu Freitag stellte Kanye West, 40, einer per Privatjet eingeflogenen Hundertschaft Journalisten sein achtes Album "Ye" vor - bei einer Lagerfeuersession im Sonnenuntergang vor Heartland-Wiesenkulisse. (Unser Reporter Marc Pitzke war dabei.)

Nur sieben Songs in knapp 23 Minuten umfasst "Ye". Es sollte am Nachmittag auf den üblichen Streamingplattformen veröffentlicht werden. Seit Wests letztes Studioalbum "The Life Of Pablo" 2016 erschien, ist viel passiert: Der Musiker mutierte vom größenwahnsinnigsten Hip-Hop-Genie zum kontroversesten US-Rapper. Seine Tournee brach er ab, nachdem er gesagt hatte, er habe bei der US-Wahl Donald Trump gewählt - und die öffentliche Reaktion von anfänglicher Verdutztheit in einen veritablen Shitstorm umschlug. Danach ließ er sich mit psychischen Problemen und Erschöpfungszuständen in eine Klinik einweisen und meldete sich von Twitter ab: Funkstille.

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Bis vor ein paar Wochen zumindest. Plötzlich war West wieder da, kündigte fünf über den Sommer verteilte Alben seines Labels G.O.O.D. Music an (darunter das jüngst erschienene Comeback von Pusha T und sein eigenes), bekräftigte seine "Liebe" zu Trump und empörte alle Welt mit seiner Aussage über die Versklavung der Afroamerikaner: "400 Jahre? Das klingt für mich wie selbst gewählt". Der Präsident fand die Begeisterung eines schwarzen Rappers für seine Person "cool" und lud gleich mal dessen notorisch bekannte Gattin Kim Kardashian ins Weiße Haus ein.

Und Kanye selbst? Nahm mal wieder die Rolle des falsch verstandenen Hochbegabten ein, setzte sich provokant ein sogenanntes MAGA-Käppi auf (das rote aus der Trump-Kampagne "Make America Great Again") und verteidigte sein Skandalstatement im Song "Ye vs. The People" als Äußerungen eines Freigeistes, der sich nicht mental versklaven lassen will.

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Sollte heißen: Wer sagt, dass jeder Schwarze oder Künstler automatisch die Demokraten wählen muss? "Be careful who you callin' crazy", rappt er auf Pusha Ts Album in einem Gastfeature. Und nun also "Ye", das mit größtmöglicher (An-)Spannung erwartete Rap-Album des Jahres.

Musikalisch ist "Ye" kein so großer Wurf wie die herausragenden Alben "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" oder "Yeezus". Selbst auf Pusha Ts "Daytona" ließ West seine Produzentenskills eindrucksvoller spielen als hier. Dafür legt er den Fokus auf die Lyrics, in denen er - natürlich - um sich selbst und seine komplizierte Psyche kreist. Das Albumcover zeigt die Berglandschaft Wyomings (ein iPhone-Foto) und die Inschrift: "I hate being Bi-Polar it's awesome". Zu den Feature-Gästen gehören unter anderem Kid Cudi, Ty Dolla Sign und Nicki Minaj.

Suizidales, Sex und Suchtgefahr

"Today I thought about killing you", rappt er im ersten Stück, das "Ye" mit einem Schocker im modernen Trap-Stil eröffnet: "Sometimes I think really bad things", aber die müssten eben auch mal raus, egal, was die Medien sagen: Just say it out loud, just to see how it feels/ Weigh all the options, nothing's off the table." Eigentlich geht es aber um Suizidgedanken: "And I think about killing myself, and I love myself way more than I love you, so..."

Ebenso selbstbewusst depressiv geht es in "Yikes" weiter, das sich mit Wests anscheinend exzessivem Betäubungsmittelkonsum beschäftigt. Prince und Michael Jackson kommen auch darin vor, deren Drogentod beschreibt er als Warnung, nicht die Kontrolle zu verlieren: "Sometimes I scare myself/ Shit can get menacin', frightenin', find help." Eine Zeile zum wegen sexueller Belästigung angeklagten Hip-Hop-Produzent Russell Simmons findet sich auch in dem zerfaserten Stück: "Russell Simmons wanna pray for me too/ I'ma pray for him 'cause he got #MeToo'd."

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"Ye"-Covermotiv

Das Thema Frauen und Sex ist neben Wests Kopfchaos nämlich das zweite große Thema auf "Ye": In "All Mine" geht es um Seitensprünge, die man als Mann kaum vermeiden könne, wenn erst mal die Säfte fließen (das ist so ungefähr das Metaphernniveau in dem Track). West prahlt, er könne jede haben, auch einen von Trump abgelegten Pornostar, klar: "I could have Naomi Campbell/ And still might want me a Stormy Daniels", rappt er.

In der Soulballade "Wouldn't Leave" besinnt er sich noch einmal auf seine Sklaverei-Einlassung: "I said, 'Slavery a choice.' They say, 'How, Ye?'/ Just imagine if they caught me on a wild day." Hätte also sogar noch schlimmer kommen können, wenn man ihn an einem schlechten Tag erwischt hätte. Man nennt das wohl unapologetisch.

Wie vor zehn Jahren "808 & Heartbreak" ist "Ye" ein sehr intimes Album, das diesmal auch dazu dient, Ehefrau Kim mehrfach zu versichern, dass ihr Gatte zwar ein schwieriger Typ ist, sie aber abgöttisch liebt: "Make no mistake/ Girl, I still love you." Und wenn's um das eigene, irgendwann erwachsene Töchterchen geht, räumt West in "Violent Crimes" ein, ist's vorbei mit dem Verständnis für Übergriffe: "Niggas is savage, niggas is Monsters (...) 'Til niggas have daughters."

Höhepunkt des Albums ist "Ghost Town", das Gitarren-Feature stammt von Tame Impalas Kevin Parker und Gesangsunterstützung kommt von John Legend und Newcomerin 070 Shake. In dem einzigen epischen Stück des Albums transzendiert West Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter und beschreibt seine Suche nach Frieden und Liebe, allerdings auch hier mit einem Twist ins Abgründige: "I put my hand on the stove, to see if I still bleed/ Yeah, and nothing hurts anymore, I feel kinda free."

Egozentrisch, manisch-depressiv, opioidsüchtig und ein bisschen paranoid: Sage niemand, Kanye West könnte Amerikas allgemeinen Seelenzustand nicht kongenial, kurz und kompetent auf den Punkt bringen. Yeezus, what a mess.

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