Rap-Querschläger Kanye West Verrückt, aber nicht irre

Von allen guten Geistern verlassen? US-Rapper Kanye West provoziert mit Trump-Sympathie und macht Konzerte zu wirren Polit-Kundgebungen. Was wie künstlerischer Selbstmord wirkt, könnte im Kulturkampf der richtige Weg sein.

AP

Von


Es geht um die "Vibes". Es geht um die Schwingungen, die das Land verändert haben und zur Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten der USA geführt haben. Kanye West hat diese Stimmungen aufgenommen. Wer wie der 39-Jährige einer der prominentesten und exponiertesten Künstler der Hip-Hop-Szene ist, der muss auf solche Schwingungen reagieren - auf seine ganz eigene Art.

"The vibes are back", diesen Satz wiederholt Kanye West am vergangenen Samstag in Sacramento immer wieder. Nach 30 Minuten bricht er das Konzert seiner "Saint Pablo"-Tournee ab ("Stop it, stop it"), um sich mit einer teils erratischen, teils pointierten Wutrede an sein Publikum zu wenden. Es geht erst einmal auch um persönliche Befindlichkeiten des Narzissten West. Es geht um die Radiosender, die zu viel Drake spielen, aber nicht genug von Wests Kumpels Frank Ocean und Kid Cudi, es geht um seine verletzten Gefühle gegenüber Beyoncé und Jay-Z, denen er Karrierekalkül im Zusammenhang mit der Vergabe der MTV Music Awards vorwirft, und es geht um Mark Zuckerberg, der in die Pläne des angeblich hochverschuldeten Musikers und Modedesigners keine Milliarde Dollar investieren wollte. Aber es geht auch um mehr.

Zwei Tage zuvor hatte West bereits sein Konzert in San Jose immer wieder für lange politische Statements unterbrochen. Er sagte, er habe nicht gewählt, aber wenn, dann hätte er seine Stimme Donald Trump gegeben. Laute Buhrufe folgten.

Seitdem gilt West, Spitzname Yeezus, bei dem irrationales Verhalten längst zu seinem Image als verrücktem Genie gehört, als von endgültig allen guten Geistern verlassen. Denn gerade in der Black Community Amerikas ist es ein unausgesprochenes Gesetz, gegen den offen rassistisch und minderheitenfeindlich tönenden Trump zu sein. Zahlreiche prominente Musiker der Szene, darunter Beyoncé, Common und Alicia Keys, hatten sich vor der Wahl für Hillary Clinton stark gemacht, und damit für das als liberal, weltoffen und aufgeklärt geltende Amerika. Auch Kanye West hat Clintons Kampagne, wie zuvor Obamas, mit teils hohen Spendensummen unterstützt.

Natürlich muss er sich zum Märtyrer machen

Warum nun sein schockierender, erratisch wirkender Schwenk in Richtung Trump? In San Jose erklärte West, dass dies nicht bedeute, dass er nicht mehr an die Initiative Black Lives Matter glaube, oder an Frauenrechte und gleichgeschlechtliche Ehe. Außerdem sei ihm bewusst, dass ihn öffentliche Sympathiebekundungen für Trump seine Karriere kosten könnten, weil es sich eben in seinen Kreisen nicht gehöre, nicht für die Demokraten zu sein. Sein Manager, seine Assistenten, alle hätten ihn gewarnt: "Don't say that out loud". Aber natürlich kann ein Künstler, der Rapper für die Philosophen des 21. Jahrhunderts hält und sich selbst gerne mit Heiligen und Jesus vergleicht, nicht anders, als sich zum Märtyrer zu machen.

Sich unbequem zu machen, die Regeln zu brechen, das gehört von Anfang an zur Karriere Kanye Wests. Er hat sich einen Platz im Rap-Genre erkämpft, durch großes Können und eine noch größere Klappe - als Kind eines ehemaligen Black-Panther-Aktivisten und einer Englisch-Professorin, ohne als Mittelstands-Kid auf eine genrekonforme Ghetto- oder Gangster-Biografie zurückgreifen zu können. Als Außenseiter musste er schon immer lauter und frecher sein als die anderen, um sich Gehör zu verschaffen.

Fotostrecke

10  Bilder
Kanye West: Rap-Außenseiter mit Gott-Komplex

Außenseitertum erzeugt aber auch Unsicherheiten, sodass man zu dem Schluss kommen könnte, dass Wests übersteigertes Selbstbewusstsein bis hin zu Gott-Komplex und nächtlichen Twitter-Tiraden à la Trump auch Ausdruck einer Überkompensation eines Nichtdazugehörens ist: Ein quer denkender Künstler, der auf direkte, unverstellte und politisch unkorrekte Art versucht, zu kommunizieren.

"I'm on my Trump shit tonight"

So passt es auch ins Bild, wenn West sich am vergangenen Donnerstag vor allem von Trumps politischer Außenseiterrolle fasziniert zeigt - und dessen gegen jede politische Norm strebende Art der Rhetorik als wahrhaft "futuristisch" und "voller Möglichkeiten" lobt. Sein Publikum beschwört er, sich zu dem zu bekennen, was es wirklich glaubt ("Tell me what you really believe") und sich nicht von Correctness-Codes beeindrucken zu lassen. Wer den "alten Modellen" folge und sich nur in den von Facebook und Google erzeugten Filterblasen belügen lasse, dem werde es ergehen wie Hillary Clinton.

Im Fluss dieser wirren, impulsiven Rants ("I'm on my Trump shit tonight") sagt West auch sehr dumme Dinge. Den Afroamerikanern ruft er in San Jose zu, dass sie aufhören sollen, sich nur auf Rassismus zu fokussieren. Das bringe nichts: "Wir leben nun einmal in einer rassistischen Welt". Niemand, auch keiner der Präsidentschaftskandidaten hätte die Macht, daran etwas zu ändern. Das klingt befremdlich aus dem Mund eines Künstlers, der einst nach der Flutkatastrophe in New Orleans anklagend verkündete: "George Bush doesn't care about black people". Zumindest aber, so West vergangene Woche, würden sich Rassisten jetzt als solche outen. Das sei der Beginn eines nötigen Wandels.

Das Publikum quittierte Wests Redefluss bei beiden Konzerten mit lauten Pfiffen und Rufen, er solle entweder die Klappe halten oder weiterspielen. Das ist angesichts hoher Ticketpreise verständlich. Doch verlangen politisch aufgewühlte Zeiten wie diese nicht gerade nach Künstlern, die den Dialog mit ihrem Publikum suchen? Man kann Kanye West vieles vorwerfen, Ignoranz und Zynismus sicher nicht. "The Show must go on", dieser ewige Satz der Branche gilt für West zurzeit anscheinend nicht.

Zutiefst liberale Botschaft

West wählt damit erneut den Weg des Außenseiters. Andere schwarze Musikkünstler, von Kendrick Lamar über Solange Knowles bis zuletzt A Tribe Called Quest, wandten sich in den vergangenen Monaten mit alarmierten, politisch aufgeladenen Alben an ihr Publikum. Es sind wichtige, sehr starke Statements, die aber möglicherweise nur innerhalb ihrer eigenen Echokammer Resonanz finden, preaching to the already converted. West scheint nun mit seiner Anerkennung Trumps auch denjenigen ein Angebot zu machen, die zu jener verunsicherten Masse im Herzen Amerikas gehören, von denen sich der linksprogressive Kanon ganz offenbar entfremdet hat.

West outet sich, hört man sich die Mitschnitte genau an (Transkripte gibt eshier und hier), nicht wirklich als Trump-Anhänger. Die Aussage, dass er ihn gewählt hätte, garantiert ihm lediglich die breiteste Aufmerksamkeit in den Medien, das dürfte er als Medien- und Inszenierungsprofi genau gewusst haben. Dahinter verbirgt sich eine Botschaft gegen linke Denkverbote und das Festhalten an Dogmen, die, zumindest nach europäischer Lesart des Begriffs, zutiefst liberal ist. Es ist eine - leidenschaftliche und nicht immer kohärent argumentierte - Aufforderung, das, was gerade im Land passiert, zu erkennen und darüber zu reden - und zwar über Fronten und verfeindete Lager hinweg.

Einen so konträren Weg zu gehen, ist anstrengend. Anfang der Woche wurde West in die psychiatrische Abteilung des UCLA Medical Centers eingewiesen, "zur Sicherung seiner eigenen Sicherheit und Gesundheit", wie es hieß. Der Rest der Konzertreise wurde abgesagt. Offenbar leidet der Rapper, der seit vergangenem Jahr an der Fertigstellung seines Albums "The Life Of Pablo" und seiner Modekollektion gearbeitet hatte und nun bereits seit Wochen auf Tournee ist, an Übermüdung, Schlafentzug und Erschöpfungszuständen. Ein Zustand, der wie stellvertretend für den zerrütteten Zustand des Landes und seiner Bürger nach dem verheerenden Wahlkampf und seinem verstörenden Ausgang erscheint. Möge es ihm - und Amerika - bald besser gehen.

insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Becks0815 24.11.2016
1. Passend zum Datum
Das "Genie" "singt", für einmal ohne Playback und anderem Kram, Mama. Können wir nicht tauschen? Wir nehmen Freddie zurück, im Tausch gegen das Genie, und wenn das Angebot nicht reicht legen wir das Biberli noch oben drauf, gerne garniert mit der Miley.
alexanderschulze 24.11.2016
2. Der Typ ist wahnsinnig,
aber das Album "My beautiful dark twisted fantasy" ist das beste HipHop-Album aller Zeiten. Davor war von ihm nur Müll, und danach auch.
hotgorn 24.11.2016
3.
Heute konnte man auch lesen das Herr West 30 Millionen Dollar von einer Versicherung erhält falls er psychisch krank ist. Herr West muss sich nun mit einem anderen Dilemma herumschlagen nämlich der Schuld ich habe schon ein Schuldgefühl da meiner Versicherung ca. 400.000 Euro ausschütten wird.
ausknipser 24.11.2016
4. mit 2 massen messen
da wird wieder einmal viel zu viel reininterpretiert vom verfasser. ein weniger materiell bemittelter mensch kommt für so ein verhalten in die klapsmühle.
catster 24.11.2016
5. Genie?
Der Typ sollte vielleicht einen Tick weniger aufputschrnde Drogen nehmen, dann würde er sich nicht für gottgleich halten, so einen Schwachsinn reden und gesünder für den Körper ist es auf Dauer auch...ähnliches beobachten wir allwochenendlich in unserer Notaufnahme, aber die wenigsten haben die finanziellen Ressourcen des Kardashian - Clan - Anhängsels und halten so lange durch. ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.