Neues Album von Kate Tempest Die Welt steht in Flammen

Ihre Kreativität kennt keine Grenzen: Das neue Album "Let Them Eat Chaos" der britischen Rapperin Kate Tempest ist sprachlich so virtuos wie ihr Debüt, musikalisch aber noch reizvoller.

Kate Tempest
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Kate Tempest

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Schlaf sei das neue Must-have, schrieb der "Guardian" kürzlich. Da die Rapperin, Lyrikerin und Autorin Kate Tempest immer auf der Seite der Have-nots steht, ist es nur passend, wem sie sich auf ihrem neuen Album widmet: den Schlaflosen.

Es ist 4.18 Uhr in einer Straße ohne Namen irgendwo in London, und sieben Bewohner dieser Straße können nicht schlafen. Sie heißen Gemma, Esther, Alicia, Pete, Bradley, Zoe und Pious, sie sind Pflegerinnen, Arbeitslose, PR-Heinis, und sie werden wachgehalten von Angst, Alkohol, Überarbeitung. Selbst die, die finanziell ausgesorgt haben, mögen sich den nächsten Morgen nicht vorstellen. "Meine Zukunft sieht rosig aus, aber meine Vergangenheit will mir an den Kragen", heißt es in "Ketamine for Breakfast", Gemmas Song.

"Hinter mir liegen einige Jahre voller Debüts", sagt Kate Tempest beim Interview Ende Mai in Berlin. Tempest ist in der Stadt, um ihren ersten Roman "Worauf du dich verlassen kannst" vorzustellen. Er ist die literarische Aufbereitung des Stoffs, den sie bereits in ihrem gefeierten Debütalbum "Everybody Down" von 2014 in Songform präsentiert hat. Einige Tage später erscheint auch ihre erste Gedichtsammlung "Hold Your Own" auf Deutsch.

"Ich habe versucht, mir mit den verschiedenen Projekten ein Fundament zu legen, damit die nächsten Arbeiten, das nächste Jahrzehnt an Arbeiten auf starken Strukturen aufbauen können", sagt Tempest. "Der Roman markiert das Ende von etwas sehr Bedeutsamem, das sich über sehr lange Zeit in meinem Leben vollzogen hat, sowohl auf persönlicher als auch künstlerischer Ebene. Jetzt habe ich neuen Sauerstoff in Hirn."

Werkzyklus ist ein strenges Wort, eines, das man eher mit klassischer Musik oder Malerei verbinden würde. Aber bei keiner zeitgenössischen Künstlerin könnte es besser passen als bei Tempest. Mit einer Weitsicht, der trotzdem nichts Kalkuliertes anhaftet, hat sie ihr Schaffen über mehrere Jahre und die verschiedenen kreativen Sparten hinweg getaktet. Im Januar erscheinen die Texte von "Let Them Eat Chaos", aneinandergereiht zum langen Gedicht, in Buchform, danach stehen ein neues Theaterstück, eine neue Gedichtsammlung und dann auch schon das nächste Album an.

Im Video: Der Clip zu "Europe Is Lost" von Kate Tempest

"Es scheint sich eine Art von Unwohlsein breitzumachen, sobald man feststellt, dass ein Künstler zu mehr fähig ist, als man zunächst dachte", sagt Tempest über ihre Erfahrungen damit, wie Leute auf das erste Bündel ihrer Arbeiten reagiert haben. "Für mich ist das Ausdruck der Warenförmigkeit von Kunst - es geht nur darum, in welche Abteilung im Laden man was stecken kann, damit es die Leute finden und kaufen können."

Europa ist verloren

Bei aller Virtuosität, die Tempest über die verschiedenen Medien hinweg erreicht hat, ist es dennoch der Live-Auftritt, die Performance, bei der sich ihre Begabung am stärksten bemerkbar macht. Wie schon im Interview zeigt sich Tempest später bei der Buchvorstellung in der Berliner Konzert-Location Lido als wache und sympathische, aber nicht notwendigerweise ergiebige Gesprächspartnerin. Sie bemüht sich sichtlich, sich auf die Runde mit Moderatorin und Schauspielerin, die aus der deutschen Übersetzung liest, einzulassen. Doch erst als sie beginnt, den furios-atemlosen Prolog aus "Worauf du dich verlassen kannst" vorzutragen, wird Tempests elektrisierende Energie spürbar.

Sie braucht die Bühne als überhöhten Raum für ihre bildhafte Sprache und ihren einzigartigen Vortragsduktus. Sie arbeitet mit Kunstpausen und Emphase; oft klingt es, als würde sie einem Echo nachhorchen, von noch größeren Räumen produziert als von den eh schon großen Theater- und Konzerthallen, die sie mittlerweile füllt. Wären ihre Themen und Stilmittel nicht so zugänglich, müsste man diesen Modus majestätisch nennen.

Auf ihrem Debütalbum "Everybody Down" hatte das manchmal die Musik an den Rand gedrückt. Bei "Let Them Eat Chaos" hat sich das Verhältnis von Sprache und Musik merklich gewandelt. Bereits der Track "Europe Is Lost", im November 2015 veröffentlicht, funktionierte mit seiner kratzenden Gitarre und seinem eingängigen Industrial-Beat als Single. An diese Qualitäten schließen nun Songs wie das The-Streets-artige "Whoops" und die sehnsüchtige slow jam "Grubby" an.

Vom Weltall ins Schlafzimmer

"Als mein Produzent Dan Carney und ich 'Everybody Down' machen, kannten wir uns nicht besonders gut", erzählt Tempest bei einem zweiten Gespräch Ende August am Telefon, als "Let Them Eat Chaos" fertig ist. Die lange Tournee, die sich an das Debütalbum anschloss, hätte Carney und sie jedoch nähergebracht. "Unsere Denkweisen haben angefangen, sich zu synchronisieren. Dan versteht wahrscheinlich besser als ich, wie der künstlerische Prozess bei mir funktioniert - und ich verstehe es besser als er, wie es bei ihm funktioniert. Dan weiß einfach, dass ich manchmal 30 Minuten lang Freestyle-Krams raushauen muss, von dem er dann vielleicht nur zwei Minuten gebrauchen kann."

Dass die Musik auf "Let Them Eat Chaos" besser funktioniert und die Songs eigenständiger sind, liegt auch an der veränderten Struktur des Albums. In "Everybody Down" erzählte Tempest noch über alle zwölf Tracks hinweg die Geschichte von Pete, Becky und Harry. Auf "Let Them Eat Chaos" machen den Großteil der Songs nun Einzelporträts der Schlaflosen aus. Eine Haustür geht auf, dann steht Tempest auch schon im Schlafzimmer von Bradley, Pious oder Gemma und schaut mit ihnen nervös auf die Uhr, die immer 4.18 Uhr anzeigt.

Diese Art des sprachlichen Zooms durchzieht das gesamte Album. Es beginnt buchstäblich mit einer Aufsicht auf die Welt, dann stellt Tempest den Fokus immer enger, bis er auf dieser einen Straße in London liegt, in der die sieben Hauptfiguren wohnen, aber nichts voneinander wissen. Falls die Songs nicht schon klarmachen, welche Sicht Tempest auf die Welt hat, verdeutlicht es das Cover: Der Erdball ist in Schwarz-Weiß abgebildet, eine Hälfte davon ist eine Stadt. Sie steht in Flammen.

So stark sich ihre Alben erzählerisch unterscheiden, haben sie doch eine inhaltliche Überschneidung: Pete. Der Arbeitslose, der auf "Everybody Down" nichts mit seinen Talenten anzufangen weiß und mit seiner Eifersucht seine Freundin vergrault - und der in der Romanfassung der Story auch noch Liebeskonkurrenz von der eigenen Schwester bekommt. Jetzt ist er wieder allein und hat sein Drogenproblem noch weniger im Griff als zuvor. "Ach, Pete, der arme Tropf", sagt Tempest lachend am Telefon. Dann schiebt sie ernsthafter hinterher: "Pete liegt mir sehr am Herzen. Ich hoffe, dass er doch noch ein wenig Frieden findet."

Ob ihm das gelingt? Am Ende von "Let Them Eat Chaos", im vorletzten Song "Breaks", bricht ein gewaltiger Sturm aus, ein Ungewitter, das die Verhältnisse erschüttert, das Herrschaft infrage stellt - und das ihre Protagonisten auf die Straße ohne Namen treibt, "sieben gebrochene Herzen, sieben leere Gesichter". Sie sehen sich in die Augen, rufen sich ihre Verblüffung über die entfesselten Naturgewalten zu. Vielleicht erkennen sie, wie ähnlich sie sich sind, in ihrer Schlaflosigkeit, in ihrer Menschlichkeit.

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"Let Them Eat Chaos" ist am 7. Oktober bei Fiction/Caroline International erschienen

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Axel Schön 09.10.2016
1. flashback
irgendwie erinnert mich der Sprechgesang von Kate Tempest doch auch an den von Ann Clark, auch der Druck, der offenbar dahinter steht - es muss irgendwie raus, beide authentisch, irgendwie düster und sehr auf die Sprache, die Poesie konzentriert. Elektronisch kommen beide daher - sicher sehr unterschiedlich - andere Zeit halt, aber ich sehe eine deutliche Verwandschaft, die seltsamerweise in keiner Veröffentlichung Erwähnung findet..
Paul Lenz 09.10.2016
2. Ihre Kreativität kennt keine Grenzen...?
Habe gerade mal kurz in "Europe Is Lost" reingehört. Wenn ich von diesem Titel auf alle anderen schließen kann, dann hat ihre Kreativität sehr wohl Grenzen: die sie von Melodiösität und Gesang trennen. Ohne diese Grenze könnte man den Begriff "Titel" durch "Lied" ersetzen.
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