"Katrina" und die Musik "Wir tanzen, während wir weinen"

Von Jonathan Fischer

2. Teil: New Orleans: Kreativität gegen die Katastrophe


Was aber bedeutet "Katrina" für die Musik aus New Orleans? Irvin Mayfield erinnert in diesem Zusammenhang gerne an Mahalia Jackson oder Louis Armstrong. Alchimisten, die in New Orleans einen kollektiven Schmerz in ekstatische Musik umgesetzt haben, den Blues zum Tanzen brachten und das Elend zum Rocken und Rollen. In diesem Geist hat Irvin Mayfield "All The Saints" geschrieben: Eine Jazz-Suite, die der Trompeter mit seinem 17-köpfigen Orchester vergangenen November in der örtlichen Christ Church Cathedral uraufgeführt hat: "Der Jazz kann uns heilen", hatte Mayfield von der Kanzel gepredigt. Und dass es keine bessere Medizin als eine Beerdigungsfeier gebe. Da wusste er noch nichts von der sehr persönlichen Wahrheit, die in seinen Worten steckte: "Ich hatte die Komposition meinem als vermisst gemeldeten Vater gewidmet. Inzwischen wurde sein Leichnam geborgen – er ertrank während 'Katrina'."

Alltäglich historisch

New Orleans hat eine hohe Kultur der Trauer und der Erinnerung entwickelt. Man sieht es an den prächtigen, Tausende von Dollars teuren Kostümen der Mardi-Gras-Indianer. Oder den vielen jugendlichen Brassbands, die seit den achtziger Jahren die Funeral Marches ihrer Urväter mit Fernseh-Melodien, Funk-Klassikern und HipHop-Rhythmen aufmotzen. "Jedermann", sagt Irvin Mayfield, "ist doch hier auf irgendeine Weise Künstler. Entweder kochst, singst oder tanzt du. Frag einmal im Treme-Viertel – dem afroamerikanischen Herz von New Orleans - nach einem Tubaspieler, und es werden sich Achtjährige melden, die Songs von 1920 auf dem Kasten haben." Anderswo in Amerika würden sich bestenfalls die Mitglieder der High Society mit der Musikhistorie auskennen, nicht aber in New Orleans: "Du kannst bei uns in den Projects Typen mit Gold-verblendeten Zähnen und HipHop-Klamotten finden, die jede Zeile von Louis Armstrong rezitieren können. Und alle Songs von Jelly Roll Morton dazu. Das ist der Teil unserer Kultur, den die Touristen niemals zu Gesicht bekommen."

Einigen lokalen Musikern wie Allen Toussaint hat ironischerweise gerade die Katastrophe ein Comeback beschert. "Gut, ich habe mein Hausinventar mitsamt dem Flügel verloren. Von den Seasaint-Studios sind nur ein paar modrige Räume, Stapel verrotteter Tapes und Elektroschrott zurückgeblieben. Aber sollen wir deswegen aufhören, Musik zu machen?" Der 68-jährige Soulveteran beließ es nicht bei einem Benefiz-Beitrag. Toussaint, der seit den späten fünfziger Jahren als Pianist, Songwriter und Produzent den New Orleans Soul geprägt hatte, spielte in nur einer Woche mit seinem Freund Elvis Costello "The River In Reverse" ein. Mehr noch als Costellos "Katrina"-Anklagen wie "Broken Promise Land" oder "The River In Reverse" beeindrucken dabei die Neueinspielungen ausgesuchter Toussaint-Klassiker.

Tatsächlich lassen sich Toussaints Melodrama "On Your Way Down" ("The same people you misuse on your way up/ you might meet on your way down"), die Tanznummer "Tears, Tears And More Tears" und der rohe Funk von "Who's Gonna Help Brother Get Further" heute wie ein Kommentar zu "Katrina" lesen. Ein 30 Jahre alter Song wie "Freedom For The Stallion" ("They got men making laws/ that destroy other men") könnte gut den ausgesperrten Projects-Rückkehrern als Protesthymne dienen. "Wir tanzen, während wir weinen", erklärt Toussaint das alte zeitlose Thema jeder New-Orleans-Musik. "Einige meiner Songs waren kaum politisch gedacht – wie etwa 'It's Raining'. Aber als Irma Thomas ihn beim Jazzfest intonierte, nahm er eine ganz neue Bedeutung an."

Comeback im Zeichen der Trauer

Die Depression hat den überlieferten Rhythm'n'Blues wieder so nahe an den Herzschlag der Stadt gerückt wie lange nicht mehr. Auch Irma Thomas kann davon ein Lied singen. Ihr "Lion's Den"-Club wurde überflutet, sie flüchtete zu Freunden in Baton Rouge. Schon Wochen später spielte sie eines der bewegendsten Alben ihrer Karriere ein. Ob Stevie Wonders "Shelter In The Rain" oder Nina Simones "I Wish I Knew How It Would Feel To Be Free": Irma Thomas verleiht ihren Songs eine Dringlichkeit, wie sie einst die Betrugsballaden des Southern Soul beseelten. Nur dass der Schmerz diesmal nicht von Mr. Untreu, sondern von einer viel älteren und größeren Wunde herrührt: "Wer ahnte vor 'Katrina', was schwarze Menschen hier seit Jahrhunderten erleiden?", sagt sie. "Wir wussten es immer: Dass wir den Bodensatz des amerikanischen Traums bilden."

Cyril Neville, der jüngste der Neville Brothers, will deswegen im Exil in Austin bleiben. Bei einem im Fernsehen übertragenen Benefiz-Konzert trug er ein T-Shirt mit der provokanten Aufschrift: "Ethnic Cleansing In New Orleans". "Wenn wir Afroamerikaner nicht endlich wirtschaftlich am Tourismus beteiligt werden, die schwarzen Viertel nicht die selben Vorzüge – etwa Steuervergünstigungen – wie das French Quarter erhalten, kann die Stadt niemals wieder auf die Füße kommen". Wenn er schimpft, dass seine ehemalige Nachbarschaft im überschwemmten Stadtteil Gentilly von Bulldozern planiert werden soll - "sie machen daraus wahrscheinlich einen Golfplatz für Weiße" -, spricht er nur aus, was viele Afroamerikaner befürchten: Die Disney-fizierung der Stadt, mit einem geplanten Hundert-Millionen-Dollar Jazz-Themenpark und neuen Hotels, aber ohne Rücksicht auf die verarmten neighborhoods, die immer das Rückgrat der örtlichen Kultur bildeten.

Sein Kollege Gregory Davis von der Dirty Dozen Brassband kann sich dennoch kein anderes Leben vorstellen: "Ich bin schon 50-mal um die Welt gereist, und nur in New Orleans kann ich dieses Gefühl für meine Musik bekommen. Hier wird immer mein Zuhause sein." Auch Irvin Mayfield beschwört die Selbstheilungskräfte seiner Heimatstadt. Der Neuaufbau eröffne gerade den Musikern ungeahnte Chancen. Gerade haben Branford und Ellis Marsalis, der Bruder und der Vater von Wynton Marsalis, ein Spenden-finanziertes "musicians' village" eingeweiht, das den entwurzelten Musikern nicht nur Wohnraum, sondern auch ein Schulungs- und Weiterbildungszentrum bietet. Außerdem ist Jazz neuerdings Pflichtfach an allen öffentlichen Schulen.

Ob das den drohenden Verlust der angestammten neighborhoods aufwiegen kann? Der Musik, die von Louis Armstrong bis zu den jungen Brassbands führt, tröstet sich Irvin Mayfield, gehöre die Zukunft – weil sie den Humor in der Tragödie entdeckt: "Kennen Sie diesen Song? 'My baby done left me/ I'm a lay my head on the traintrack/ but when the train comes/ I'm gonna snatch my head right on back.' Wenn du das Leben verstehst dann verstehst du auch den Tod: Und du wirst beide feiern, so lange du die Möglichkeit dazu hast. Das ist Jazz. Das ist New Orleans!"



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