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29. August 2006, 11:28 Uhr

"Katrina" und die Musik

"Wir tanzen, während wir weinen"

Von Jonathan Fischer

Ob Trauermärsche, wütende Raps oder melancholische Popsongs: Der Monster-Hurrikan "Katrina" hat schwarze Musiker inspiriert wie nie eine Katastrophe zuvor. Neben Zorn geben Humor und Zuversicht den Ton an. Immer noch glaubt man in New Orleans: Der Jazz heilt die Wunden.

"Ich kämpfe darum", sagt Irvin Mayfield, "unsere größte natürliche Ressource nach New Orleans zurückzubringen: den Jazz. Wir müssen die Musiker zur Rückkehr bewegen, ihnen die Chance geben, vor Ort zu überleben." Der Grammy-nominierte Trompeter und offizielle Kulturbotschafter von Louisiana wirkt dabei so engagiert wie verzweifelt. Ein Jahr nach "Katrina" sei zwar die Touristen-Fassade der Stadt einigermaßen wiederhergestellt. Doch New Orleans bestehe aus mehr als der Preservation Hall, dem Mardi Gras und dem jährlichen Jazz-and-Heritage-Festival: "Wenn die Musik zurückkehren soll, müssen die neighborhoods wieder auferstehen".

Ob das gelingen kann, ist aber heute fragwürdiger denn je: Weil die selben verarmten Viertel, die seit jeher den Nährboden für Brassbands, Jazzmusiker, Mardi-Gras-Indianer und Rapper bilden, in der Vergangenheit eben auch Drogendealern und Kriminellen Unterschlupf boten. Der Stadtrat von New Orleans hat deswegen beschlossen, einen Großteil der Sozialwohnungsblocks abzureißen und in gemischte Wohngegenden umzuwandeln. Auf der Strecke bleiben: die Armen, die Alten – und womöglich die Musik.

Sich spielend erinnern

Was in den neighborhoods in New Orleans passiert, das sehen viele Afroamerikaner als politischen Gradmesser: für die Wertschätzung schwarzer Bürger und schwarzer Kultur in Amerika. Die Bilder ertrinkender, verdurstender, im Stich gelassener Ghettobewohner, haben sich tief ins schwarze Kollektivgedächtnis gefressen. Und wenn die Mainstream-Medien die "Katrina"-Opfer langsam aus den Augen verlieren, dann sind es vor allem Musiker, die weiterhin an "die größte Katastrophe Afroamerikas seit der Ermordung von Martin Luther King" erinnern.

In Trauermärschen, wütenden Raps oder melancholischen Popsongs: Prince etwa hat unmittelbar nach der Katastrophe "S.S.T." und "Brand New Orleans" eingespielt, Stevie Wonder singt auf seinem neuen Album "Shelter In The Rain", TV On The Radio widmen "Dry Drunk Emperor" den Überlebenden. Und auch Norah Jones, Wyclef Jean, Chris Thomas King und Ben Harper haben ihre Wut, Trauer und Melancholie in "Katrina"-Songs verarbeitet. Nur Michael Jacksons bereits letzten September angekündigter Tribut-Song steht immer noch aus: Angeblich sollen darauf Mariah Carey, R. Kelly, James Brown, Lenny Kravitz, Snoop Dogg, Jay-Z und Missy Elliott zu hören sein – und alle Profite den "Katrina"-Opfern zu Gute kommen.

Hat "Katrina" die schwarze Community enger zusammenrücken lassen? Womöglich zu ihrer Politisierung beigetragen? Kanye Wests Fernseh-Kommentar "Präsident Bush kümmert sich nicht um schwarze Menschen" jedenfalls ziert längst Tausende von T-Shirts, Internet-Seiten und Protestreden. Amerikas erfolgreichster HipHop-Produzent hatte eine Benefiz-Veranstaltung des amerikanischen Fernsehsenders NBC für die Opfer des Hurrikans "Katrina" genutzt, um seinem Unmut über den amerikanischen Alltagsrassismus Luft zu machen: "Ich hasse es, wie uns die Medien präsentieren. Wenn sie eine schwarze Familie zeigen, heißt es, sie plündern. Bei einer weißen Familie sagen sie, sie suchen nach Lebensmitteln."

Armut auf Rassismus reimen

Hinterher entschuldigte sich NBC bei seinen Zuschauern - so als ob Wests emotionaler Ausbruch das eigentliche Problem sei und nicht die Bilder heimatloser, verängstigter und sterbender Menschen aus New Orleans. Die überwiegende Mehrheit der schwarzen Community aber, insbesondere die HipHop-Szene, stärkte West den Rücken. So stellte Politrapper Chuck D von Public Enemy eine hastig komponierte Zorneshymne ins Netz: "Hell No We Ain’t Alright". Zitat: "Son of a Bush, how you gonna trust that cat? To fix shit when help is stuck in Iraq?” Die Houstoner K-Otix rappten "George Bush Doesn’t Care About Black People". Und Mos Def machte auf "Katrina Klap" die zynische Feststellung, man sei besser "tot, im Gefängnis oder mit einem Gewehr im Irak" als schwarz und arm in New Orleans.

Die HipHop-Mogule Jay-Z und P. Diddy überwiesen wie viele ihrer Kollegen dem Roten Kreuz Spenden in Millionenhöhe. Andere Rapper, die näher am Unglücksgeschehen leben, wie etwa David Banner aus Mississippi, machten sich persönlich auf den Weg in die Obdachlosen-Unterkünfte, um Designerklamotten aus ihren privaten Kleiderkammern zu verteilen. Es war die Gelegenheit, aus "keepin' it real" mehr als eine HipHop-Floskel zu machen: In New Orleans hatte Master P, ein lokaler HipHop-Millionär, dessen Plattenfirma sich mit dem Logo eines goldenen Panzers schmückt und bevorzugt Raps über Waffen und teuren Schmuck verlegt, eine Stiftung namens Team Rescue ins Leben gerufen. Sie versorgte die heimatlichen Ghettobewohner unter anderem mit Mineralwasser und gespendeten Pampers.

Im Gegensatz zu Kanye West aber taten sich die auf Party, Striptease und Zuhälter-Hymnen abonnierten Südstaaten-Rapper eher schwer, ihre Gefühle in politisch relevante Reime umzusetzen. Juvenile hat es zumindest versucht: Der New Orleanian drehte ein Video im zerstörten 9th Ward und klagt auf seinem neuen Album "Reality Check" Präsident Bush, Dick Cheney und Bürgermeister Ray Nagin namentlich an. Sein zynischer Ratschlag an seine Mitbürger: Die "Katrina"-bedingten Verluste durch den Verkauf von Crack wettzumachen.

New Orleans: Kreativität gegen die Katastrophe

Was aber bedeutet "Katrina" für die Musik aus New Orleans? Irvin Mayfield erinnert in diesem Zusammenhang gerne an Mahalia Jackson oder Louis Armstrong. Alchimisten, die in New Orleans einen kollektiven Schmerz in ekstatische Musik umgesetzt haben, den Blues zum Tanzen brachten und das Elend zum Rocken und Rollen. In diesem Geist hat Irvin Mayfield "All The Saints" geschrieben: Eine Jazz-Suite, die der Trompeter mit seinem 17-köpfigen Orchester vergangenen November in der örtlichen Christ Church Cathedral uraufgeführt hat: "Der Jazz kann uns heilen", hatte Mayfield von der Kanzel gepredigt. Und dass es keine bessere Medizin als eine Beerdigungsfeier gebe. Da wusste er noch nichts von der sehr persönlichen Wahrheit, die in seinen Worten steckte: "Ich hatte die Komposition meinem als vermisst gemeldeten Vater gewidmet. Inzwischen wurde sein Leichnam geborgen – er ertrank während 'Katrina'."

Alltäglich historisch

New Orleans hat eine hohe Kultur der Trauer und der Erinnerung entwickelt. Man sieht es an den prächtigen, Tausende von Dollars teuren Kostümen der Mardi-Gras-Indianer. Oder den vielen jugendlichen Brassbands, die seit den achtziger Jahren die Funeral Marches ihrer Urväter mit Fernseh-Melodien, Funk-Klassikern und HipHop-Rhythmen aufmotzen. "Jedermann", sagt Irvin Mayfield, "ist doch hier auf irgendeine Weise Künstler. Entweder kochst, singst oder tanzt du. Frag einmal im Treme-Viertel – dem afroamerikanischen Herz von New Orleans - nach einem Tubaspieler, und es werden sich Achtjährige melden, die Songs von 1920 auf dem Kasten haben." Anderswo in Amerika würden sich bestenfalls die Mitglieder der High Society mit der Musikhistorie auskennen, nicht aber in New Orleans: "Du kannst bei uns in den Projects Typen mit Gold-verblendeten Zähnen und HipHop-Klamotten finden, die jede Zeile von Louis Armstrong rezitieren können. Und alle Songs von Jelly Roll Morton dazu. Das ist der Teil unserer Kultur, den die Touristen niemals zu Gesicht bekommen."

Einigen lokalen Musikern wie Allen Toussaint hat ironischerweise gerade die Katastrophe ein Comeback beschert. "Gut, ich habe mein Hausinventar mitsamt dem Flügel verloren. Von den Seasaint-Studios sind nur ein paar modrige Räume, Stapel verrotteter Tapes und Elektroschrott zurückgeblieben. Aber sollen wir deswegen aufhören, Musik zu machen?" Der 68-jährige Soulveteran beließ es nicht bei einem Benefiz-Beitrag. Toussaint, der seit den späten fünfziger Jahren als Pianist, Songwriter und Produzent den New Orleans Soul geprägt hatte, spielte in nur einer Woche mit seinem Freund Elvis Costello "The River In Reverse" ein. Mehr noch als Costellos "Katrina"-Anklagen wie "Broken Promise Land" oder "The River In Reverse" beeindrucken dabei die Neueinspielungen ausgesuchter Toussaint-Klassiker.

Tatsächlich lassen sich Toussaints Melodrama "On Your Way Down" ("The same people you misuse on your way up/ you might meet on your way down"), die Tanznummer "Tears, Tears And More Tears" und der rohe Funk von "Who's Gonna Help Brother Get Further" heute wie ein Kommentar zu "Katrina" lesen. Ein 30 Jahre alter Song wie "Freedom For The Stallion" ("They got men making laws/ that destroy other men") könnte gut den ausgesperrten Projects-Rückkehrern als Protesthymne dienen. "Wir tanzen, während wir weinen", erklärt Toussaint das alte zeitlose Thema jeder New-Orleans-Musik. "Einige meiner Songs waren kaum politisch gedacht – wie etwa 'It's Raining'. Aber als Irma Thomas ihn beim Jazzfest intonierte, nahm er eine ganz neue Bedeutung an."

Comeback im Zeichen der Trauer

Die Depression hat den überlieferten Rhythm'n'Blues wieder so nahe an den Herzschlag der Stadt gerückt wie lange nicht mehr. Auch Irma Thomas kann davon ein Lied singen. Ihr "Lion's Den"-Club wurde überflutet, sie flüchtete zu Freunden in Baton Rouge. Schon Wochen später spielte sie eines der bewegendsten Alben ihrer Karriere ein. Ob Stevie Wonders "Shelter In The Rain" oder Nina Simones "I Wish I Knew How It Would Feel To Be Free": Irma Thomas verleiht ihren Songs eine Dringlichkeit, wie sie einst die Betrugsballaden des Southern Soul beseelten. Nur dass der Schmerz diesmal nicht von Mr. Untreu, sondern von einer viel älteren und größeren Wunde herrührt: "Wer ahnte vor 'Katrina', was schwarze Menschen hier seit Jahrhunderten erleiden?", sagt sie. "Wir wussten es immer: Dass wir den Bodensatz des amerikanischen Traums bilden."

Cyril Neville, der jüngste der Neville Brothers, will deswegen im Exil in Austin bleiben. Bei einem im Fernsehen übertragenen Benefiz-Konzert trug er ein T-Shirt mit der provokanten Aufschrift: "Ethnic Cleansing In New Orleans". "Wenn wir Afroamerikaner nicht endlich wirtschaftlich am Tourismus beteiligt werden, die schwarzen Viertel nicht die selben Vorzüge – etwa Steuervergünstigungen – wie das French Quarter erhalten, kann die Stadt niemals wieder auf die Füße kommen". Wenn er schimpft, dass seine ehemalige Nachbarschaft im überschwemmten Stadtteil Gentilly von Bulldozern planiert werden soll - "sie machen daraus wahrscheinlich einen Golfplatz für Weiße" -, spricht er nur aus, was viele Afroamerikaner befürchten: Die Disney-fizierung der Stadt, mit einem geplanten Hundert-Millionen-Dollar Jazz-Themenpark und neuen Hotels, aber ohne Rücksicht auf die verarmten neighborhoods, die immer das Rückgrat der örtlichen Kultur bildeten.

Sein Kollege Gregory Davis von der Dirty Dozen Brassband kann sich dennoch kein anderes Leben vorstellen: "Ich bin schon 50-mal um die Welt gereist, und nur in New Orleans kann ich dieses Gefühl für meine Musik bekommen. Hier wird immer mein Zuhause sein." Auch Irvin Mayfield beschwört die Selbstheilungskräfte seiner Heimatstadt. Der Neuaufbau eröffne gerade den Musikern ungeahnte Chancen. Gerade haben Branford und Ellis Marsalis, der Bruder und der Vater von Wynton Marsalis, ein Spenden-finanziertes "musicians' village" eingeweiht, das den entwurzelten Musikern nicht nur Wohnraum, sondern auch ein Schulungs- und Weiterbildungszentrum bietet. Außerdem ist Jazz neuerdings Pflichtfach an allen öffentlichen Schulen.

Ob das den drohenden Verlust der angestammten neighborhoods aufwiegen kann? Der Musik, die von Louis Armstrong bis zu den jungen Brassbands führt, tröstet sich Irvin Mayfield, gehöre die Zukunft – weil sie den Humor in der Tragödie entdeckt: "Kennen Sie diesen Song? 'My baby done left me/ I'm a lay my head on the traintrack/ but when the train comes/ I'm gonna snatch my head right on back.' Wenn du das Leben verstehst dann verstehst du auch den Tod: Und du wirst beide feiern, so lange du die Möglichkeit dazu hast. Das ist Jazz. Das ist New Orleans!"

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