"Katrina" und die Musik "Wir tanzen, während wir weinen"

Ob Trauermärsche, wütende Raps oder melancholische Popsongs: Der Monster-Hurrikan "Katrina" hat schwarze Musiker inspiriert wie nie eine Katastrophe zuvor. Neben Zorn geben Humor und Zuversicht den Ton an. Immer noch glaubt man in New Orleans: Der Jazz heilt die Wunden.

Von Jonathan Fischer


"Ich kämpfe darum", sagt Irvin Mayfield, "unsere größte natürliche Ressource nach New Orleans zurückzubringen: den Jazz. Wir müssen die Musiker zur Rückkehr bewegen, ihnen die Chance geben, vor Ort zu überleben." Der Grammy-nominierte Trompeter und offizielle Kulturbotschafter von Louisiana wirkt dabei so engagiert wie verzweifelt. Ein Jahr nach "Katrina" sei zwar die Touristen-Fassade der Stadt einigermaßen wiederhergestellt. Doch New Orleans bestehe aus mehr als der Preservation Hall, dem Mardi Gras und dem jährlichen Jazz-and-Heritage-Festival: "Wenn die Musik zurückkehren soll, müssen die neighborhoods wieder auferstehen".

Ob das gelingen kann, ist aber heute fragwürdiger denn je: Weil die selben verarmten Viertel, die seit jeher den Nährboden für Brassbands, Jazzmusiker, Mardi-Gras-Indianer und Rapper bilden, in der Vergangenheit eben auch Drogendealern und Kriminellen Unterschlupf boten. Der Stadtrat von New Orleans hat deswegen beschlossen, einen Großteil der Sozialwohnungsblocks abzureißen und in gemischte Wohngegenden umzuwandeln. Auf der Strecke bleiben: die Armen, die Alten – und womöglich die Musik.

Sich spielend erinnern

Was in den neighborhoods in New Orleans passiert, das sehen viele Afroamerikaner als politischen Gradmesser: für die Wertschätzung schwarzer Bürger und schwarzer Kultur in Amerika. Die Bilder ertrinkender, verdurstender, im Stich gelassener Ghettobewohner, haben sich tief ins schwarze Kollektivgedächtnis gefressen. Und wenn die Mainstream-Medien die "Katrina"-Opfer langsam aus den Augen verlieren, dann sind es vor allem Musiker, die weiterhin an "die größte Katastrophe Afroamerikas seit der Ermordung von Martin Luther King" erinnern.

In Trauermärschen, wütenden Raps oder melancholischen Popsongs: Prince etwa hat unmittelbar nach der Katastrophe "S.S.T." und "Brand New Orleans" eingespielt, Stevie Wonder singt auf seinem neuen Album "Shelter In The Rain", TV On The Radio widmen "Dry Drunk Emperor" den Überlebenden. Und auch Norah Jones, Wyclef Jean, Chris Thomas King und Ben Harper haben ihre Wut, Trauer und Melancholie in "Katrina"-Songs verarbeitet. Nur Michael Jacksons bereits letzten September angekündigter Tribut-Song steht immer noch aus: Angeblich sollen darauf Mariah Carey, R. Kelly, James Brown, Lenny Kravitz, Snoop Dogg, Jay-Z und Missy Elliott zu hören sein – und alle Profite den "Katrina"-Opfern zu Gute kommen.

Hat "Katrina" die schwarze Community enger zusammenrücken lassen? Womöglich zu ihrer Politisierung beigetragen? Kanye Wests Fernseh-Kommentar "Präsident Bush kümmert sich nicht um schwarze Menschen" jedenfalls ziert längst Tausende von T-Shirts, Internet-Seiten und Protestreden. Amerikas erfolgreichster HipHop-Produzent hatte eine Benefiz-Veranstaltung des amerikanischen Fernsehsenders NBC für die Opfer des Hurrikans "Katrina" genutzt, um seinem Unmut über den amerikanischen Alltagsrassismus Luft zu machen: "Ich hasse es, wie uns die Medien präsentieren. Wenn sie eine schwarze Familie zeigen, heißt es, sie plündern. Bei einer weißen Familie sagen sie, sie suchen nach Lebensmitteln."

Armut auf Rassismus reimen

Hinterher entschuldigte sich NBC bei seinen Zuschauern - so als ob Wests emotionaler Ausbruch das eigentliche Problem sei und nicht die Bilder heimatloser, verängstigter und sterbender Menschen aus New Orleans. Die überwiegende Mehrheit der schwarzen Community aber, insbesondere die HipHop-Szene, stärkte West den Rücken. So stellte Politrapper Chuck D von Public Enemy eine hastig komponierte Zorneshymne ins Netz: "Hell No We Ain’t Alright". Zitat: "Son of a Bush, how you gonna trust that cat? To fix shit when help is stuck in Iraq?” Die Houstoner K-Otix rappten "George Bush Doesn’t Care About Black People". Und Mos Def machte auf "Katrina Klap" die zynische Feststellung, man sei besser "tot, im Gefängnis oder mit einem Gewehr im Irak" als schwarz und arm in New Orleans.

Die HipHop-Mogule Jay-Z und P. Diddy überwiesen wie viele ihrer Kollegen dem Roten Kreuz Spenden in Millionenhöhe. Andere Rapper, die näher am Unglücksgeschehen leben, wie etwa David Banner aus Mississippi, machten sich persönlich auf den Weg in die Obdachlosen-Unterkünfte, um Designerklamotten aus ihren privaten Kleiderkammern zu verteilen. Es war die Gelegenheit, aus "keepin' it real" mehr als eine HipHop-Floskel zu machen: In New Orleans hatte Master P, ein lokaler HipHop-Millionär, dessen Plattenfirma sich mit dem Logo eines goldenen Panzers schmückt und bevorzugt Raps über Waffen und teuren Schmuck verlegt, eine Stiftung namens Team Rescue ins Leben gerufen. Sie versorgte die heimatlichen Ghettobewohner unter anderem mit Mineralwasser und gespendeten Pampers.

Im Gegensatz zu Kanye West aber taten sich die auf Party, Striptease und Zuhälter-Hymnen abonnierten Südstaaten-Rapper eher schwer, ihre Gefühle in politisch relevante Reime umzusetzen. Juvenile hat es zumindest versucht: Der New Orleanian drehte ein Video im zerstörten 9th Ward und klagt auf seinem neuen Album "Reality Check" Präsident Bush, Dick Cheney und Bürgermeister Ray Nagin namentlich an. Sein zynischer Ratschlag an seine Mitbürger: Die "Katrina"-bedingten Verluste durch den Verkauf von Crack wettzumachen.



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