Abgehört - neue Musik Schöner scheitern mit Katy Perry

Popstar Katy Perry sucht auf ihrem neuen Album nach Profil - und gleitet an der eigenen Oberflächlichkeit ab. Außerdem: Beth Dittos Comeback und Kevin Morbys Resterampe.

Von und


Katy Perry - "Witness"
(Capitol/Universal, seit 9. Juni)

Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung: "It's something bigger than me", singt Katy Perry gegen Ende ihres neuen Albums "Witness". Sie hat noch versucht, es zu ignorieren, "tried to ignore it/ But it keeps on growing/ Out of control". Außer Kontrolle und unbeherrschbar für die bescheidenen künstlerischen Talente, die ihr zur Verfügung stehen, so könnte man Perrys Versuch bezeichnen, mehr sein zu wollen als der wohl persönlichkeitsloseste Popstar unserer Zeit.

Mit ihrem Image als aseptisches All-American-Girl, das sich ab und zu mal eine Kinkyness, eine Schnute oder eine frivole Geste leistet, feierte die Sängerin aus dem kalifornischen Santa Barbara enorme Erfolge: Neun Nummer-Eins-Hits hatte Perry in den vergangenen zehn Jahren, fünf davon allein von ihrem Durchbruch-Album "Teenage Dream" (2010). Jetzt ist sie 32 - und verwirrt, wie gelangweilt sie von sich selbst ist: "I used to be sparkling/ But now it's not so charming/ What used to stimulate me/ Now can barely wake me/ I'm unresponsive", textet sie in "Mind Maze".

Neuer Stimulus muss her? Erstmal Haare ab! Mit neuer Raspelkurzfrisur warf sie sich im Softerotik-Video zu "Bon Appétit" zunächst ihren Fans buchstäblich zum Fraß vor, veröffentlichte als Nächstes den Diss-Track "Swish Swish" an Erzfeindin Taylor Swift, der trotz Gast-Rapperin Nicki Minaj so unoriginell war, dass sich Perry bei ihrer Performance des Songs bei "Saturday Night Life" scheinbar am liebsten selbst davon distanziert hätte, so neben der Spur wirkte sie.

Zu guter (oder schlechter) Letzt folgte dann noch der tatsächlich gelungene Disco-Pop-Song "Chained To The Rhythm", mit dem Perry wieder in ihre gewohnte, quietschbunte Kaugummiblasenwelt zurückzukehren schien. Aber weit gefehlt: Im Text mokiert sich Perry über ihr mit den mathematisch kalkulierten Radiohits von Produzent Max Martin zu stumpfem Humptahumpta-Konsum erzogenes Publikum, das herumlaufe wie "wasted zombies". "So comfortable we're living in a bubble, bubble/ So comfortable, wie cannot see the trouble, trouble" geht der fröhliche Refrain.

Mal abgesehen davon, dass Perry an keiner Stelle ihres einstündigen Albums konkretisiert, welchen "Trouble" sie eigentlich meint: Was für eine Spielverderberin! "So put your rose coloured glasses on/ And party on", ruft sie noch - und proklamiert für sich selbst, von nun an "purposeful Pop" machen zu wollen.

Pop hat aber natürlich immer schon eine "purpose", also eine Intention: nämlich die, möglichst populär zu sein. Das weiß auch Perry, und deshalb wurde die Hälfte ihrer neuen Songs erneut von Max Martin produziert, die andere Hälfte von als cool und sophisticated geltenden Acts wie Purity Ring und Hot Chip - deren Effekt jedoch in der generellen Langeweile und ein paar trendigen Voice-Modulationen und vertrackteren Beats schnell verpufft.

Ebenso wie die behauptete Awareness, die sich Perry anzuheften scheint wie ein neues Modeaccessoire: Sind ja gerade alle so voll politisch. Super, das will ich auch! Aber ohne eine Ahnung zu haben, mit welchen Inhalten sie ihren offenbar leeren Kopf füllen will. Narzissmus gepaart mit Ideenlosigkeit führt dann zu Kamikaze-PR-Aktionen wie Perrys 72-Stunden-Livestream aus einem extra gemieteten Apartment in L.A., einem Big-Brother-Arrangement mit Yoga und Dinnerkonversation, an der unter anderem Sia und "Wonder Woman"-Regisseurin Patty Jenkins teilnahmen. Das alles wirkte ungefähr so spontan und authentisch wie eine Folge "Alles was zählt" - und zementierte trotz tränenreicher Therapie-Session und anderen Extremsituationen eher Perrys Status als Frau ohne Eigenschaften.

Vermutlich weiß sie gerade selbst nicht so genau, wer sie ist: "Will you be my witness/ Could you be the one who speaks for me", barmt sie im Titelstück gegen die Angst vor der Auflösung in einer langen Post-Popstar-Depression. Eine glatte, schillernde Projektionsfläche sucht verzweifelt nach ihrem Profil - und wird dabei ganz stumpf. Ach, tragisch. (1.0) Andreas Borcholte

Andreas Borcholtes Playlist KW 24
SPIEGEL ONLINE

01 The War On Drugs: Holding On

02 Arcade Fire: Everything Now

03 Lorde: Perfect Places

04 Selena Gomez: Bad Liar

05 SZA feat. Travis Scott: Love Galore

06 Laurel Halo: Jelly

07 Halsey: Eyes Closed

08 Helmut: Carnivores And Cannibals

09 Umfang: Symbolic Use Of Light

10 Nick Höppner: In My Mind

Kevin Morby - "City Music"
(Dead Oceans/Cargo, ab 16. Juni)

Schon als Kind etliche verschiedene Wohnsitze, mit 18 aus Kansas nach New York, dort ein halbes Dutzend Alben mit zwei Bands, Touren um die Welt, Flucht in die kalifornische Einsamkeit, drei Soloalben. Kevin Morby ist erst 29, hat aber schon mehr Altersringe gesammelt, als die meisten am Ende ihres Lebens. Ein rambling man eben. Das hört man in seiner Musik.

Allerdings nicht auf seinem vierten Album "City Music". War sein Vorgänger "Singing Saw" noch die faszinierende Nabelschau eines weitgereisten jungen Mannes, der im selbstgewählten Exil die eigene Conditio ergründet, ist "City Music", nun ja, eben das, als was es Morby kürzlich hinter vorgehaltener Hand selbst bezeichnete: "Eine bessere Resteverwertung".

Die klingt über weite Strecken wie der Audioguide eines Rockmuseums. "1234" schrammelt wie die Ramones, "Aboard My Train" fabuliert wie Harry Nilsson, "Pearly Gates" trägt das Hemd so offen wie Leonard Cohen zu seiner ladies-man-Zeit - und "Dry Your Eyes" leiert, als hätte Lou Reed es in den frühen Siebzigern in einer Sofaritze verschlampt. Charmant ist das alles, keine Frage.

Das Problem: "City Music" wird Morby nicht mehr gerecht. Der hat sich in den vergangenen beiden Jahren zu einem Singer/Songwriter entwickelt, der nicht mehr bloß schöne Musik machen, sondern in ihr auch die Malaise unserer Zeit verarbeiten kann. Das bewies er mit der dringlichen Antipolizeigewalt-Nummer "I Have Been To The Mountain" schon auf "Singing Saw" und legte vergangenen Herbst mit der Single "Beautiful Strangers" beeindruckend nach.

Morby traute sich darauf an die großen Themen: Terror, Rassismus, Gleichmacherei und Widerstand durch die Kraft von Musik. Man darf sich also schon auf sein nächstes Album freuen. "City Music" verkürzt die Wartezeit. (6.5) Dennis Pohl

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Beth Ditto - "Fake Sugar"
(Columbia/Sony, ab 16. Juni)

Beth Ditto wird für immer eine der prägenden Pop-Persönlichkeiten der Nullerjahre bleiben, das ist klar. Die Arbeiterklassentochter mit der stimmlichen wie körperlichen Wuchtigkeit lud sich ein "Heavy Cross" auf und stellte sich beherzt schmetternd "in the way of control".

Dass Diskussionen über LGBT -Lebenswelten und Probleme wie Bodyshaming heute außerhalb der Nische geführt werden, ist auch Dittos Verdienst. So wie sie die Musik ihrer Band Gossip vom rohen Funk-Rock in einen chartskompatiblen und sehr tanzbaren Radio-Pop überführte, verhalf sie auch ihren queer-feministischen Themen in den Mainstream. Die stets fröhlich schnatternde Sängerin posierte in all ihrer fülligen Flummihaftigkeit nackt auf Magazinen, wurde von Lagerfeld zur Muse erkoren und brachte eine eigene Modekollektion heraus.

Nach Umzug aufs Land, Familiengründung und Autobiographie ist nun mal wieder die Musik dran. Ihre beiden langjährigen Gossip-Mitstreiter, zuletzt auf dem Album "A Joyful Noise" (2012) mit ihrer Frontfrau vereint, wichen einer neuen Band, und auch der druckvoll-dringliche Disco-Sound ist Geschichte. Stattdessen verliert sich die Solo-Künstlerin Ditto im Midtempo sachte countryfizierter Liebesbekenntnisse und Lebensweisheiten. Manchmal, in "We Could Run" oder "Oh My God" bekommen ihre wie gewohnt und berechtigt nach Pathos greifenden Hymnen einen irritierend tantigen Bonnie-Tyler-Touch. Eine besänftigte Gediegenheit, die in der Ballade "Love In Real Life" kulminiert: Der Kampf scheint vorbei, zugunsten eines wohlverdienten Privatglücks.

Folglich blitzt nur noch selten, in der Single "Fire" oder dem unterschwellig pulsierenden "Go Baby Go", der Dringlichkeits-Groove früherer Tage auf - und löst derart nostalgische Gefühle aus, dass man sich fragen muss, ob die Symbolfigur Beth Ditto nicht längst ihre Bedeutung als Musikerin überflügelt hat.

Einfacher gesagt: Gut, das es Beth Ditto gibt, schön, ihre Stimme mal wieder zu hören, danke für das nette Album, wäre aber nicht nötig gewesen. (5.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
ronniesultan 13.06.2017
1. Anmaßend
Katy Perry als Popstar mit geringer Persönlichkeit und wenig Talent zu bezeichnen, ist anmaßend und erbärmlich. Ich bin kein Fan...
Bulbiker 13.06.2017
2. Katy Perry
Ich bin beileibe kein Fan von Format-Radio-Musik, aber der fröhlich naive Bubble Gum Pop von Katy Perry geht mir wenigstens viel weniger auf die Nerven als die meisten anderen Chart Hits. 1 Punkt ist da schon richtig böse. Was bliebe da für Freiwild, Naidoo, Bushido, Giesinger, um mal nur ein paar anstrengende deutschsprachige Heulsusen zu nennen? Null bis Nullkommafünf. Zu wenig, um echten Müll differenziert zu bewerten. Ne, Katy Perry ist vielleicht doof, aber ich krieg davon keine Aggressionen und keinen Hautausschlag. Ungehört allein schon deshalb von mir daher 3 Punkte.
mac4me 14.06.2017
3. Katy Perry
Mit 67 steht man der Popwelt mit gehörigem Abstand gegenüber. Trotzdem finde ich den Verriß unberechtigt. Katy Perry steht für fantasievolle, höchst kommerzielle, aber spektakuläre Videos auf höchstem produktionstechnischem Niveau. Und "Chained to the rhythm" ist ein Ohrwurm, dem sogar ich nicht entgehen konnt - selbst als früheren Musiker erreicht mich sonst nur noch wenig aus der aktuellen Musikszene. Das Video dazu ist höchst einfallsreich, stimmungsvoll auf den Punkt gebracht und entführt den Zuschauer leicht, elegant und mit Augenzwinkern in die Welt der Fünfzigerjahre, die ich als Kind noch erlebt habe. Chapeau für die große Zahl der kreativen Leute, die hinter einem solchen Riesenprojekt stehen. Ein Star wie Katy Perry ist da nur die Spitze eines Eisbergs.
germ 14.06.2017
4. Katy
Mit 32 Jahren ist man eigentlich kein Teenager mehr. Sie beklagt sich aber darüber, nicht sie selbst sein zu können. Dann sollte sie auch aufhören ihren Typ so radikal zu verändern - obwohl ständige äußere Veränderungen natürlich zum Job gehören. Aber das muss man ja nicht mitmachen. Mit dunklen Haaren gefällt sie mir viel besser. Katy, du hast genug Geld, gönne dir mal eine Auszeit. Zur Musik? Naja, Katy Perry eben.
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