Zum Tod von Keith Flint Für immer Firestarter

Mit dem Bühnen-Derwisch Keith Flint fand The Prodigy einen Frontmann, der treibende Elektrobeats und Punk-Attitüde zu einem nervösen Pop-Act verschmolz. Nachruf auf einen Menschen, der immer in Bewegung war.

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Knapp 26 britische Pfund kostet im Internet das "Prodigy-Firestarter"-Kostüm. Es besteht aus einem "Keith Flint-Jumper" mit charakteristischem Sterne-und-Streifen-Design in Rot und Blau, einer Glatzenperücke mit grünen Haar-Hörnchen an den Seiten, und einem "Clip-on Nose Ring".

Im 1996 gedrehten Video zu "Firestarter", dem größten internationalen Hit der britischen Big-Beat-Punkband "The Prodigy", stand deren Sänger, Shouter, Texter und Frontmann Keith Flint in ebenjenem Outfit in den Gängen der U-Bahn-Station Aldwych, die satt kajalumrahmten Augen aufgerissen, den Körper angespannt, die Energie gebündelt. Und bellte es heraus: "I'm the bitch you hated/ Filth infatuated/ I'm the firestarter/ Twisted firestarter!"

Wer den Clip sah, konnte erleben, wie viel Leidenschaft und Dynamik in dem Mann aus Redbridge, London, steckte. So viel, dass es nach der Erstausstrahlung des Videos in der Sendung "Top of the Pops" erzürnte Anrufe bei der BBC hagelte: Mit einer derartig nihilistischen und destruktiven Einstellung solle man Kinder und Jugendliche doch bitte verschonen!

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Zum Tod von Keith Flint: Twisted Firestarter

Dabei entstand die Band aus jugendlicher Lebenslust: The Prodigy, auf Deutsch "Das Wunderkind", die 1990 vom DJ und Elektromusiker Liam Howlett gegründet wurden, hatten 1996 bereits zwei Alben veröffentlicht und einen respektablen Club- und Charts-Erfolg in Großbritannien eingefahren. Der 1969 geborene Flint gehörte zunächst zu den Tänzern der Gruppe, die Haare trug er damals noch lang, der Kajalstift blieb zugeschraubt. Mit der LP "The Fat Of The Land" und der Single "Firestarter" wurde Flint nicht nur zum Sänger, sondern auch zum Frontmann und Aushängeschild der Londoner Gruppe.

Visuell präsentierte Flint einen radikalen Mix aus teuflischem ADHS-Clown und Punkikone, seine charakteristische Stimme zusammen mit der bewusst eingesetzten, prolligen East-Londoner Aussprache - "Feiastahta!" - prägte den Prodigy-Sound und machte ihn unverwechselbar.

Flint sprang fortan in den Videos und bei Livekonzerten herum wie ein angeknipster Troll mit Nasenring, als leibhaftige Ausgeburt jener Punkenergie, die die Band stets von den vielen sauberen Elektro-Acts der Neunzigerjahre unterschied - und zugleich mit Anarcho-Attitüde ihre Wurzeln in den britischen No Future-und Dancehall-Movements unterstrich. Angeblich hatte man einst sogar Remix-Angebote für David Bowie und Madonna ausgeschlagen. Für immer Punk eben.

Drogen und Depressionen schienen passé

The Prodigy gönnten sich und dem Publikum in den letzten 20 Jahren kaum eine ruhige Sekunde und keinen einzigen langsamen Beat. Ihr achtes, sehr gelungenes Album "No Tourists" erschien erst im vergangenen Herbst, die zugehörige Tournee sollte noch bis zum Frühsommer dieses Jahres dauern.

Keith Flint, der 2018 gemeinsam mit den etwa gleichaltrigen Kollegen Liam Howlett und Maxim Reality auf Interviewreise auch nach Deutschland kam, wirkte im Gespräch ausgeglichen, geradezu therapiert - und konnte dennoch charmante Energie verströmen: "Wenn man durch den Backstagebereich geht, auf die Bühne kommt, die Leute sieht, dann wird ein Schalter umgelegt. It's Go-Time! Und das macht einen einfach an", erklärte er, an einer Elektrozigarette nuckelnd, auf die Frage, ob man mit fast 50 manchmal keine Lust mehr auf die "Firestarter"-Hopserei hat. Vor allem von der britischen Boulevardpresse kolportierte Drogen- und Depressionsphasen hatte Flint angeblich schon vor Jahren hinter sich gelassen.

In der aktuellen "No Tourists"-Bühnenshow schien Flint seltener zu singen (oder zu bellen) als Bandkollege Maxim, aber das mag auch an den Songs gelegen haben: Der von The Prodigy über die Jahre kaum veränderte Sound aus Samples, harten Beats und wenigen Textzeilen erforderte eher mentale als stimmliche Power der Shouter.

Sein Faible für Tempo und Action prägte auch die Hobbys des stark tätowierten Flint. Der begeisterte Motorradfahrer unterhielt mit Team Traction Control ein Rennsportteam, das einige Preise gewann. 2014 kaufte und renovierte er den inzwischen geschlossenen Pub "The Leather Bottle" in Pleshey, Essex. Im nahe gelegenen Springfield hatte er einen Teil seiner Jugend verbracht.

Am Montag wurde Keith Flint von der Polizei tot in seinem Haus in Essex aufgefunden. Er hinterlässt seine Ehefrau Mayumi Kai, eine DJ, die sich zurzeit offenbar in Japan aufhält. Flint wäre im September 50 Jahre alt geworden.



insgesamt 21 Beiträge
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funkstörung 04.03.2019
1. artikel
"firestarter", "breathe" und "smack my bitch up" gehören mit zu den besten songs des letzten aufbäumens der "white trash" musik in den 90er jahren. der rest der songs ist eher nebensächlich, aber die drei sind einen spon-artikel wert. RIP man !
rudolfsikorsky 04.03.2019
2.
Wir waren in den Neunzigern zwar alle Todesblei ( Death Metal) und Hardcore Fans, aber Prodigy haben perfekt dazugehört , geniale Musik , die waren und sind bis heute der absolute Hammer. Sehr sehr schade das Keith Flint nun Tod ist.
klogschieter 04.03.2019
3. Gute Würdigung
Mit Big Beat und Stadionraves konnte ich nichts anfangen. Es gibt bestimmt Berufenere, sich über Keith Flint zu äußern. Jedoch: "Firestarter", der Track und das Video, waren ein Tritt ins Gesicht. Nachmittags vor MTV sitzen und es nicht fassen können. Popkulturs größter Augenblick in den Neunzigern. Ich habe es mir nach langen Jahren gerade mal wieder angeschaut. Es ist nicht gealtert. Null. Grandioser Krach, damals das einzige funktionierende Antidot gegen all den selbstmitleidigen Jammergrunge mit traurig auf den Boden gucken, heute immerhin immer noch grandioser Krach. Keine Ahnung, welcher Platz Keith Flint im Pantheon der Popkultur zugewiesen ist, aber sowas wie "Firestarter" haben nicht viele auf der Habenseite zu verbuchen. Eine Performance und ein Schleifgeräusch für die Ewigkeit.
RalfBukowski 04.03.2019
4. Firestarter...
...nachts im (echten) Mini durch Hamburg und dabei "Firestarter" aufgedreht. Great. RIP, Keith. Naja, vielleicht nicht so ganz peace.
vera gehlkiel 04.03.2019
5.
The Progidy war immer total meine Musik. Aber absolut total. Unglaublich druckvoll und energisch, enorm ins Tanzbein ziehend, dabei kein bisschen "clean". Absolut weit weg von dem üblichen Techno-Getute, voller subersivem Sex und anarchistischer Erotik. Firestarter ist noch heute eine Offenbarung, ein epochaler Song. Ansonsten fassungslos. Nicht mal, dass Keith Flint schon so gut wie fünfzig war, kann ich ehrlich gesagt glauben. Du hast meinem Leben eine vierte oder fünfte Dimension hinzugefügt, Mann! Danke! Ich werde für dich beten, auch wenn ich gar nicht an Gott glaube. Wenn es ihn gibt, wird der alte Mann einen Satz Ohrenstoepsel gebrauchen können.
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