Es lag eine Vorahnung in der Luft, dass dieses ein besonderer Abend würde. Eine Hoffnung, dass wir in Rio einen jener grandiosen Auftritte erleben würde, wie Keith Jarrett sie alle paar Jahrzehnte hinlegt, wenn er solo spielt. Aber auch ein Bangen, dass der Mann am Klavier sich quälen würde, bis er nach wenigen Minuten schweißüberströmt aufspringen und den Abend abrupt beenden würde. So hat er es schon mehrmals gemacht. Er stöhnt und seufzt und verkrampft sich, und dann sagt er einfach: Ich kann heute Abend nicht. Und geht.
Keith Jarretts Solokonzerte sind zu hundert Prozent improvisiert, sie sind ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Sie enden als Flop - oder sie beschwören einen jener raren Momente der Einheit von spiritueller Wahrheit, die selbst Atheisten als göttlich bezeichnen würden.
Das "Köln Concert" war so ein Glücksmoment. Vor 36 Jahren spielte Jarrett das mit zwei Millionen meistverkaufte Solo-Klavieralbum aller Zeiten ein - auf einem Flügel zweiter Wahl und unter widrigen Bedingungen, wie er einmal bekannte. Dann kamen die experimentellen Jahre, schließlich die Serie von Standards im klassischen Trio, eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Jazz. Das ist schön anzuhören, aber nichts gegen seine großen Soli. Schöpferische Krisen und Krankheit setzten ihm zu, erst seit kurzem ist er wieder auf Tournee. Jedes Konzert lässt er aufnehmen, aber die meisten halten seinem Urteil nicht stand.
Und dann also Rio, Theatro Municipal, 9. April dieses Jahres, ein warmer Tag im brasilianischen Frühherbst, die Luft ist seidig und klar. Ich habe einen Platz in der neunten Reihe rechts ergattert, gut hundert Euro hat die Karte gekostet, das ist billiger als die meisten Musikstars, die nach Rio kommen. Zuletzt war er in den achtziger Jahren hier, das Konzert damals war keine Platte wert, seither habe er in Brasilien noch "eine Rechnung offen", hat er gesagt. Drei Tage zuvor hat er in São Paulo gespielt, die Stimmung war schlecht, das Konzert gequält. Trotz ausdrücklicher Bitte, Handys und Fotoapparate auszuschalten, hatte jemand den Künstler während der Show mit Blitz fotografiert, das Publikum war mehr an dem großen Namen interessiert als an seiner Musik. Nach dem Konzert senkte er den Daumen, das war nichts für die Nachwelt.
Meditation über der Tastatur
Aber Rio ist anders. Rio atmet Musik, das Publikum ist kritisch, aber es respektiert die Eigenheiten und Marotten des Künstlers, wenn denn die Vorstellung stimmt. Es muss nicht Samba sein oder Bossa Nova, die Cariocas sind offen für Neues, hier gibt es einige der besten Jazzclubs Brasiliens. Und glücklicherweise spielt Jarrett nicht in einer dieser modernen Konzerthallen draußen in den Vororten, die nach Handygesellschaften benannt sind. Das Theatro Municipal im Stadtzentrum, Rios große alte Musikhalle, ist frisch renoviert, der Stuck glänzt in frischem Weiß, die Akustik ist sagenhaft. Hier hat Werner Herzog Wagners "Tannhäuser" inszeniert, dies ist der Saal für ernsthafte Musik.
Jarrett trägt Sonnenbrille, Jeans und ein helles Hemd schlottern um seine schlanke Gestalt, die Haare sind kurz geschnitten, der Mann ist Asket. Mit einem knappen "Good Evening" begrüßt er das Publikum, dann setzt er sich an den Steinway. Kein Bonbonpapier knistert, niemand hüstelt, kein Handy flackert oder zwitschert. Der Auftakt ist hart und dissonant, die Hände tasten und suchen, Jarrett schenkt sich und dem Publikum nichts. Es ist Kopfmusik, eher europäisch als amerikanisch, der Applaus zollt Respekt für die Leistung, der Funke ist noch nicht übergesprungen. Träumerisch geht es weiter, langsam spielt er sich in Stimmung, zum ersten Mal stöhnt er auf, beugt sich über die Tastatur, verwächst mit dem Instrument.
Die Zuhörer schließen die Augen, die Welt ist Klang, die Seele fliegt. Jetzt hat er sich freigespielt, die Musik perlt, die Synkopen swingen, er variiert Blues und Boogie-Woogie-Themen. Jarrett seufzt und jauchzt, er hebt ab, er ist jetzt eins mit dem Flügel. Bravo-Rufe mischen sich in den Applaus. Jarrett steigert sich in einen lyrischen Rausch, die Linke gibt den Rhythmus vor, die Rechte fliegt und jubiliert. Der grüblerische Anfang ist vergessen, jetzt meditiert er über der Tastatur, die Musik zielt direkt in die Seele.
Nach anderthalb Stunden und zwei Zugaben verabschiedet sich Keith Jarrett mit knapper Verbeugung, so lakonisch wie bei der Begrüßung. Das Publikum erwacht, pfeift, brüllt, tobt, dann strömt es hinaus in die laue, warme Nacht, benommen und glücklich. Noch vom Flughafen ruft Jarrett seinen Produzenten Manfred Eicher an und sagt in dem ihm eigenen Understatement: "Ich glaube, wir haben da was".
"Rio" heißt das im November veröffentlichte Doppelalbum, es ist eine Meisterleistung von Künstler, Toningenieuren und natürlich Eicher, dem Kopf des Plattenlabels ECM. Es ist nichts für Knöpfe im Ohr und iPod, zu schade zum Herunterladen. Man braucht große, satte Boxen, einen vernünftigen Verstärker, die Original-CD oder Vinyl, so wie damals in Köln. "Rio" ist Jarretts bester Solo-Auftritt seit dem "Köln Concert". Und diesmal kann ich sagen: Ich war dabei.
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