Keith Richards solo Rock'n'Roll am Ende des Tunnels

Nach 22 Jahren schiebt Keith Richards mal wieder ein Soloalbum ein, "Crosseyed Heart". Zur Feier des Ganzen gibt es noch ein Filmporträt bei Netflix, in dem Richards über Ohrfeigen und Enkel plaudert.

Netflix

Auf die Frage, ob er tatsächlich immer bewaffnet sei, lächelte Keith Richards mal besonders breit, griff sich in den Hosenbund und zog ein langes Stahlmesser heraus. Das ist einige Jahre her und war für den Rocker damals schon eine bloße Erinnerung an die Zeiten, in denen er sich noch in zwielichtigen Gefilden rumtrieb, um sich allerlei Illegales zu besorgen. Wie gesagt, lange her.

Dieser Tage hält sich Keith Richards, so gut es geht, an Trennkost, hat wohl allen illegalen Freuden des Seins abgeschworen und legt zu Hause hin und wieder Schallplatten von Bach und Mozart auf. Im Dezember wird er 72, und bewaffnet ist er nur noch mit einem losen Mundwerk.

Zuletzt lästerte er über Justin Biebers Musik ("Ein Haufen Müll"), Metallica und Black Sabbath ("Ein Witz"), Rap ("Viele Worte wenig Substanz") und die Beatles-Platte "Sgt Pepper's Lonely Hearts Club Band" ("Ein Mischmasch aus Müll"). Obendrein legte er seinen vier Töchtern nahe, dereinst seine Asche zu inhalieren, so wie er es einst angeblich mit den Überresten seines Vaters tat.

Stellt sich die Frage, ob Keith Richards von allen guten Geistern verlassen ist oder nur ein grimmiger alter Mann? Natürlich nichts von alledem, denn der Rolling-Stones-Co-Chef ist vor allem ein gewitzter alter Profi, der genau weiß, dass diese lässig rausgerockten Lästereien weltweit in Zeitungen und Blogs landen.

Und so startete er vor einigen Wochen quasi nebenbei die PR-Kampagne für sein neues Soloalbum "Crosseyed Heart", mit dem er nun nach 22 Jahren seine Solokarriere fortsetzt. Begleitend dazu zeigt Netflix die neue Richards-Dokumentation "Under the Influence".

Glassplitter-Stimme, Moorleichen-Gesicht

Zum Ende der Sechzigerjahre hin hatte Keith Richards ja mal verkündet, dass "nicht jeder 70 werden könne". "Drei- oder viermal" habe er in seinem Leben "das Licht am Ende des Tunnels" erblickt und sei jedes Mal "schockiert" gewesen, wenn er es dann doch wieder geschafft habe, berichtete Richards dem "Rolling Stone".

Aber die Hürde zu seinem 70. Geburtstag hat er dann auch noch genommen. Kein Wunder, dass immer wieder gemunkelt wird, der Veteran habe das Geheimnis des ewigen Lebens entdeckt.

Angemessen tiefenentspannt beginnt dann auch "Under the Influence" mit Bildern von Blumen zu klassischer Musik. Fast wie bei einer Beerdigung. Aber dann erklärt Keith Richards mit seiner Glassplitter-Gurgel-Stimme, dass man erst erwachsen sei, wenn man unter der Erde ist. Toll ist, dass der Mann, der das sagt, dabei keinen Tag jünger als 71 ausschaut. Im Gegenteil, mit seinem von vielen Falten zerknautschten Gesicht könnte er auch als Jahrhunderte alte Moorleiche durchgehen.

Der neue Film bietet keine tiefergehenden Erkenntnisse, keine Lästereien oder Skandale.

Letztlich ist es ein Liebesfilm über des Künstlers größte Leidenschaft, die Musik. Musik sei letztlich "das Zentrum von allem", sagt er da gleich zu Beginn. Und Muddy Waters setzt er selbstverständlich auf Augenhöhe mit Mozart und Beethoven.

Malen-nach-Zahlen-Rock

Es waren dann auch Platten von Muddy Waters und Chuck Berry, die Mick Jagger unter dem Arm hatte, als er auf einem Bahnsteig im Oktober 1961 erstmals mit Keith Richards ins Gespräch kam. Im Film hält Richards diese Platten in die Kamera und seine ungebrochene Freude über die Musik und die darauf basierende Freundschaft vermittelt sich immer noch.

Während er eine Zigarette nach der nächsten raucht, was man ja sonst so nur noch bei Helmut Schmidt sieht, schwärmt Richards da von Blues und Country, von den USA und von Chicago und erzählt, wie ihm Chuck Berry mal eine gewischt hat, weil er dessen Gitarre zu nahe gekommen war. Und er kommt auf den "Dritten Weltkrieg" zu sprechen: Die Eiszeit mit Mick Jagger, als Keith Richards, um überhaupt was zu tun, seine Solokarriere startete.

"Under the Influence" ist natürlich auch angereichert mit Bildern von der Entstehung des neuen Albums, das letztlich so wie alle seine Soloplatten geraten ist: Mal charmant, meistens egal.

Es ist Malen-Nach-Zahlen-Rock; ein entspannter Mix aus Blues, Rock'n'Roll und, tja, Reggae. Letztlich ist die Platte aber ein weiterer Beleg dafür, dass Keith ohne Mick (wie auch umgekehrt) nur halb so gut ist. Und dass eine Band eben doch mehr ist als die Summe ihrer Teile. Den Zauber der großen Rolling-Stones-Momente konnten Jagger und Richards alleine nie einfangen.

Wahrscheinlich zählt Keith Richards schon die Tage, bis er wieder mit den Stones ins Studio darf, ein weiteres Album hat er gerade angekündigt. Ansonsten verrät er am Ende des Films noch, wie sehr er sich über Enkelkinder freut. So kann man alt werden.

insgesamt 22 Beiträge
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thousandguitars 17.09.2015
1.
Bin ja neugierig, ob das Album sein Gepöbel der letzten Wochen rechtfertigt... Edit: OK! Den Job hat Tom Petty schon vor 25 Jahren abgeliefert. Schade, Keith! Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Aber das Gesetz gilt wohl nicht für Ikonen des Rock. Btw... Ich bin erstaunt, dass so ein menschliches Wrack derart hübschen Nachwuchs erzeugen konnte,
qbert123 17.09.2015
2.
gab es nicht heute morgen schon einen Artikel zu diesem "Musiker", oder ist das ein Fehler in der Matrix? Das ist der fünfte in diesem Monat...
pb-sonntag 17.09.2015
3.
Gott schütze uns vor Pest, Unwetter und eben vor dieser bedeutungslosen Stones-Platte.
thousandguitars 18.09.2015
4. @qubert123
Tja... Große Namen machen eben Schlagzeilen. Sogar mit Nichtigkeiten.
thousandguitars 18.09.2015
5.
Da höre ich mir doch jetzt lieber die banalen Beatles an...
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