Kelela live im Berghain Hauch der Stimme, Herz der Maschine

Die Sängerin Kelela hat mit "Take Me Apart" eins der gehyptesten Pop-Alben des Jahres aufgenommen. Im Technoclub Berghain in Berlin präsentierte sie es live - und es klang noch besser.

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Von Tobi Müller


Sie hat ein auf der Klippe der Gegenwart taumelndes Album herausgebracht mit soulsatter Maschinenmusik, das dem Popbetrieb den Kopf verdreht. Sie singt über die Liebe, über Unterwerfung, über Dominanz, aus der Perspektive einer schwarzen Frau. Sie preist den Genuss vieler Sexualitäten, vieles klingt queer und hip. Doch da steht meistens irgendwo ein Mann in ihren Liedern herum - als Arsch oder als Angebeteter. Kelela aus Washington D.C. bietet vielen Platz zum Kuscheln. Wie Hipster-Weihnachten, wo auch Papi willkommen ist.

Entsprechend voll ist das Berghain, Berlins berühmte Tanzdiele, gebaut aus altem Beton, Feierdisziplin und ewigen Wünschen nach Überschreitung. Es gibt wenige Konzerte im Jahr, wo man die Vorfreude im Raum zittern sehen kann. Kelela betritt die Bühne im wogenden Nebel und sagt freundlich, aber bestimmt: Macht die Zigaretten aus, I am struggling.

Kelela, die zwei Sängerinnen und auch die beiden Musiker an Knöpfen und Keyboard tragen alle Weiß. Feiern im Laborkittel, Sex im Sektengewand. Jeder nach seiner Fassong, denken die Berliner, die nicht alle Englisch verstehen wollen und erstmal weiterrauchen.

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Kelela live: Feiern im Laborkittel

Was dann rund 90 Minuten lang folgt, lohnt die Giftpause. Kelelas Musik atmet live noch besser als auf dem etwas arg gehypten, musikalisch teilweise konventionellen R&B-Album mit Schlagseite zum Nu Jazz der frühen Nullerjahre. Es ist sicher eine Kunst und Kelelas Verdienst, Leute für eine Musik einzunehmen, die sie noch vor ein paar Jahren abgelehnt hätten.

Aber im Berghain erscheinen die Konturen ihres Entwurfes sehr klar und fein. Es ist ein erotischer Tanz zwischen dem Hauch der Stimme und dem Herz der Maschine. Beängstigend perfekt, notgedrungen kontrolliert. Der Exzess liegt allein in der Vorstellung, zu der das sanfte Schubsen ihrer Musik einen verführt.

Sie beginnt, wie man ein gutes Liebesspiel eben beginnt: langsam. Muss man sich trauen. Fast leise verströmen die drei Stimmen ihr Gas. Kelela tritt oft in diesen Chor zurück, der wie ein akustisches Instrument wirkt, das eine Landschaft in die Luft malt - mal flächig, mal hügelig, mal vorne, mal hinten, mal dunkel, mal hell.

Kelelas Album "Take Me Apart" verzauberte 2017 Hörer wie Kritiker gleichermaßen

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Es sind diese atmenden Farben und Formen, die die Palette des generischen R&B so deutlich erweitern. Bei Kelela fließen nicht aus jedem Vokal die typischen Melismen, diese Sturzbäche aus Tönen. Sie kann das, aber sie muss nicht. Sie hat die Wahl. Das wirkt souverän. Und doch denkt man nach 10 Minuten, wenn die Beats einen zeitlich zurückwerfen und der Gesang fast schüchtern scheint: Ist das wirklich eins der Alben des Jahres, das hier auch seine Gewöhnlichkeit offenbart?

Und dann öffnet sich der Vorhang zum real Deal. Es macht Swoosh, die elektronische Perkussion stolpert, aber immer nur fast und stets leicht, die Harmonie sagt Pop, das Sehnen spricht: "It's not enough right now." Kelela ist in der Gegenwart angekommen. Und das Berghain bebt. Mach mit uns, was Du willst, Kelela. "Take Me Apart", wie ihr Album heißt.

Die neuen und alten Berlinerinnen und Berliner, die auf Nikotinentzug sind, haben ja ein offenes Herz, wenn der Abend voranschreitet. Kelela sagt: Ich habe so oft an diesen Raum gedacht, als wir das Album aufgenommen haben. Ja, das Berghain und seine famose Soundanlage.

Das erste Stück des Albums nimmt den Laden auseinander

Sie sagt auch, dass ihr Vater im Publikum sei und sie das Konzert ihm widme. Später kündet sie an, dass sie gleich weinen werde, weil es im nächsten Song um bedingungslose Liebe gehe, darum, dem andern den Rücken zu decken, komme, was wolle. Sie weint dann wirklich. Da ist der Club nur noch eine Masse aus tiefenenstpannten Grinsegesichtern und weichen Körpern. Musik ist Droge Nummer Eins.

Eine für einmal ziemlich forsche, aufsteigende Basslinie nimmt uns an der Hand, nur um dann zu singen: "Let me go!". So klang es zumindest für einen Moment in meinen Ohren, denn das Lied heißt "LMK", es muss also "Let Me Know" geheißen haben. Know oder Go, alles ist so unfassbar soft gerade! Doch jetzt gibt es etwas mehr Druck in den Beats, noch immer wächst die Dramaturgie des Abends gebieterisch ruhig. "Frontline", das erste Stück des Albums, nimmt den Laden dann tatsächlich erstmals auseinander.

Natürlich ist das auf allen Ebenen extrem kontrolliert. Das Handwerk, das Sektenweiß, die optimierte Erscheinung von Mensch und Maschine. Aber die Kontrolle ist eine der Herstellung, die Effekte dagegen sind heiß und flüssig. Kelela gelingt, was wenigen gelingt, so etwas wie dialektische Popmusik.

Verrückt: Dass sie das auch cool beschreiben kann auf der Bühne. Es sei ihr wichtig, dass die Maschinen so klingen, als würde man die Musik im Auto hören, sagt sie. Die Stimmen müssten reichen, um das Konzerterlebnis fühlbar zu gestalten. Wer sein Ziel trotz Halsentzündung so mühelos erreicht wie Kelela, muss sich auch nicht fürchten, es zu klar zu benennen.


Kelela live in Hamburg: 12.12.2017, Uebel&Gefährlich.



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RuedigerGrothues 12.12.2017
1. Metapher, Assoziationen & Co.
"Fast leise verströmen die drei Stimmen ihr Gas." Das muss nicht sein, unter keinem Gesichtspunkt.
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