Renommierter Medienpreis für Hip-Hop Rapper Kendrick Lamar bekommt den Pulitzer. Damn!

Ein großer Moment, nicht nur für den Hip-Hop: Kendrick Lamar kann sich als erster Rapper über den Pulitzerpreis für sein Album "DAMN." freuen. Klassikfans verstehen die Welt nicht mehr.

Getty Images

Drei Journalisten der "New York Times" und des "New Yorker" erhielten am Montag für ihre Recherchen zu sexuellen Übergriffen den renommiertesten Medienpreis der Welt, den Pulitzer. So weit, so verdient, so erwartet.

Dass auch Rapper Kendrick Lamar für sein 2017 veröffentlichtes Album "DAMN." geehrt wurde, ist allerdings eine Überraschung. Laut Preisverwaltungs-Chefin Dane Canedy sei das Album des 30-Jährigen eine "virtuose Liedersammlung, vereint von seiner umgangssprachlichen Authentizität und rhythmischen Dynamik."

Das Album biete "eindringliche Momentaufnahmen, die die Komplexität des modernen afro-amerikanischen Lebens einfangen". Die Entscheidung sei einstimmig getroffen worden - und die Zeit reif dafür. Der Preis werfe ein völlig neues Licht auf Hip-Hop: "Das ist ein großer Moment für den Hip-Hop und ein großer Moment für die Pulitzer!"

Der 1987 in Kalifornien geborene Lamar, den Pharrell Williams mal den "Bob Dylan dieser Ära" nannte, ist nicht nur der erste Rapper, der den Pulitzer bekommt, sondern auch der erste Preisträger, der weder aus der Klassik noch aus dem Jazz kommt.

Er gilt als einer der derzeit bedeutendsten und erfolgreichsten Rap-Künstler und hat unter anderem schon mehrere Grammys gewonnen. "DAMN." ist Lamars viertes Studioalbum. Darauf verhandelt er mit Wucht und Klarheit (hier die Rezension) persönliche und politische Themen. Das Album war lange in den Charts und gehörte zu den am meisten gestreamten Alben des letzten Jahres.

David Hajdu, einer der diesjährigen Musikjuroren und Kritiker der linksliberalen US-Wochenzeitschrift "The Nation", sagte ebenfalls der "New York Times", dass die Jury mehr als 100 Kompositionen berücksichtigt habe, darunter "einige Stücke klassischer Musik, die sich auf Hip-Hop als Ressource stützten", was zu einer philosophischen Diskussion unter den Juroren geführt habe. "Das brachte uns dazu, anzuerkennen, dass Rap-Musik für sich einen Wert hat und nicht nur als Ressource gelten darf für Musik in einem Bereich, der vom institutionellen Establishment im Allgemeinen als seriös oder legitim anerkannt wird."

Aufruhr in der Klassikwelt

Als jemand Kendrick Lamars "DAMN." erwähnt habe, habe es gleich "ziemlich viel Beifall" dafür gegeben, fügte Hajdu hinzu, auch wenn einige Jurymitglieder mit Hip-Hop weniger vertraut gewesen seien als andere. "Aber wir haben die Platte dann angehört und es gab keinen Dissens - nur ein lebhaftes, konstruktives Gespräch."

Die überraschende Vergabe des Pulitzerpreises an Kendrick Lamar sorgt derweil für Aufruhr in der Klassikwelt. Einige reagierten ungehalten auf die Auszeichnung - ein klassischer Komponist nannte sie auf seiner Facebook-Seite sogar "eine Beleidigung". (Eine Auswahl kritischer Social-Media-Posts finden Sie hier).

Doch viele andere begrüßten die Entscheidung. Caroline Shaw, die zweimal mit dem Rapper Kanye West arbeitete und 2013 den Pulitzerpreis für ihre "Partita for 8 Voices" verliehen bekam, veröffentlichte ein Kendrick-Lamar-Video auf ihrem Twitteraccount und garnierte es mit einem Wort: "Yes".

Die Pulitzerpreise, die in diesem Jahr zum 102. Mal vergeben wurden, gelten vor allem als die Top-Auszeichnungen der Journalistenbranche in den USA, aber es gibt auch Kategorien für Theater, Musik und Literatur. Die führen oft ein Schattendasein. Nicht so in diesem Jahr - dank Kendrick Lamar.

bsc/dpa



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chris11114 17.04.2018
1. Endlich!
Man kann von Hip-Hop halten was man möchte, aber was Kendrick Lamar seit Jahren leistet ist einfach nur außergewöhnlich. Er kann schlichtweg das komplette Repertoire. Waren seine anfänglichen Werke noch eher „normaler“ Hip-Hop indem er seine eigenen Probleme bewältigte, aber klassisch auf modernen Beats rappte. Hat sich das spätestens seit To Pimp A Butterfly geändert. Der Mann rappt Texte die wohl auch sich an lyrischen Größen messen lassen müssen (ein Shakespeare hätte es wohl kaum besser gemacht) auf orchestrale „Beats“. To Pimp A Butterfly glich schon mehr einer Oper als dass man es als klassisches Hip-Hop Album ansehen konnte. Jeder Track griff in den nächsten. Das Album erzählte eine Geschichte in der es nicht nur um Lamar’s eigene Probleme (bspw. auch mit der Musikindustrie ging) sondern er sich auch politisch mit vielem befasste. Insbesondere auch mit der Stellung Afroamerikaner in der Gesellschaft. Er wagte es dabei auch unpopuläre Meinungen in der eigenen Szene zu vertreten. Eben dass es nicht nur Rassismus gibt und man schlecht behandelt werde, sondern das auch die Afroamerikanische Community selbst an den Konflikten Schuld sei (the Blacker the Berry hier insbesondere zu erwähnen). Das zeugte schon von einem tiefen Verständnis und Analyse der Problematik der er sich auch selbst als Künstler nicht entzog und auch seine eigene Mitverantwortung thematisierte. Das lässt sich sehr gut zu Beispiel den Autoren der Nachkriegszeit in der Qualität vergleichen, die sich aber eben meist selbst aus der Kritik herausnahmen. Sein neueste Album Damn stellt eher einen Spagat da aus den ersten beiden Alben zusammen mit dem Vorletzten. Er greift wieder eher auf elektronische, Trap-Beats zurück und das orchestrale rückt wieder mehr in den Hintergrund (liegt vielleicht auch daran, dass To Pimp A Butterfly zwar bei der Fachjournalie und Hip-Hop Enthusiasten gut ankam, aber den breiten Rap-Mainstream etwas verfehlte im Vergleich zu den vorherigen Alben). Er hat sich aber lyrisch definitiv nochmal gesteigert. MMn wäre für To Pimp A Butterfly der Preis noch fast verdienter gewesen. Kendrick Lamar besticht insofern als dass er nicht nur ein sehr sehr guter Musiker ist mit einem enormen Gespür auch für die Kombination verschiedener Genres (Jazz, Funk, Soul, Rock, aber eben auch klassische Musik) sondern auch ein extrem guter Lyriker. Würde man seine Texte nur als Gedichte verlesen so würden ihm vermutlich diese alleine einen Weltruhm bescheren. Er ist definitiv ein absoluter Ausnahmekünstler dieser Zeit, der sich auch nicht vor dem Vergleich mit Größen wie Notorious BIG aber eben auch einem Berthold Brecht (um einen deutschen Vergleich zu bemühen) nicht verstecken muss. Man kann wirklich nur hoffen, dass er der Welt lange erhalten bleibt und auch weiterhin solche Meisterwerke hervorbringt.
bolte316 17.04.2018
2. Antithese zum Echo
Im Gegensatz zu den aktuell viel diskutierten deutschen Beiträgen zum Hip-Hop Genre sind Lamars Texte klug, reflektiert und mutig. Der größte Unterschied ist jedoch, dass Lamar bereit ist seine Werke zu diskutieren. Und so bekommt, wer zum Nachdenken anregt und inspiriert zu Recht den Pulitzer. Und wer dumm provoziert um Kohle zu machen bekommt zu Recht den Echo.
spon-1261606882621 17.04.2018
3. Respekt!
Respekt an die Juroren, die sich aus dem herausbewegen, was für sie altbekannt ist und die kommenden Diskussionen nicht scheuen. Auch bin ich beeindruckt, dass sie sich die Mühe gegeben haben Kendricks Texte in der Tiefe zu verstehen. Denn oftmals sind diese für den unerfahrenen Hörer fast kryptisch und gespickt mit Referenzen und entfalten erst beim genauen Hinhören ihre volle Wirkung. Auf jeden Fall eine gute Wahl!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.