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Abgehört 2015: Die wichtigste Musik des Jahres

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Ein Hip-Hop-Blockbuster, der eigentlich ein Jazz-Album ist, ein Rock-Album, das gar keins ist, eine Diskurs-Band aus Hamburg entdeckt die Romantik: Wir stellen die besten und wichtigsten Platten des Jahres 2015 vor. Heute: Teil 1.

Kendrick Lamar - "To Pimp A Butterfly"
(Top Dawg/Interscope/Universal, veröffentlicht im März)

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"Oh America, you bad bitch, I picked cotton that made you rich/ Now my dick ain't free", das ist nur eine der Verszeilen (aus "For free?"), mit der Kendrick Lamar im März quasi über Nacht seinen Status als wichtigster Conscious-Rapper seiner Generation zementierte. Wie es unter prominenten US-Künstlern mittlerweile zum guten Ton gehört, veröffentlichte der 27-Jährige aus Compton den mit Spannung erwarteten Nachfolger von "Good kid, m.A.A.d. City" von einem Tag auf den anderen und ohne großes PR-Gewese über Apples iTunes-Store. Nach dem selbstbewussten Veröffentlichungsakt stellte sich heraus: Dem Hip-Hop-Meilenstein von 2012 folgte ein weiterer, der weit über sein Genre hinaus weist.

Erneut zeigt sich Lamar auf "Butterfly" als versierter Lyriker. Seine Refexion des Alltagslebens der Schwarzen in Amerika, teils an sich selbst gespiegelt, teils auf Kunstfiguren oder den gestrauchelten Schauspieler Wesley Snipes ("Wesley's Theory") projiziert, sind keine Pamphlete oder Kampfansagen; der Rap-Erzähler Lamar bettet seinen Frust auf die Verhältnisse in lakonische, aber packende Storys ein, nur selten wird es konkret, etwa wenn demonstrativ der Name Trayvon Martin fällt, jener von einem Weißen in vorgeblicher Notwehr erschossene Jugendliche, nur eines von unerträglich vielen afroamerikanischen Opfern von Polizei- oder Rassengewalt.

Umso eindrücklicher handeln Tracks wie "King Kunta", "Instutionalized", "Hood Politics" oder "The Blacker The Berry" vom Lebensgefühl eines jungen Schwarzen, der versucht, in einer feindseliger werdenden Umgebung seinen gesellschaftlichen Wert zu ermitteln - und dabei vor lauter Perspektivlosigkeit nicht der Gewalt und dem zerstörerischen Gangsta-Lifestyle zum Opfer zu fallen, sondern positiv zu bleiben, trotz allem ein gutes und erfülltes Leben hinzukriegen. Mag die Lage auch noch so conflicted und düster erscheinen.

Was "To Pimp A Butterfly" darüberhinaus zu einem Meisterwerk macht, ist die musikalische Umsetzung, denn Lamar, dessen eigentlicher Nachname eigentlich Duckworth ist, bedient sich nicht nur beim swingenden, vom Funk infiltrierten Hip-Hop der Neunziger, sondern ließ sich von den Musikern aus der kalifornischen West-Coast-Get-Down-Posse um den Produzenten Terrace Martin und den Saxophonisten Kamasi Washington, ein in allen Tracks des Albums präsentes Free-Jazz-Leitmotiv erstellen, der einerseits in die Sechzigerjahre, die Zeit der Bürgerrechtskämpfe verweist, andererseits die Fusion- und Crossover-Experimente der mit Washington und Bassist Thundercat verbändelten Brainfeeder-Posse um Flying Lotus aus dem Avantgarde-Sektor in den Hip-Hop-Mainstream transportiert.

2015 war ein Jahr, in dem angesichts der wachsenden Gewalt viel über afroamerikanisches Bewusstsein diskutiert wurde - ob in den analytischen Essays von Roots-Vordenker Questlove Thompson oder in der bis in den Boulevard hinein geführten Debatte um den Kino-Blockbuster "Straight Outta Compton". Aber wohl niemand zog auf seinem Album so viele verblüffende und kluge Verbindungslinien zu schwarzer Kultur-Heritage wie Kendrick Lamar - und blieb dabei so smooth, so funky und lässig im Heute verwurzelt.

Kendrick Lamar - To Pimp A Butterfly

Kendrick Lamar: To Pimp a Butterfly (2015) auf tape.tv.

Jamie xx - "In Colour"
Young Turks/Beggars/Indigo, veröffentlicht im Mai)

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Gosh, damit hatte man nicht gerechnet: Ausgerechnet Jamie Smith, der sich in Interviews mit der ohnehin schon extrem introvertierten Band The xx immer am schüchternsten gab, veröffentlichte im Spätsommer als Solo-Künstler eines der besten und euphorischsten Elektronik- und Dance-Alben. Smith, man kann es sich denken, steht im Club natürlich am liebsten an der Bar oder am Rand des Dancefloors, da, wo es dunkel ist und man sich ungesehen ein bisschen, ganz zaghaft, zum Beat wiegen kann, ansonsten aber seine Ruhe hat: "I go to loud places/ To search for someone/ To be quiet with".

Rausch und Ekstase werden auf "In Colour" deswegen nur in homöopathischen Dosen verabreicht, im schamanischen "Gosh" zum Beispiel, im Hall und Wabern von "Girl" oder im Party-Dub von "Good Times". Die Clubnacht, sie wird zum sanften Auf und Ab aus Hände-in-die-Luft und Shoegaze, stets leitmotivisch begleitet von köstlich klöppelnden Steeldrums, ein- und aussetzenden Beat-Fragmenten und Gastsängern, darunter auch Romy Madley Croft und Oliver Sim von The xx.

Wiedererkennungswert ist also gegeben, aber in Wahrheit befreit sich der in der Szene als Remixer und Produzent gefeierte Smith mit "In Colour" aus dem monochromen Soundkorsett seiner Band. Schicht um Schicht schiebt und stapelt er Klänge, Effekte, Samples und Rhythmen in- und aufeinander, trotzdem bleibt jeder Track auf unheimliche, erhabene Weise abgeklärt und transparent. Ein Summen im Ohr, ein seliges, versonnenes Lächeln, ein Blick in die aufgehende Sonne auf dem Weg nach Hause.

Jamie XX - In Colour

Jamie xx: In Colour (2015) auf tape.tv.

Tame Impala - "Currents"
(Caroline/Universal, veröffentlicht im Juli)

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"Or is there something wrong with it?", fragte Kevin Parker kokett kurz nach dem Ende von "Let it Happen", dem verblüffenden ersten Song seines verblüffenden dritten Albums "Currents". Nein, gar nichts war verkehrt, im Gegenteil. Auch wenn Tame Impala dann im Spätsommer wieder als komplette Band und mit zugehöriger Rock-Attitüde auf der Bühne standen, das Statement von "Currents" war ein wichtiges: Denn wenn selbst die in den vergangenen Jahren von Kritikern und Publikum als Hoffnung des Stadion-Rock'n'Rolls gefeierte Gruppe um Parker sich einem elektronischen, artifiziell-sphärischen, von Pink Floyd und Steely Dan über Daft Punk bis Michael Jackson reichenden Pop-Spektrum zuwendet, dann ist Rock gerade nicht en vogue.

Vom Fuzz und Hall der ersten beiden Tame-Impala-Alben befreit, scheint Parkers Songwriter-Kunst umso heller. Das Überthema von "Currents" ist die Entpuppung, ein großes, vehementes, aufatmendes, berührendes und beglückendes Coming-out eines Musikers ("Yes, I'm Changing", "Brand New Person, Same Old Mistakes"), dessen kommender Einfluss auf die Indierock- und Elektronik-Szene noch gar nicht abzuschätzen ist.

Vielleicht bleibt Parker aber auch der versponnene, in sich vergrübelte Außenseiter, ein Weirdo aus down under, dessen Hang zur Verschrobenheit ihm schon beim nächsten Album zum Verhängnis wird. Sein offenkundiger Mut und Wille, selbst schmalzigsten Synthie-Pop ("'Cause I'm A Man") zu umarmen, lässt jedoch eine große Karriere erahnen. "And suddenly I am the phony one, the only one with a problem", beklagt sich Parker in einer dieser Dreampop-Hymnen auf "Currents". Nee, gar kein Problem: Alles richtig gemacht.

Tame Impala - Currents

Tame Impala: Currents (2015) auf tape.tv.

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Julia Holter - "Have You In My Wilderness"
(Domino/Goodtogo, veröffentlicht im September)

Unsere Originalrezension lesen Sie hier.Einer der größten Pop-Skandale des Jahres war ja, dass die Berliner Konzerte von Joanna Newsom und Julia Holter am selben Abend stattfanden. Die beiden Kalifornierinnen hatten im Herbst ihre neuen Alben veröffentlicht (über Newsoms "Divers" lesen Sie nächste Woche an dieser Stelle), und natürlich wollte man beide Konzerte dringend erleben. Musikalisch haben Holter und Newsom gar nicht so viel miteinander zu tun, beide aber sind hochtalentierte, literarisch und kulturell gebildete Künstlerinnen, die mit selbstkomponierter und -produzierter Musik neue Wege beschreiten, Traditionen aufgreifen und brechen, in etwas Neues, absolut Begeisterndes verwandeln, das zum Glück keinen Genre-Namen hat.

Beide Musikerinnen eint auch eine Aura der kunstsinnigen Entrücktheit, wahrscheinlich macht sie diese unprätentiöse, instinktive Erhabenheit zu glühend verehrten Kritiker-Darlings. Mit "Have You In My Wilderness" verstörte Julia Holter einige Kollegen, weil sie sich diesmal, nach Mittelalter-Musik und Hollywood-Musical, ein durchaus zugängliches Genre als Schablone für ihre nun gar nicht mehr so arg ätherischen Songs aussuchte: Den Singer/Songwriter-Rock von Siebzigerjahre-Musen wie Joni Mitchell, Carly Simon, Carole King und Kate Bush - Pionierinnen, als es darum ging, dem male-gazing im Pop eine distinktiv weibliche Perspektive entgegen zu setzen.

Vor dieser Kulisse entstanden verspielt-verspulte Pop-Songs wie "Feel You", "Silhouette", "Sea Calls Me Home", die mit seufzenden Streichern und klimperndem Spinett auch immer wieder auch Holters Faible für Kammermusik reflektieren. Einer von vielen Höhepunkten des Albums ist das in Progrock und Jazz ausufernde "Vasquez".

Worum es in den impressionistischen Texten geht, die Holter mal flüsternd, mal mokant, mal mit heller Engelsstimme vorträgt? Keine Ahnung. Vermutlich um nichts Geringeres als die Ewigkeit, die Transzendenz von Raum und Zeit und die Schönheit von Gefühlen, selbst den unangenehmeren. In Interviews, berichtet ein Kollege, redet Holter übrigens so leise, dass man sie kaum versteht. Umso vernehmlicher ist aber ihre immer selbstgewisser werdende Stimme als Sängerin und Songwriterin, die sich nun dem Pop geöffnet hat. Und eine ähnliche Offenbarung war dann auch ihr Konzert im Berghain. Schon nach ein paar Songs war der Ärger über den verpassten Newsom-Auftritt verflogen. Ausgelöscht von Staunen und Glück.

Julia Holter - Have You In My Wilderness

Gol Diss: Have You In My Wilderness (2015) auf tape.tv.

Tocotronic - "(Das rote Album)"
(Vertigo Berlin/Universal, veröffentlicht im Mai)

Unsere Originalrezension lesen Sie hier.

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Michael Petersohn/ universal music

Ist Ihnen schon langweilig? Ich weiß, bisher hat es noch jedes Tocotronic-Album in die Abgehört-Jahrescharts geschafft. Aber was soll man machen? Jetzt kann ich es ja zugeben: Auch wenn man als Journalist ja immer unvoreingenommen bleiben soll (als Pop-Kritiker übrigens eine der schwierigsten Übungen), hatte ich mir dieses Mal vorgenommen, die neue Tocotronic so richtig mies zu finden. Warum auch nicht? Nach den Meisterwerken "Kapitulation", "Schall & Wahn" und "Wie wir leben wollen" schien alles gesagt, alles ausgelotet, der Diskurs geführt. Was sollte uns denn diese vermeintlich saturierte Hamburger Band, von der längst die Hälfte in Berlin lebt, noch erzählen? War es denn nicht Zeit, den Jüngeren zuzuhören, die Trümmer oder Die Nerven heißen, oder Isolation Berlin?

Ja, vielleicht, aber dann erschien das unbetitelte "rote" Album und fegte jeden Widerstand davon. Musikalischer, melodischer, dringlicher hatte man Tocotronic noch nicht gehört, die noch auf dem letzten Album lautstark kratzenden Gitarren waren durch einen differenzierten, popwilligen Sound ersetzt worden, der bei den Smiths, den Stranglers und bei Aztec Camera ansetzt. Plötzlich entstanden in dieser Musik, die man so gut zu kennen glaubte, ungeahnte neue Räume. Schnell wurde klar, dass diese im Song "Ich öffne mich" manifestierte Aufgeschlossenheit sich auch in den Texten Dirk von Lowtzows offenbart, der hier das Politische gegen das Private tauscht und einen romantischen Bildungsroman entwirft, vom "Rebel Boy" des Sturm und Drangs über die institutionalisierte "Solidarität" bis zum nächtlich-phantasmagorischen Wiesen-Spaziergang "Diese Nacht".

Es geht um Liebe, sogar um Sex, um das Erwachen der Gefühle und den Aufbruch in das bisher unerforschte Land der Emotionen ("Jungfernfahrt"). Gestärkt, souverän und von viel Schwermut-Ballast und Grübelei befreit gaben sich Tocotronic dann auch am 1. Mai bei ihrem Auftritt im Kreuzberger SO36-Club. Es war, passend zu einer der wirkmächtigsten Platten des Jahres, eines der besten und energischsten Konzerte dieses Jahr.

Tocotronic - Das Rote Album

Tocotronic: Das Rote Album (2015) auf tape.tv.

Das war natürlich noch nicht alles! Teil zwei von "Abgehört 2015" lesen Sie kommende Woche Dienstag.

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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1. Musik wie Eigenurin
Ehrmantraut 08.12.2015
ekelhaft, öde, pissig, der Grund warum ich keine mehr kaufe, beliebig, spießig, stereotyp, kein Chipseffekt, zum Weghören, lauwarmes Bier, Sprudel ohne Rülps ..
2.
alphabit 08.12.2015
Von dieser "wichtigsten" Musik habe ich noch nie was gehört, und werde ich wohl auch nicht.
3. Ulkig
maikelg 08.12.2015
obwohl ich nicht eben wenige Platten/CD's mein eigen nenne, ist mir bis auf einen keiner der Interpreten überhaupt bekannt, von den aktuellen Elaboraten gar keines. Was soll ich davon halten? Bin ich zu alt? Zu uninteressiert? Lese ich zu wenig? Höre ich zu wenig? Nö, vermutlich handelt es sich einfach nur um eine höchst persönliche Meinung und sonst nix.
4.
angst+money 08.12.2015
Seltsam, wie viele Leute es als Qualitätsurteil für Musik betrachten, ob sie selber schon mal den Namen gehört haben. "Zu uninteressiert" passt schon. Hier im Forum scheinen sich eh nur Bluesrock-, Tool- und "handgemacht"-Fans zu tummeln. In einem muss ich den Nörglern aber recht geben: der Begriff "wichtig" im Zusammenhang mit Musik war schon in den 90ern hanebüchen.
5.
ancoats 08.12.2015
Zitat von maikelgobwohl ich nicht eben wenige Platten/CD's mein eigen nenne, ist mir bis auf einen keiner der Interpreten überhaupt bekannt, von den aktuellen Elaboraten gar keines. Was soll ich davon halten? Bin ich zu alt? Zu uninteressiert? Lese ich zu wenig? Höre ich zu wenig? Nö, vermutlich handelt es sich einfach nur um eine höchst persönliche Meinung und sonst nix.
Na, dann müssen Sie aber in den letzten Jahren im (pop-)musikalischen Tiefschlaf gewesen sein, was aktuellere Musik angeht - das sind weiß Gott allesamt keine unbekannten Spezialacts schräger Musikjournalisten. Und das sag ich alos jemand, der stracks auf die 60 zugeht...
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Top Alben 2015
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Kamasi Washington: The Epic

    2. Kendrick Lamar: To Pimp A Butterfly

    3. Joanna Newsom: Divers

    4. Balbina: Über das Grübeln

    5. Thundercat: Where The Giants Roam (EP)

    6. Algiers: Algiers

    7. Isolation Berlin: Körper (EP)

    8. Natalie Prass: Natalie Prass

    9. Julia Holter: Have You In My Wilderness

    10. Prurient: Frozen Niagara Falls

    11. Tocotronic: "Das rote Album"

    12. FKA Twigs: M3L155X (EP)

    13. Oneohtrix Point Never: Garden Of Delete

    14. Romano: Jenseits von Köpenick

    15. Destroyer: Poison Season


Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.


Best-of "Abgehört"

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