Kendrick Lamar in Frankfurt James Brown, Michael Jackson - diese Liga

Es riecht nicht nach Testosteron, nur nach Dope: Kendrick Lamar ist auf Europa-Tournee. Der Lieblingsrapper der Obamas bringt Politik auf die Bühne - und die Halle zum Beben.

Kendrick Lamar auf der Bühne (bei den Grammys 2018)
Getty Images for NARAS

Kendrick Lamar auf der Bühne (bei den Grammys 2018)

Von Klaus Walter


Zum Valentinstag hat Michelle Obama ihrem Gatten eine Spotify-Playlist geschenkt. Da finden sich die üblichen Verdächtigen, Beyoncé und Rihanna, aber auch Evergreens von älteren weißen Männern: Elton Johns "Your Song" oder "I Love You Just the Way You Are" von Billy Joel. Und die erklärten Lieblingsrapper des Ex-Präsidenten: Chance The Rapper und Kendrick Lamar.

Bei den Grammys 2016 hatte Lamar eine fulminante, buchstäblich erschütternde Show zur Lage der Nation hingelegt. In Sträflingsklamotten hinter Gittern mit seiner Crew, aneinander gekettet wie einst die Chain Gangs auf den Plantagen, Ku-Klux-Klan-Kapuzenmänner entzünden einen Scheiterhaufen, am Ende die Silhouette von Afrika. In zehn Minuten von der Verschleppung der Sklaven zur Polizeigewalt gegen Schwarze: Black Lives Matter - zur besten Sendezeit vor einem Millionenpublikum. Barack Obama gratulierte per Twitter.

Am Donnerstag, dem Tag nach Valentin, schenkte Kendrick Lamar 11.500 Leuten in der ausverkauften Frankfurter Festhalle einen Abend, den sie so schnell nicht vergessen werden. Vielleicht nie.

Beim Auftakt seiner Europatour ließ der 30-jährige Rapper aus Compton, Los Angeles, ein paar Worte fallen, die erklären könnten, warum er zum Lieblingsrapper der Obamas wurde und zur wichtigsten politischen Stimme des afroamerikanischen Pop: "Donald Trump's in office. We lost Barack and promised to never doubt him again." Der pflichtschuldig daherkommende Kommentar zur Zeitenwende findet sich in "XXX", Lamars Kooperation mit der irischen Bekennerrock-Combo U2. Die Abwesenheit Bonos fällt weder negativ auf noch positiv. Sie fällt gar nicht auf. Das von vielen herbeigesehnte Politische am Auftritt Kendrick Lamars, das funktioniert auch ohne breitbeinige Testimonials, ohne zitierfähige Slogans und wohlfeile Parolen.

Es beginnt schon beim Vorprogramm. Ausgerechnet James Blake teilt mit Lamar die Bühne, ein weißer Brite, der mit seinem schon mal ins Weinerliche kippenden Crooning zu vertracktem Spät-Dubstep den Gegenentwurf zu Lamars energiegeladenem Rap darstellt. Ein Hip-Hop-Publikum alter Schule hätte diesen Weichling von der Bühne gebuht. Lamars Fans wissen, dass ihr Idol mit dem Typen schon zusammengearbeitet hat und bereiten Blake einen warmen Empfang, sogar ein klarer, transparenter Sound wird ihm gegönnt, eigentlich ein Unding in der Festhalle. James bedankt sich bei Kendrick für die Einladung, am Ende wird Kendrick sich bei seinem "Brother James Blake" retourbedanken.

Die richtigen Schlüsse aus dem Hip-Hop-Performance-Dilemma

Da sind anderthalb Stunden vergangen, in denen Kendrick Lamar alles richtig macht, weil er nichts von alledem macht, was er hätte machen können. Als heißester Rapper des Planeten hätte er eine superslicke Band auf die Bühne stellen können. Nix da. Kein DJ-Darsteller, der authentischen Straßenrap simuliert. Wo sind die Tänzerinnen? Nicht mal einen Kostümwechsel gönnt er sich. Nichts. 90 Minuten Kendrick pur, im Dialog-Duett mit sich selbst. Die Band ist neben der Bühne versteckt. Und die Halle bebt.

Lamar hat die richtigen Schlüsse gezogen aus dem ewigen Dilemma der Hip-Hop-Performance. Er versucht erst gar nicht, die riesige Halle nach den Regeln eines Rockkonzerts zu bespielen: Song, Applaus, nächster Song, Applaus und so weiter. Stattdessen greift er zurück auf Showbizformate der großen Entertainer aus der Vor-Rock-Ära, Sinatra, Sammy Davis junior, ein Touch Liberace, und kombiniert diese mit den originären Errungenschaften des Rap.

So entsteht ein magisches Dreieck. Hinten die Tonspur mit den Playbacks seiner Songs, die hier wundersamerweise noch mehr Sweet Soul verströmen als auf Platte, in der Mitte Kendrick, der mit unfassbar präzisem Timing mit sich selbst ins Gespräch kommt, gerne im Stakkato, und vorne der Chor der Siebentausend. Schon bei "Damn", dem zweiten Song des Abends, wird die Halle zum Dancefloor, stellenweise auch zum Moshpit, die Menge singt Refrains, droppt Phrasen, ein rasendes Call and Response, Hände in die Luft, Handys in die Luft, auf Kendricks Kommando plötzlich ein Lichtermeer, wer braucht Feuerzeuge, wenn Smartphones heller leuchten?

Der Chor der Siebentausend feiert eine Messe

Und das Tollste: wie gelehrig dieser Publikumschor ist! Was für ein Schauspiel, wenn ein Haufen Deutsche Wort für Wort diese Textungetüme mitrappt. Aber was heißt hier Deutsche? Die Crowd kommt direkt aus dem Bilderbuch der Diversity, United Colors of Frankfurt, es riecht nicht nach Testosteron, nur nach Dope. Küssende Paare, lachende Gesichter, leuchtende Augen.

Der Chor der Siebentausend feiert eine Messe und Kendrick ist der Preacher, auch für die Agnostiker unter uns. Ganz in Weiß steht er auf der Bühne, er trägt eine Art Mantel, der nach unten in Fäden ausläuft, halb Papst, halb Kung Fu.

Und ein bisschen Ali. Zwischendurch verlässt Kendrick Lamar die Bühne und performt ein paar Songs in einem illuminierten Käfig in der Mitte der Halle. Dann lässt sich der 1,68 Meter kleine, jungenhafte Mann von sehr großen, sehr kräftigen, weniger jungenhaften Männern in Schwarz durch einen Gang zurück auf die Bühne geleiten, gravitätisch schreiten sie daher, wie einst ein schwarzer Boxer, der im weißen Bademantel den Saal zu betreten pflegte, tänzelnd seine Gegner besiegte und bald seinen Sklavennamen ablegte. Aus Cassius Clay wurde Muhammad Ali.

Er ist kein begnadeter Tänzer wie Ali, wie James Brown oder Michael Jackson, aber ja: In dieser Liga spielt Kendrick Lamar. Ein "Us-Thing" sei das gewesen, sagt er am Ende, unser Ding, "We did this shit together". Kommt selten vor in dieser Zeit, dass man sich so freudig erregt einem "wir" anschließen möchte. "I will be back" sind seine letzten Worte. Das wollen wir hoffen!

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Kendrick Lamar sei zum Playback aufgetreten. Dies haben wir auf Hinweis des Konzertveranstalters geändert. Darüber hinaus haben wir die Zuschauerzahl korrigiert.


Kendrick Lamar ist mit "The DAMN. Tour" am 22. Februar in Köln zu sehen und am 5. März in Berlin.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vitalik 16.02.2018
1.
Der Mann ist sicherlich gut, aber in der selben Lige wie Micheal Jackson oder James Brown spielt er (noch) nicht mit. Hits wie Thriller kennt wohl jeder, welches Lied von Kendrick Lamar würde da ranreichen?
lomax3030 16.02.2018
2.
Also ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber das ist die Musik einer neuen Generation. Meine Eltern konnten mit Michael Jackson auch wenig anfangen. Kendrick ist schon richtig gut. Und der Verfasser meinte wohl eher qualitativ in der gleichen Liga und nicht den Bekanntheitsgrad. Sonst wären es auch 70.000 im Stadion gewesen und nicht 7.000 in der Festhalle. Wobei man wohl auch das geschafft hätte. Immerhin hat Humble 440 Millionen Aufrufe bei YouTube in einem Jahr. Genauso viele wie Thriller in 8 Jahren. Nicht so schlecht.
Papazaca 16.02.2018
3. Kendrick, wer?
Ja, ich kenne seinen Namen. Aber in den Charts von "you FM" meiner Radiostation zum Kochen, ist er nicht unter den ersten 100. Dann sehe ich in dem "Rolling Stone" nach und unter den besten Alben von 2017 taucht "Damn" als das fünfbeste Album von 2017 auf.. Ok, mit "Empire State of Mind" von Jay Z kann ich viel anfangen, mit Dance Hall und afrikanischer Musik auch, purer Rap langweilt mich inzwischen eher. Er wird ja auch oft "gesoftet", siehe Eminem und Ed Sheeran. Ich werde mir mal sein Album "Damn" in aller Ruhe anhören,... Aber der Vergleich mit Michael Jackson und James Brown? Die waren beide Giganten. Übriges James Blake mit seiner dekonstruierten Musik hat richtig gute Sachen gemacht. Und: Der Lamar-Artikel hier im SPON gefällt mir auch. Wenn mir jetzt noch Lamars Album gefällt, werde ich ihn nach der Fastenzeit zu Ostern anhören, mit netten gefüllten Ostereiern, sozusagen zweckentfremdet, weit von Lamars Heimat Compton entfernt. Ich als optionaler Verbraucher in Sachen Rap und Schokolade ....
patsche2712 16.02.2018
4. Kendrick Lamar...
...ist Langeweile pur, politischer Hip Hop ist heutzutage so gut wie tot, Leute wie Chuck D, die wirklich was zu sagen haben, sucht man im Hip Hop heute eher vergeblich.
spon-facebook-1513519320 16.02.2018
5. Eher ein glatter Blockbuster auftritt
Ich habe den Auftritt anders wahrgenommen. Eher aalglatt, professionell und etwas blutleer. So wie ein Blockbuster Movie (sagen wir mal Batman) im Kino. You can do it once in a while. Aber das wars auch schon. Ich Lamer letzte Winter in Brooklyn gesehen. Ganz ohne Bombast und Show Brimborium. Das war tight. Das war Epic. Das war kostenlos. Bei 85 Euro für ne Karte von einem WIR Ding zu sprechen finde ich albern. Aber manchen schmeichelt das natürlich. Fotos von Gestern > IG @downtownberlin
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.