Kendrick Lamars HipHop-Meisterwerk Liebt euch, ihr schwarzen Schmetterlinge!

HipHop-Hoffnungsträger Kendrick Lamar hat über Nacht sein neues Album "To Pimp a Butterfly" veröffentlicht - ein sanft fließendes Meisterwerk aus Soul, Jazz und politischer Botschaft. Es dürfte viele Hörer elektrisieren.

Lamar-Album "To Pimp a Butterfly": Schwarze erobern das Weiße Haus

Lamar-Album "To Pimp a Butterfly": Schwarze erobern das Weiße Haus

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"Keep calm. All is well", twitterte Kendrick Lamar um sechs Uhr morgens, als sich im Internet ein Sturm der Aufregung entfachen wollte: Bleibt ruhig, alles ist gut. Seit ein paar Stunden war Lamars zweites, mit wachsender Spannung erwartetes Album über iTunes und Spotify veröffentlicht worden, eine Woche früher als annonciert. Offenbar reagierte Lamars Label Top Dawg damit auf ein drohendes Leck beim Vertriebspartner Universal, worüber sich Labelboss Anthony Tiffith wiederum via Twitter heftig echauffiert hatte: "Irgendjemand wird dafür bezahlen müssen!"

Lamar indes hat allen Grund, Ruhe zu bewahren: "To Pimp a Butterfly", so der Titel seines neuen Albums, ist der große Wurf, auf den die Szene gewartet hat. Es ist ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, das allerdings bei Weitem nicht so klingt, wie man sich die aktuelle Produktion eines Rap-Superstars vorstellt. "Butterfly" ist das selbstbewusste Statement eines veritablen Beat-Poeten, der fast komplett auf klassische HipHop-Beats verzichtet. Über fast 80 Minuten erstreckt sich seine Musik als schillernder Flow aus Funk-, Soul- und Free-Jazz-Elementen.

Inspiriert wurde das ganz offensichtlich von Avantgarde-HipHopper Flying Lotus und seiner ebenfalls in Los Angeles basierten Low-End-Theory-Posse. Lamar war auf Lotus' kaleidoskopischem Album "You're Dead!" als Gastrapper dabei, nun werkelte dessen Bassist und Co-Producer Thundercat gleich auf mehreren Lamar-Stücken mit. Das Ergebnis ist ein faszinierend aktueller Sound, der gleichzeitig zu den Ursprüngen des Genres im Jazz und Spoken-Word verweist. Mehr als zeitgenössische Rapper und Star-Produzenten stehen hier Klassiker wie Gil Scott-Heron und The Last Poets Pate, gleichzeitig werden Funk-Pioniere wie Parliament und Roy Ayers zitiert. Folglich stammen auch die prominentesten Gastauftritte von Altmeistern wie George Clinton, Ronald Isley (und Snoop Dogg), während experimentierwillige Hipster wie Flying Lotus, Taz Arnold und Sounwave die Produktion ins Heute transportieren.

Rap-Hoffnungsträger Kendrick Lamar: Beat-Poet, der weiß, was er will
Universal Music

Rap-Hoffnungsträger Kendrick Lamar: Beat-Poet, der weiß, was er will

Dieses mutige, eklektizistische Klangkonzept überrascht umso mehr, da selten in letzter Zeit so viel Druck auf einem Hoffnungsträger der Szene lastete. Das Debüt-Album des aus L.A.s berüchtigtem Problembezirk Compton stammenden Rappers, "Good Kid, m.a.a.d. City", verkaufte sich 2012 allein in den USA eine Million Mal; Lamar wurde als lyrisch begabter Erzähler des Reim-Genres gefeiert, Pharrell Williams verglich seine Songwriterkunst mit der Bob Dylans, ein Kritiker sah in Lamars situativer Prosa, mit der er einen ganz normalen Tag in seinem Teenagerleben re-imaginierte und damit ein romanhaftes Alltags-Panorama schuf, gar Parallelen zu Joyces wortmächtigem "Ulysses".

Auf die Coming-of-Age-Geschichte folgt die Message

Nach der Coming-of-Age-Geschichte, der Vorstellung des jetzt 27 Jahre alten Künstlers und seiner Wurzeln im West-Coast-Gangsta-Rap der Neunziger, folgt mit "Butterfly" nun Lamars Message. Und die hat es durchaus in sich, wie bereits im vorab veröffentlichten Stück "The Blacker the Berry" auffiel. Denn ähnlich wie die aus Philadelphia stammende Rap-Gruppe The Roots und ihr Vordenker Questlove positioniert sich Lamar als politischer "conscious rapper", der sich in seinen Texten tiefgehende Gedanken über den aktuellen Stand der "Blackness" und der schwarzen Kultur macht. In "The Blacker the Berry", angelehnt an Wallace Thurmans gleichnamiges Buch über Rassismus, nimmt Lamar die lyrische Position der schwarzen Gesellschaft ein, die sich über die Polizeigewalt in Ferguson empört und Tränen über den Tod von Trayvon Martin vergießt. Heuchelei sei das: "So why did I weep when Trayvon Martin was in the street/ When gang banging make me kill a nigga blacker than me? Hypocrite!"

Solange Schwarze andere Schwarze umbringen und sich dem Selbsthass hingeben, solange kann aus der Raupe, die sich in einen dunklen Kokon aus Autoaggression und Konsumismus verkapselt hat, kein schöner Schmetterling entwickeln, jener titelgebende "Butterfly", der nun für eine bessere Zukunft "gepimpt", also fitgemacht und aufgemotzt werden soll. Auch "King Kunta", "Hood Politics" "Institutionalized" befassen sich mit der Identität der Schwarzen, dem "black pride", an den Lamar hier nicht, wie sein Freund und Mentor Kanye West, mit martialischem Lärm und Black-Panther-Ermächtigungsposen appellieren will, sondern mit der Besinnung auf Schönheit, Spiritualität und afrikanische Roots. "I love myself" heißt es in "i" immer wieder, ein Mantra der Selbstliebe.

Performer Lamar: Ging vor dem zweiten Album mit Kanye West auf Welttournee
Getty Images

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Natürlich reibt sich Lamar auch wieder an den alten Recken aus Compton, die er als Kind bewundert hat. Dr. Dre gibt ihm gleich am Anfang das Competition-Credo der Branche mit auf den Weg: "Anybody can get it, the hard thing is keeping it, motherfucker." Doch am Ende steht der Bruch mit der Getto-Mentalität: Im 12 Minuten langen Schlussstück "Mortal Man" begibt sich Lamar in einen - ziemlich unheimlichen - Dialog mit alten Interview-Schnipseln seines verstorbenen Vorbilds Tupac Shakur. Wie es denn mit den Schwarzen weitergehen werde, will er von der Westcoast-Legende wissen. Es steuere alles auf ein Blutbad hin, sagt der von den Gang-Kriegen der Neunziger geprägte Rapper. Doch Lamar, die nächste Generation, durchbricht diese aus der Vergangenheit gedachte Zukunft: "Das ist verrückt, Mann. Meiner Meinung nach ist die einzige Hoffnung, die wir haben, die Musik."

Wie päppelt man einen Schmetterling auf? Ganz klar, mit Liebe! Und davon ließ Kendrick Lamar jede Menge in seinen Love-, Peace- und Hippietraum eines Albums fließen. Es hat die Wucht, das intellektuelle Potenzial, aber auch den Groove und die Emotionalität, sich wie ein kühlender, heilender Balsam über die Gewalteruptionen der jüngsten Vergangenheit zu legen.



insgesamt 5 Beiträge
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janoschw 16.03.2015
1.
Das Album wird polarisieren, das steht auf jeden Fall fest. Alle, die ein sich Beat-Feuerwerk erhofft haben werden wohl enttäuscht sein - allerdings ist das Album wirklich sowohl vom lyrischen als auch melodischen Aspekt ein ganz großer Wurf. Es ist noch etwas zu früh um es gleich als Meisterwerk zu bezeichnen - davor muss ich es mir noch einige Male anhören. Es ist auf keinen Fall das Album, das ich erwartet habe - begeistert bin ich trotzdem.
dob_0 16.03.2015
2. bereits sein drittes Album
Kleine Korrektur: Das im Artikel beschriebene Album ist bereits das dritte von Kendrick Lamar. Sein Debut war "Section.80" (2011). Richtig ist, dass erst "Good Kid, M.a.a.d. City" sein großer Durchbruch war und ihn zu dem Rap-Star gemacht hat, der er heute ist.
alpcan 17.03.2015
3.
ach. nur weil einer weiss, wie man recherchiert, was andere künstler über einen gesagt haben und mit fancy wörtern um sich schmeisst, macht ihn das noch lange nicht zum genre-experten. nur schon der fakt, dass der autor den künstler "lamar" nennt, zeugt von absoluter unwissenheit und treibt mich zur weissglut. wieviele sogenannte "hip-hop-meisterwerke" kann der autor wohl aufzählen? wahrscheinlich 0-2. aber auch beim spiegel will man halt cool sein.
misterxyz 17.03.2015
4. Golden age
Das Album ist das Ergebnis von einer neuen Generation Producern die mit der Golden Age Ära groß geworden sind.
warhol66 17.03.2015
5. ärgerlich/Weissglut
@alpcan: Solche unnötigen, überheblichen Kommentare ärgern mich wiederum immer. Was ist der Nutzen dieser Verbreitung schlechter Laune? Welcher Problem ist daran, wenn der Autor den Musiker bei seinem (eigentlich zweiten Vornamen, hier aber als selbstgewählten) Künstler-Zweitnamen wählt? Wo stellt der Autor sich als Genre-Experten dar, und was soll dieses immer wieder gerne hier aufgebrachte "der Spiegel will cool sein"-Gelaber? Wen's stört, dass ein wirklich interessanter Musiker wie Kendrick Lamar auf diese Weise einem anderen, vielleicht größeren Publikum bekannt gemacht wird, soll halt dabei bleiben, Sparten-Webseiten für HipHop und Rap zu lesen. Dieses unnötige Angepisstsein, wo nichts problematisch ist, ist einfach ärgerlich und bringt niemanden irgendwie weiter. Soll hier lieber nur über voll etablierte und bekannte Musiker wie Coldplay geschrieben werden, damit sich andere wieder beklagen, dass der Spiegel über nur über das gleiche schreibt? (Apropos: wer "fancy wörter" schreibt, redet wohl als erstes von sich, wa?)
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