Neues Album von Kendrick Lamar Jesus der Verdammten

Es ist eines der wichtigsten Musik-Ereignisse des Jahres: "DAMN." Das vierte Album von US-Rapper Kendrick Lamar erzählt mit spiritueller Wucht und brillanter Pop-Klarheit, wie der Superstar sich in seine Rolle als politische Symbolfigur einfindet.

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Da hat er sich ja ganz schön was eingebrockt. Schon kurz nach seiner Veröffentlichung zu Beginn dieser Woche sorgte das Cover-Artwork des neuen Albums von Kendrick Lamar im Internet für Furore.

Unzählige Mems fluteten die sozialen Netzwerke mit mehr oder minder geistreichen Unterzeilen und Deutungen (eine Auswahl ist hier zu sehen) für das Fotomotiv, das den Rap-Superstar mit gesenktem Haupt unter der in großen, blutroten Versalien geschriebenen Titelzeile zeigt: "DAMN." Am Freitag ist das vierte Album des jungen Kaliforniers über die gängigen Musik-Anbieter zum Streamen oder kostenpflichtigem Download veröffentlicht worden.

Spätestens vor zwei Jahren war Kendrick Lamar mit seinem politisch aufgeladenen Album "To Pimp A Butterfly" und einem provokanten Auftritt bei der Grammy-Verleihung zur Symbolfigur für ein neues Bewusstsein in der schwarzen Popkultur angesichts wachsender Rassenspannungen und Polizeigewalt in den USA geworden. "Butterfly" inspirierte und ermutigte zahlreiche prominente Black-Music-Künstler von Beyoncé bis A Tribe Called Quest, sich ebenfalls mit Fragen schwarzer Identität in Zeiten von Rechtsruck und Trumpismus zu beschäftigen. Entsprechend gespannt wartete die Musikwelt auf ein neues Statement des einflussreichen Rappers aus Compton, Los Angeles.

"Damn", dieser Ausruf heißt im Englischen so viel wie "Verdammt nochmal" und kann sowohl tiefe Frustration als auch perplexes Erstaunen ausdrücken - beide Varianten, die eine politisch, die andere privat, werden auf dem Album reflektiert. Dass sich der 29-jährige Lamar erstmals so klar und unverstellt auf dem Cover abbilden lässt, ist signifikant: In Songtiteln, die sich ebenso expressiv und apodiktisch wie der Albumname lesen - "BLOOD.", "LOVE.", "LUST.", "GOD.", "FEAR" etc. - zieht er sich zunächst ins Persönliche zurück, um die vergangenen zwei Jahre des Ruhms und der Überforderung auszuloten und zu bewerten.

Das plakativ Politische, die wütenden Jazz- und drückenden Funk-Elemente von "Butterfly" weichen einem zugänglicheren, bestechend effizienten und reduzierten Klangpanorama, das Lamar über weite Strecken erneut zusammen mit dem Nukleus seines Labels Top Dawg Entertainment gestaltet hat: Hausproduzent Sounwave ist ebenso wie Top-Dawg-Eminenz Anthony Tiffith an den meisten Kompositionen beteiligt, Akzente setzen Hitproduzenten und Songwriter wie Mike Will Made It und Greg Kurstin. Als Gäste treten unter anderem Rihanna ("LOYALTY."), Sänger Zacari ("LOVE."), James Blake (ELEMENT.) und die irische Rockband U2 ("XXX.") auf.

Doch diese Features können und sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass "DAMN." in erster Linie eine deutliche Positionierung Kendrick Lamars ist: Der von ewiger Paranoia und Selbstzweifeln geplagte Westküsten-Rapper erhebt mit seinem neuen Album nicht nur den Anspruch, politische Inspirationsfigur zu sein. Er will mit prägnanten Hits wie der Vorab-Single "HUMBLE.", der fast schon zu simplen Ballade "LOVE." oder dem schwungvollen Rihanna-Duett "LOYALTY." auch die Charts-Konkurrenz auf die Plätze verweisen.

Das gilt allen voran dem kanadischen Pop-Rapper Drake, aber auch Über-Ego Kanye West, dessen Selbstinszenierung als "Yeezus" vor einigen Jahren mit dem Aufstieg und Wachsen Kendrick Lamars immer weniger Gültigkeit hat. Wenn sich West mit seinem erratischen Verhalten im vergangenen Jahr und seinem Treffen mit Donald Trump in den Augen vieler Fans zum Judas gemacht hat, umarmt Kendrick Lamar mit "DAMN." nun vollends die ihm zugeschriebene Rolle des Hip-Hop-Messias.

Lamar ist der Black Jesus

So werden die Qualen, die er in Stücken wie "LUST." umreißt, sich immer wieder gegen die materiellen und sexuellen Verheißungen des Ruhms wehren zu müssen, um eine klare Sicht auf die Notlage der Nation zu bewahren, so werden das drei autobiografische Ereignisse verknüpfende Sieben-Minuten-Triptychon "FEAR." oder die kurze, heftige Selbstbeschwörung "HUMBLE." auch zu einem Passionsnarrativ, das zur Demutspose auf dem Cover passt: Wenn Soul-Urvater Isaac Hayes in den Siebzigern "Black Moses" war, ist Kendrick Lamar der "Black Jesus", dessen Unsicherheiten und Ängste zu Gleichnissen für das unterdrückte, aber von Gott auserwählte schwarze Volk werden. Ja, so weit gehen die Metaphern an mancher Stelle von "DAMN." - und ja, verdammt, da hat er sich ganz schön was eingebrockt.

Aber Kendrick Lamar ist eben kein Egomaniac wie Kanye West - und lange nicht so narzisstisch wie Drake: Sein Manifest des Zweifels ist sympathisch, seine Sehnsucht nach Bescheidenheit im Spiegellabyrinth des Glamours ist authentisch: "I'm talkin' fear, fear of losin' creativity/ I'm talkin' fear, fear of losin' loyalty from pride/ cause my DNA won't let me involve the light of god/ I'm talkin' fear, fear that my humbleness is gone/ I'm talkin' fear, fear that love ain't livin' here no more/ I'm talkin' fear, fear that it's wickedness or weakness", formuliert er die Kernaussage des gesamten Albums im Schlüsselstück "FEAR."

Dass "DAMN." an der metaphysischen Überhöhung nicht erstickt, ist vor allem der Klarheit und Souveränität des Songwriters Lamar geschuldet. Sein Rap-Flow ist so divers wie eindrucksvoll, er beherrscht das bedrohlich tiefe Grollen ebenso wie den launig beiläufigen Rant oder das trunken-verschleppte Südstaaten-Idiom. Auch seine Gesangsstimme kommt öfter denn je zum Einsatz, etwa wenn er im schwülstigen Taumel von "LUST." fast klingt wie der einflussreiche Soul-Rapper André 3000 (ehemals OutKast).

Nach der Coming-of-Age-Operette "Good Kid, m.A.A.d. City" und dem packenden Polit-Panorama "To Pimp A Butterfly" und dem Outtake-Album "untitled.unmastered" ist "DAMN." sein vordergründig leichtgängigstes, beinahe pop-schmeichlerischstes Werk. Doch tief im Gewebe dieses eleganten und hochmodernen Hip-Hop-Albums, dessen musikalische Finessen und Verweise man erst nach vielfachem Hören vollständig ergründen wird, schwelt eine existenzielle Dringlichkeit, die es vielleicht zu Lamars bester Veröffentlichung macht.

Der Tod ist immer nur eine Straßenecke entfernt

Denn am stärksten ist "DAMN.", wenn der begabte Straßen-Narrator, der Romancier Kendrick Lamar zum Tragen kommt. Gleich zu Beginn, in "BLOOD." erzählt er mit sonorer Beiläufigkeit von einer Begegnung mit einer alten, blinden Dame, der er auf der Straße zu Hilfe eilen will. Doch dann fallen Schüsse, weil Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe in der vergifteten Atmosphäre der Black Experience durch Misstrauen und Angst erdrückt werden, was immer wieder in einen fatalen Teufelskreis mündet: "Is it wickedness? Is it weakness/ You decide/ Are we gonna live or die", fragt er: Ist es Schlechtigkeit oder Schwäche, die sein Volk vom Guten abhält? Wie auch immer, der Tod, die schiefe Bahn, ist immer nur eine Straßenecke entfernt.

Am Schluss, in "DUCKWORTH." (Kendrick Lamars Familienname), berichtet er, wie sein Chef, Top-Dawg-Boss Tiffith in den Wirren der Gang Wars einst beinahe seinen Vater "Ducky" erschossen hätte: "Because if Anthony killed Ducky/ Top Dawg could be servin' life/ While I grew up without a father and die in a gunfight".

"It was always me versus the world/ Until I found it's me versus me", rappt Lamar im selben Stück in Anlehnung an das prominente Hip-Hop-Todesopfer Tupac Shakur: Aus der Erkenntnis, wie fragil das Leben als schwarzes Kid in Amerika ist, schöpft Kendrick Lamar die Kraft, sich selbst zur Demut zu ermahnen. An seinen aus innerer Unruhe zu Erhabenheit findenden Gospel-Raps kann man sich aufrichten in prekärer Zeit. Damn straight.



insgesamt 3 Beiträge
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gesmer 16.04.2017
1. nun ja...........
Lamar hat aber doch wohl kein Buch geschrieben, wie es die Kritik suggerieren könnte; er hat vielmehr ein Musikalbum veröffentlicht, oder? Und das gebärdet sich musikalisch eher wie der berühmte Teller, dem das Wichtigste fehlt - das Essen!
niobe_craq 19.04.2017
2. Agnus castus
Was soll man nur sagen: Es sind halt Positionierungsversuche, wie man sie von den Schulhöfen könnt. Ein wenig Agnus castus könnte vielleicht für etwas Abwechslung sorgen.
eulenspiegel98 25.04.2017
3. Atcq
Das sich A Tribe called Quest von Kendrick inspririeren ließen, halte ich doch eher für ein Gerücht. Ansonsten ein sehr guter Artikel.
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