Kettcar-Sänger Wiebusch Jugend-Sünder ohne Reue

2. Teil: Kettcar-Sänger Wiebusch über die Herzenskälte der linken Politszene


Beim Thema linke Politszene versteinert sich seine Mine dagegen schlagartig. "Die hat mich in Hamburg ziemlich frustriert", sagt der ehemalige Student, der sich bald in die linke Kulturszene flüchtete: "Da habe ich vielmehr Gleichgesinnte gefunden als in der rein politischen Szene. Da waren so viele Leute mit Herzblut und Spirit dabei. Die Politszene zeichnete sich eher durch Herzenskälte und übertriebene moralische Ansprüche aus. Das waren nicht meine Leute. Jedes Mal, wenn ich für mehr als fünf Mark gespielt habe, war ich in der Szene ein Verräter."

Mittlerweile sitzt Wiebusch in seinem eigenen Plattenlabel im trendigen Hamburger Schanzenviertel, nur einen Steinwurf vom autonomen Zentrum Rote Flora entfernt, vor dem heute nur noch wenige Steine fliegen. Dafür sitzen umso mehr Szenegänger auf der Piazza, denen die Adoleszenz eines Eisbären oder ein Haufen untalentierter Möchtegernsängerstars bei "DSDS" wichtiger sind als die Folgen von Globalisierung oder die Diskussion um ein NPD-Verbotsverfahren. Weil Bands wie But Alive fehlen? "But Alive hatte seine Zeit. Eine extreme Zeit. Ganz viele Songs sind gekoppelt an einen Zeitgeist, einen Zustand, den es heute nicht mehr gibt. Die Politszene ist ja auch dermaßen am Boden."

Wiebusch will den Vorwurf, selber mit Kettcar unpolitischer geworden zu sein, nicht gelten lassen. "'Sylt' ist politischer." Das Album habe die Band mit der Vorgabe geschrieben, dass sie nicht einverstanden ist. "Wir leben aber in komplizierteren und komplexeren Zeiten, so dass es nicht so einfach ist, Antworten zu finden, wie zu Zeiten mit But Alive", sagt Wiebusch, in dessen Texten es mittlerweile eher um das Zwischenmenschliche geht. Sieht man ihn auf der Bühne melancholisch Lieder wie "48 Stunden" oder "Balu" intonieren, bekommt man den Eindruck, er hätte all diese Dramen selbst erlebt. "Beim ersten Album sind die Texte zum Teil autobiografisch, beim zweiten dann fast gar nicht mehr. Bis auf 'Nacht'", sagt Wiebusch und lächelt dabei verstohlen, als hätte er gerade ein Geheimnis gelüftet.

Dabei würde man es ihm fast abkaufen, dass er mit Stockhausen und Bill Gates im Fahrstuhl stecken geblieben ist und plötzlich den gebrochenen Daumen von Carlos Santana hervorgezaubert hat, so wie in dem Song "Stockhausen, Bill Gates und ich". "Ich lebe in einem der reichsten Länder dieser Erde, führe ein behütetes Leben. Es gibt keine Dramen, die ich alle drei Wochen erlebe. Es passiert einfach nicht genug", sagt Wiebusch fast schon entschuldigend.

Das kann man für die aktuelle Tour nicht behaupten: Sieben Konzerte sind alleine in Hamburg hintereinander ausverkauft, die Eintrittspreise liegen unter 20 Euro. "Wir müssen jetzt nicht in den nächsten Jahren alles mitnehmen, was wir kriegen können. Wir werden noch sehr lange Musik machen", sagt Wiebusch. Gemeinsam mit seinen Freunden Thees Uhlmann, Sänger der Band Tomte und Kettcar-Bassist Reimer Burstorff führt er das Label Grand Hotel van Cleef. Uhlmann verrät Wiebuschs Erfolgsrezept: "Marcus ist erfolgreich, weil er nicht erfolgreich sein will. Er will Spaß, Aufklärung, den perfekten Song und Genialität in dreieinhalb Minuten." Außerdem würden sich die 35-Jährigen da draußen freuen, dass da auch einer ist, der so ist wie sie, so Uhlmann.

Die gemeinsame Labelgründung im September 2002 wurde aus der Not geboren. Kein Label wollte damals das Kettcar-Album produzieren. Immerhin bin ich mit meiner Fehleinschätzung nicht alleine.



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