Kettcar-Sänger Wiebusch Jugend-Sünder ohne Reue

Er wollte Talkerin Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen und forderte: Johannes Paul, halt Dein Maul! Marcus Wiebusch ist nach einigen Stationen in Punkbands mit Kettcar erfolgreich. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Mike Glindmeier hat seine Karriere von Anfang an verfolgt.


Eigentlich dürften diesen Zeilen hier gar nicht stehen. Eigentlich müsste ich längst im Chefsessel meines Plattenlabels sitzen und Geldscheine zählen. Eigentlich. Dass ich stattdessen diese Zeilen aufschreibe, liegt an einer Jugendsünde. Anfang der Neunziger übernahmen ein Freund und ich das Booking in unserem Jugendzentrum. Als erste Amtshandlung hörten wir alle Demotapes, die unsere Vorgängerin im Büro gestapelt hatte, einmal kurz durch. Einem Tape widmeten wir etwas mehr Aufmerksamkeit als den meisten anderen, weil der Bandname so beknackt klang: Die vom Himmel fielen. Sie fielen bei uns direkt in den Papierkorb. Eine folgenschwere Fehlentscheidung.

Knapp 18 Jahre später sitzt mir einer der erfolgreichsten deutschen Musiker des Jahrzehnts gegenüber: Marcus Wiebusch, damals Sänger, Gitarrist und Songwriter von Die vom Himmel fielen. Heute übt er eben dieses Ämtertriumvirat bei der Band "Kettcar" aus. Mit Erfolg: Über 100.000 Alben hat die Deutschrockband seit ihrer Gründung 2002 verkauft, zwischenzeitlich waren die Hamburger in den Charts auf Platz 5 geklettert.

"Ich hätte das Tape wohl auch weggeschmissen", beruhigt mich Wiebusch. "Wir waren damals um die 16 und haben das nicht so ernst genommen. Die vom Himmel fielen waren Ärzte für Taubstumme, Tote Hosen für Bekloppte", erinnert sich Wiebusch leicht genervt. Eigentlich würde der Musiker mit mir viel lieber über sein neues Album "Sylt" sprechen, das am 18. April erschienen ist. Doch darum geht es nur am Rande.

Denn der 39-Jährige hat einen ebenso weiten wie abenteuerlichen Weg zum Erfolg hinter sich. Kaum einer hätte zu Beginn von Wiebuschs musikalischer Karriere gedacht, dass der Hüne mit dem breiten Hamburger Slang und dem nasalen Dauernuscheln Erfolg haben würde. Seine erste Platte nahm er 1993 mit seiner damaligen Punkband But Alive auf. Anschließend tourte die Band mit der Punkrocklegende Slime durch ein Deutschland, das zu diesem Zeitpunkt den größten Rechtsruck seit dem Dritten Reich erlebte. Immer wieder kam es zu Brandanschlägen auf Asylbewerberheime. Traurige Höhepunkte waren die Toten von Mölln, Solingen und Hoyerswerda.

Verängstigt auf der Bühne

Slime nahm diese Entwicklung als Anlass, nach der Auflösung im Jahr 1984 wieder zusammen aufzutreten. But Alive wiederum wurde in diese Zeit hineingeboren und setzte sich aktuell und intellektuell mit ihr auseinander. Deshalb war diese Tour für Wiebusch eine ebenso fruchtbare wie frustrierende Symbiose. Auf der einen Seite erlangte But Alive bundesweit Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite erlebten Wiebusch und Co. die negativen Begleitumstände der Popularität.

Die schlichter Gestrickten unter den Slime-Fans standen von je her auf Mitgröl-Texte der Marke "Wir wollen keine Bullenschweine". But Alive wiederum versuchte, durch ihre Texte eher die denkende linke Klientel anzusprechen. In den Songs auf dem ersten Album "Für uns nicht" geht es neben der Verachtung von Nazis beispielsweise auch um sensiblere Themen wie Vergewaltigung ("Gerechtigkeit"), Umweltverschmutzung ("Ohnmacht") oder Tierversuche ("Für uns nicht"). Nicht selten wirkte Wiebusch in den Anfängen mit But Alive auf der Bühne etwas schüchtern, ja fast verängstigt von dem, was da im Knäuel vor ihm herumsprang.

"Alles hat immer auf Slime gewartet, das war manchmal ganz schön heftig", blickt Wiebusch zurück. Mittlerweile hat er mehr Gefallen an unserem Gespräch gefunden, mit wilden Gesten begleitet er die Schilderung seiner Erinnerung: "Da waren Leute dabei, denen war alles egal, die wollten nur 'Bullenschweine' und 'Polizei SA/SS' hören."

Im Osnabrücker Hyde Park, in dem Kettcar am 3. Mai 2008 auftreten wird, hat Wiebusch damals einen Bierbecher an den Kopf bekommen, weil die Meute nicht mehr länger auf den Hauptact warten wollte. In dieser Zeit hat er seine eigene Arithmetik des Punk-Publikums entwickelt: "Ziehst du als Punkband mehr als 400 Leute, kommen immer die Idioten. Bis zu dieser Grenze hast du deine Leute, da ist alles kuschelig." Slime spielte damals vor bis zu 2000 Besuchern. Wiebusch bezeichnet Slime zwar als Entrée in die Szene, weiter will er jedoch nicht gehen: "Wir hätten es auch ohne Slime geschafft. So selbstbewusst bin ich. Slime war der bekannte Sturm, wir waren der frische Wind."

Seit seinem ersten Album habe er sich als Musiker gefühlt und gewusst, dass er dieser Berufung alles hinten anstellen würde, sagt Wiebusch. In den folgenden acht Jahren nimmt But Alive vier weitere Alben auf und entwickelt sich zu einer der beliebtesten und einflussreichsten Punkbands in Deutschland. Wiebusch wirkt auf der Bühne immer selbstsicherer, vor ihm stehen kaum noch besoffene Irokesen, sondern eher linksintellektuelle Studenten, denen denken wichtiger ist als Parole. So wie es Wiebusch in dem But-Alive-Song "Wir vs. Verbitterte Empörung" singt. Gleichzeitig erlebt die Band in Hamburg den Selbstmord einer zerstrittenen und mit sich selbst beschäftigen linken Szene - und nimmt diesen Zustand immer öfter zum Anlass für Kritik an den ehemaligen Gesinnungsgenossen. Lieder wie "Korrekt Teil I bis III" oder "Nicht zynisch werden" standen textlich im krassen Gegensatz zu eher lustigen Songs wie "Johannes Paul, halt Dein Maul" und "Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen", über die Wiebusch heute nur noch lachen kann.



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