Pianistenwelten Schenken Sie uns ein Lächeln!

Zwei Pianisten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Khatia Buniatishvili und Piotr Anderszewski feiern hohes technisches Können extrem sinnlich. Da sind Rachmaninow und Mozart so aufregend wie am ersten Tag.

Esther Haase/ Sony Music

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Die traut sich was! Als ob Igor Strawinskys Klavierbearbeitung seines Balletts "Petruschka" nicht ohnehin schon zu den vertracktesten Pianokompositionen überhaupt gehört, so stürzt sich Khatia Buniatishvili in ihren Konzerten förmlich in dieses tobende Meer der technischen Herausforderungen, als gäbe es kein Morgen. Wirklich alles gelingt ihr, die wasserfallartigen Läufe wie die kraftverliebten Akkordballungen. Allein, sie meistert alle Stürme nicht nur sicher und überzeugend, sondern anscheinend ohne Mühe, mit selbstgewisser Lust am Gelingen. Was einigermaßen beeindruckend wirkt ob der subtil klaren Darstellung. Andererseits gehört gerade dies zu den herausragenden Merkmalen der georgischen Pianistin: die Kombination von Perfektion und Klangsinn. Eine kühle Faszination, überlegen vorgetragen. Man stelle sich vor, sie würde ab und zu ein wenig lächeln, nicht auszudenken.

Aufreizende Leichtigkeit

Natürlich gilt es für sie ebenso die subtilen Prüfungen Sergej Rachmaninows (1873-1943) zu bestehen, natürlich nicht unter summa cum laude. Die Klavierkonzerte Nummer eins und zwei des komponierenden Virtuosen gehören zum bekannten Kanon der Könner, und noch immer rangiert die Aufnahme von 1942, die Vladimir Horowitz und Fritz Reiner einspielten (RCA), zu den Referenz-Darstellungen. Dabei war es bestimmt die schwelgerische Romantik in Verbindung mit fast aufreizender Leichtigkeit, die bis heute überwältigt und Khatia Buniatishvili inspirierte. Dazu Horowitz' lächelnder Esprit, mit dem er vor allem das aberwitzige Finale des dritten Satzes über alle Maßen steigerte: eben der Olymp des Klavierspiels.

Nun hat alle perfekte Technik immer den Haken, dass sie leicht zum Selbstzweck werden kann. Khatia Buniatishvili musste sich diesen Vorwurf der selbstverliebten Brillanz schon mal gefallen lassen. Die georgische Pianistin, 1987 geboren und längst ein Weltstar des Klavierzirkus, kann eben technisch alles und liebt die Perfektion. Legitimer Virtuosenstolz, könnte man sagen, und geschützt durch berauschende Performance, die ihre Konzerte zu verlässlichen Erlebnissen auf Gänsehaut-Niveau machen. Was kann man da verbessern?

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Perfekter Partner Paavo Järvi

In diesem Rachmaninow-Fall stand ihr mit Paavo Järvi ein Dirigent zur Seite, der genau wie sie alles richtigmachte, aber auf seine Art. Mit Disziplin, Klarheit, Sinn für die Meriten des Orchesters (die Tschechische Philharmonie) und finessenreicher Führungsarbeit leitet er Ensemble und Solistin auf gemeinsame Pfade. Man kreuzt die Klingen, aber auf Augenhöhe, Järvi sucht gar nicht erst die Dominanz in diesem emotionalen Dickicht, er setzt lieber Akzente und grundiert die Ausbrüche der Virtuosin.

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Pianistenwelten: Rachmaninow und Mozart in Perfektion

So, wie Paavo Järvi mit der Kammerphilharmonie Bremen zu außergewöhnlichen Ensemble-Leistungen gelangte - er leitet und formt das Orchester seit 2004 enorm erfolgreich -, so gestaltet er auch mit den emotionalen tschechischen Philharmonikern einen feinsinnigen Rachmaninow und haucht den vermeintlich totgerittenen Konzert-Schlachtrössern frisches Leben ein. Offenbar genau das, was auch Khatia Buniatishvili gefiel: So belebt und packend hörte man sie lange nicht. Da glänzte sogar das berühmte Horowitz-Lächeln auf!

Atemlos durch Mozarts Nacht

Mit Wonnen ganz anderer Art bezaubert Piotr Anderszewski. Mozarts Klaviermusik erfordert von Pianisten Höchstleistungen, die nicht allein im technischen Bereich liegen: Anschlagskunst und Gestaltungssinn wie nicht von dieser Welt. Wie komplex und tiefsinnig sinnlich man Mozart spielen kann, zeigte Grigory Sokolov auf seiner jüngsten Tournee. Er spielte unter anderem die c-Moll-Fantasie K47, und sein Auditorium folgte ihm atemlos durch die Nacht der bodenlos dunkelblau glänzenden Emotion. Danach ist man als Hörer verdorben für andere Interpretationen.

Oder man greift zur neuen Aufnahme desselben Werkes vom polnischen Pianisten Piotr Anderszewski. Und staunt. Das klingt zarter als bei Sokolov, traumverlorener. Man kann es einmal sagen, namenlos schön, wie Anderszewski leiseste Töne zum Glühen bringt und den Hörer damit in seine Klangwelt zieht. Seine Supertechnik ist ein schwebender, aber entschlossener Anschlag, dynamisch genial abgestuft, perfekte Dramaturgie und zielführende Spannung.

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Fantaisies

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Piotr Anderszewski legte an sein Spiel schon in jungen Jahren höchste Niveauforderungen, stieg lieber aus einem Wettbewerb aus, als unter seinen Möglichkeiten zu bleiben. So geschehen in Leeds 1990. Sein Debüt in der Wigmore Hall ein Jahr später geriet dann umso beeindruckender. Mit Robert Schumanns c-Moll-Fantasie op. 17 taucht Anderszewski beinahe in noch tiefere Abgründe als bei Mozart, aber keine Angst: Man kann ihm folgen. Er weiß, wo es langgeht.



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